Prüfung, Test, Examen

Prüfung, Test, Examen
In den Wochen vor den großen Schulferien dreht sich das hektische Karussell von Prüfungen und Tests, das den Prüflingen den Schlaf raubt und den Lehrern eine Menge Arbeit bereitet. Ach, denkt da so manch einer, wäre doch die Schule schön, gäbe es diese verdammten Prüfungen nicht! Gern vernimmt man daher die Botschaft, alles könne einfacher sein, wäre nur erst das gesamte Prüfungswesen zentralisiert, gäbe es endlich einheitlich geltende Examina für alle Fächer.
von Karin Pfeiffer
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Die sogenannten Standard-Tests

Seit längerer Zeit laufen politische Bemühungen darauf hinaus, regional unterschiedliche Lehrpläne durch vereinheitlichte Standardtests zu ersetzen. Das Bildungswesen folgt hierin dem allgemeinen Trend zur Zentralisierung. Allerdings muß man sich klarmachen, dass die damit einhergehenden Maßnahmen gravierende Veränderungen auf pädagogische Einrichtungen haben werden. Die Standardisierung verändert den Charakter der Schule grundlegend. Sie wird umgewandelt in eine abhängige Filiale der zentralen „Bildungsbehörde“; es entsteht eine pädagogische Planwirtschaft. Schmackhaft gemacht wird uns das mit so harmlos klingenden Begriffen wie „Harmonisierung“ oder „Vereinheitlichung“. Das hört sich gut an. Was aber verbirgt sich hinter solch magischen Formeln?
Werbung und Propaganda sprechen die Gefühle an. Wo Gefühle die Führung übernehmen, flüchtet der Verstand. Die Begriffe „Harmonisierung“ und „Vereinheitlichung“ erzeugen gute Gefühle. Doch deutet nicht schon die Nachsilbe „-ung“ auf gewisse Zwangsmaßnahmen hin, ohne die der politisch angestrebte Zustand nicht herbeizuführen ist?
Wir fragen: Was ist denn da ungleich, was der Gleichmacherei bedürfte? Weshalb soll das Ungleiche gleich werden? Welche Art Gleichheit ist denn überhaupt gemeint? Eine weitere, nicht unwesentliche Frage lautet: Wer ist die Autorität, die sich das Recht herausnimmt, den vielen vorzuschreiben, was offensichtlich nur wenige wollen?
Wer der Magie der politischen Formeln erliegt, wird nicht solche Fragen stellen. Über kurz oder lang findet er sich eingebunden in eine noch nie dagewesene Top-down-Befehlsstruktur. Seine Aufgabe ist die Erfüllung von Planvorschriften. Die Erledigung der vorgegebenen Aufgaben wird amtlich überwacht, individuelle Vorhaben müssen im vorhinein offengelegt werden (Antrag stellen). Das klingt ein wenig nach Orwell. Dabei meint es niemand böse ... Doch ist es eine Weichenstellung, die alle Betroffenen zu Handlungsweisen zwingt, unter denen wiederum alle leiden. Eine Absicht steckt nicht dahinter, aber eine unbarmherzige Logik. Und wir sind alle betroffen.
Zentralisierung bringt stets einen Zuwachs an Bürokratisierung mit sich, was die Beschneidung individueller Entscheidungskompetenzen bedeutet. Bürokratisierung geht einher mit charakteristischen Erscheinungsformen: zahlreich stattfindende, sich endlos hinziehende Konferenzen, Sitzungen in Gremien, formelle und informelle Besprechungen, mühsame Schreibtischarbeit, Antragstellen für Kinkerlitzchen, Einreichen von Planungsentwürfen, zeitraubender Formular- und Schriftkram, fortwährendes Suchen, Sammeln, Ordnen, Abheften usw. ...
Schule ist keine zweckfreie Einrichtung. Ihre Aufgabe ist die Vermittlung von Wissen und Bildung. Hiermit stellt sich nun die wichtigste aller Fragen: Werden Kerstin oder Florian, Serdar oder Abdul durch politische Bemühungen in einen höheren Stand der Erkenntnis gesetzt? Lernen sie leichter, besser, schneller, freudiger? Werden sie sich an der Schule wohler fühlen denn je? Nein? Aber irgend einen Vorteil muß das alles doch haben ...
Wozu überhaupt Prüfungen?

Prüfungen dienen ursprünglich dem banalen Zweck, den Erfolg des Unterrichts zu bewerten. Dabei stehen nicht bloß Fleiß und Auffassungsgabe des Schülers auf der Prüfwaage. Indirekt bewertet wird auch die Tauglichkeit von Lernstoff und Unterrichtsmethode. In diesem Sinne sind Prüfungen eine pädagogische Herausforderung, der sich Schüler und Lehrer stellen müssen. Beide wissen, worauf es bei einer solchen Prüfung ankommt. Der Schüler stellt sowohl seine Begabung als auch seinen Lerneifer unter Beweis. Er übt sich in den Tugenden des Fleißes, der Sorgfalt und des Durchhaltevermögens. Prüfungen fungieren als Ansporn zu geistiger Anstrengung, sie verleihen dem nicht immer unterhaltsamem schulischen Tun einen gewissen Sinn, teilen die Zeit rhythmisch ein; Phasen der Anstrengung wechseln mit Zeiten geistiger Erholung. Inhalt und Form der willens- und wachstumsfördernden Schulprüfung ist stets individuell am jeweiligen Unterricht ausgerichtet. Folglich ist nur der unterrichtende Lehrer selbst in der Lage, entsprechende Prüfungsfragen vorzubereiten.
Standardisierte Tests verfolgen andere Zwecke. Weder nach Form noch nach Inhalt nehmen sie Rücksicht auf die individuellen Voraussetzungen der einzelnen Kinder. Eigenarten und spezielle Bedingungen des Unterrichts bleiben ausgespart. Da Standardtests keinen lebendigen Bezug zum praktischen Unterrichtsgeschehen haben, ist eine zielstrebige Vorbereitung darauf kaum möglich. Damit wird die Prüfung zu einer Art Glücksspiel, bei dem man gewinnt oder verliert.
Je standardisierter der Test, desto künstlicher die Prüfungssituation. Nicht das gemeinsam mit dem Lehrer erarbeitete Wissen wird abgefragt, sondern das, was dem Lehrer nun von außen aufgetragen wurde und was ihm daher selbst fremd erscheinen muß. Fremdheit und Unberechenbarkeit sorgen für Streßgefühle – bei Schülern und deren Lehrern.
Ein neues Berufsprofil: „Bürokratenpädagoge“

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: es geht mir um Leistungsprüfungen in den Pflichtschuljahren. Der Grundschullehrer, der einen bundesweiten Standard-Test mit seinen Schülern durchführen muß, gibt damit ungewollt die eigene Autorität preis. Als Befehlsempfänger gibt er Anweisungen weiter und überwacht die Ausführung der Arbeit. Zwar ist er im formalrechtlichen Sinne immer noch Pädagoge, praktisch aber erledigt er die Arbeit eines Beamten: er empfängt Befehle und führt diese aus. Das Wesen der Bürokratie offenbart sich in Stapeln von Papier und Akten. Die Arbeit des „Bürokratenpädagogen“ zentriert sich immer mehr auf den leidigen Schriftkram wie Protokolle erstellen, Tabellen ausfüllen, Formulare ergänzen, Notizen sammeln. Wo bleibt da Zeit für die pädagogische Arbeit, das Lernen mit den Kindern?
Die fortschreitende Zentralisierung der Herrschaft prägt die Atmosphäre des persönlichen Umgangs miteinander: sie wird amtlich, will sagen papieren. Wie bei einer Behörde existieren auch in der Schule unter einer Zentralverwaltung viele Verantwortlichkeiten, aber keine persönliche Verantwortung. Die vielen Verantwortlichkeiten betreffen ausschließlich den Dienstweg und den formalen Zettelkram. Für das Gemüt und die Seele des Menschen trägt niemand Verantwortung. Hannah Arendt nannte die Herrschaft der Bürokratie treffend „Niemandsherrschaft“. Die Maschine des Zentralismus arbeitet exakt und herzlos, sie schert alle und alles über einen Leisten – und niemand ist zuständig: Tut mir leid, dafür bin ich nicht zuständig/befugt/weisungsberechtigt, so heißt es.
Der autonome, selbständig wirkende Lehrer wußte, was seine Schüler benötigen und wie er ihnen begegnete, um sie zu fördern. Die Mitarbeiter der Schulbehörde, weitab vom Ort des Geschehens, können beim besten Willen nicht wissen, welche Bedürfnisse Kerstin, Florian, Serdar und Abdul haben. Aber mehr noch: Kerstin, Florian, Serdar und Abdul sind für die Ministerialbeamten, für Vertreter der Schulaufsicht und Experten der politiknahen Institute erst gar nicht existent. Für sie gibt es nur das Abstraktum „Schüler und Schülerinnen“. Wie sollten sie sich auch der einzelnen Individuen annehmen? Und in der Tat, sie kümmern sich um anderes – die Pädagogik ist ein herausragender Wirtschaftssektor, in dem nicht nur fachliches Geltungsstreben eine Plattform findet, sondern wo auch viel Geld verdient werden kann. Die Sorge um die persönlichen Lernerfolge und das Lebensglück von Kerstin, Florian, Serdar und Abdul steht dem machtpolitischen Bestreben allenfalls im Wege.
Wendell Berry beschrieb das Unheil, das aus Zentralisierung und Bürokratisierung erwächst, mit klaren Sätzen: „Ich glaube nicht, dass „globales Denken“ vergeblich ist, ich denke, dass es unmöglich ist. Sie können nicht über etwas nachdenken, was Sie nicht kennen, und niemand kennt diesen Planeten. Manche Menschen kennen ein bisschen, ein paar kleine Teile von ihm ... Die Menschen, die global denken, tun dies, indem sie den Globus abstrakt auf Statistik und Quantitäten reduzieren. Politische Tyrannen und industrielle Ausbeuter haben dies sehr erfolgreich betrieben. Ihre Konzepte und ihre Gier sind abstrakt, und ihre Abstraktionen führen mit erschreckender Direktheit und Einfachheit zu Handlungen, die ohne Ausnahme zerstörerisch sind. Wenn Sie etwas Gutes und Bewahrendes tun wollen, müssen Sie lokal denken und handeln. Die Bemühung, etwas Gutes zu tun, bedeutet Verzicht auf das Globale. Man kann nicht eine gute Handlung vollführen, die global ist ... damit eine gute Handlung gut sein kann, muss sie akzeptabel sein für das, was Alexander Pope den „Genius des Ortes“ nannte. Dies verlangt nach regionalem Wissen, regionalen Fähigkeiten und regionaler Liebe, die so gut wie niemand von uns hat, und die niemand von uns bekommen kann, indem wir global denken. Wir bekommen sie nur durch eine Treue zur Region, die wir über mehrere Lebensspannen aufrechterhalten müssen ... ich wünsche mir nicht, dass Menschen mich lieben, die mich nicht kennen.“ (1)
Lernen und Verwaltung vertragen sich nicht

Das mögen ungewöhnliche Gedanken sein. Vielleicht werden sie dem einen oder anderen als Übertreibung erscheinen. Mir ist auch klar, dass pädagogische Erwägungen die politische Weichenstellung kaum je beeinflussen werden. Dennoch sind sie nicht umsonst, wenn sie bei einem Teil meiner Leser eines erzeugen: Nachdenklichkeit.
Wir dürfen unser Leben nicht gewissenlos in die Hände jener Personenkreise legen, deren Aufgabe einzig darin besteht, uns zu verwalten. Verwaltetwerden ist kein Ziel erfüllten Daseins. Der Staat mitsamt seinen Einrichtungen mag in vielerlei Hinsicht nützlich sein, doch eines ist er nicht: ein fürsorgliches Lebewesen, das für das Wohl des einzelnen Untertanen sorgen kann. Der Staat, das ist eine Fiktion. Echt hingegen sind wir, die Menschen. Jeder einzelne von uns bildet mit den anderen die Gemeinschaft, die sich spontan zusammenfindet und so im Notfall jeder füreinander sorgt. Ausschließlich dort, wo wir täglich wirken, können wir Gutes tun, ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder eben in der Schule. Um Gutes tun zu können, müssen unsere Hände frei sein, nicht durch Vorschriften und Verbote gefesselt. Von Kafka stammt der treffende Aphorismus: „Die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier.“
Weil es so wichtig ist, sei es wiederholt: Niemand – kein einzelner in der Schulbürokratie – meint es böse. Die in der Verwaltung Tätigen sind allesamt ehrenwerte Männer und Frauen, brave Bürger und liebenswürdige Zeitgenossen. Viele von ihnen spüren den Widersinn so mancher bürokratischer Maßnahmen, ohne jedoch die Möglichkeit zu haben, etwas zum Besseren zu ändern.
Pädagogik und Bürokratie: ein Widerspruch

Was wir brauchen, ist die Befreiung des schulischen Wirkens aus der Willkür staatlicher Planung und Verwaltung. Handlungsinitiative und Verantwortung müssen zurückgelegt werden in die Hände jener Personen, die mit den Kindern leben und lernen. Nicht Zentralisierung, Vereinheitlichung, Harmonisierung, Zwang, Aufsicht, Kontrolle und Gängelung können die Probleme beseitigen, mit denen unsere Schule bis zur Schmerzgrenze belastet ist. Schule als Tummelplatz politischer Machtkämpfe und wirtschaftlicher Konkurrenz? Nein, danke! Haben wir den Wirkmechanismus der Politik noch immer nicht verstanden? Pädagogische Probleme bedürfen pädagogischer Lösungen, nicht aber politischer. Und dafür ist allein der Lehrer zuständig: vor Ort!
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(1) Verdummt noch mal ! - Dumbing Us Down: Der unsichtbare Lehrplan oder Was Kinder in der Schule wirklich lernen von John Taylor Gatto; Genius Verlag, Bremen 2009
Foto: pixelio
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Kommentare

Unsere sog. objektiven Prüfungen und Tests nehmen dem Lehrer - ohne dass es jemand bewusst wird - seine wichtigsten Werkzeuge aus der Hand.
Ob Du gut oder schlecht bist, das suggeriert ein Blatt PAPIER. Mit Papier kann man nicht reden. Papier fühlt nichts. Mit Papier bleibt alles beständig so steril wie es am Anfang war. Papier versteht nichts. Papier ist stur - und überhaupt nicht intelligent.
Alle entscheidenden Lebensfragen sind buchstäblich FESTGESCHRIEBEN.
Der Lehrer ist - wie der Schüler - gegenüber dem Papier ein Nichts.
Die Prüfung ist die Krönung des Unterrichts und daher nichts weiter als eine Unterwerfungs- und Einfügeübung.
Kein Mensch interessiert sich bei einer Prüfung in der Schule dafür, was Du wirklich kannst.
Es geht einzig und allein darum, dass du dich der Prüfung unterwirfst.
Wenn dich jeder das ganze Jahr als Genie kennt und du bei der "Prüfung" einen Blackout hast, lügen sie dich an, dass es ihnen leid tue, aber das sei nun mal die Prüfung. Da geht es um die Unterwerfung unter vorgegebene Rituale. Wie ginge es uns, wenn die Lebensmittelprüfung so gemacht würde???
Es ist nicht vorgesehen, dass nach der Prüfung der Lehrer für seine Schüler ZEUGNIS GIBT, er muss ZEUGNISSE SCHREIBEN. Als Ich-kann-Schule-Lehrer war es mir immer wichtig, für meine Schüler ZEUGNIS ZU GEBEN. Das ist in solchem System nicht gerade einfach. Durch Zeugnisgeben kommt heraus, wie wenig Prüfungen prüfen und Prüfungsergebnisse aussagen. Es gibt viel mehr Wesentliches als Geprüftes. Mit dem "Rohstoff Geist" gehen wir um, als spielte Geist bei uns keine Rolle. Er scheint tatsächlich keine Rolle mehr bei uns zu spielen. Bei einem meiner IKS-Vorträge fragte ich die anwesenden LehrerInnen, wie oft sie die Worte GEIST & SEELE die letzten drei Jahre in der Schule gehölrt hätten. Alle bestätigten, die hätten sie dort überhaupt noch nicht gehört. Das ist doch deutlich.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe