Leben mit Behinderung ist keine Leidensgeschichte

von Patricia Haun
Doris Stommel-Hesseler machte einen Aufruf mit der Frage:„Was ermutigt werdende Eltern eines behinderten Kindes, dieses auszutragen und anzunehmen?“ Die Antworten finden sich im Buch: "In mir ist Freude" und beschreiben wertvolle Erfahrungen, kostbare Freundschaften - und was so „ein anderes Leben“ mit sich bringt.
Doris-Stommel-Hesseler, selbst Mutter eines schwerst mehrfach behinderten Jungen wagt sich in ihrem außergewöhnlichen Buch auf ein tabuisiertes Feld vor. Entgegen der landläufigen Meinung macht die Autorin deutlich: Das Leben mit einem behinderten Kind entwickelt sich nicht zwangsläufig zu einer Leidensgeschichte. Leben mit Behinderung ist lebbar.
Lebensbejahende Berichte
„In mir ist Freude“. enthält einen bunten Strauß lebensbejahender Berichte von Angehörigen behinderter Kinder und steckt voller positiver persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen. Sie erzählen von viel Liebe und Wegweisung zusammen mit diesen besonderen Kindern. Ohne zu beschönigen, unverkrampft und sehr persönlich schreibt Stommel-Hesseler in einem Brief an ihren schwerbehinderten Sohn Björn zum 25. Geburtstag: „Das Leben mit dir ist nicht immer einfach, aber es macht stark, es befreit von Vorurteilen, es öffnet die Sicht auf die wichtigen Dinge im Leben.“
Da die Berichte und Aufsätze größtenteils von schriftstellerisch unerfahrenen Autoren geschrieben wurden, wirkt das Buch an manchen Stellen etwas hausgemacht; dafür ist es aber umso authentischer. Die Lebensgeschichten sind illustriert mit Fotos aus Familienalben. Dies läßt im Leser lebendige Bilder entstehen.
Die "besonderen" Menschen
Ziel des Buches ist es, Eltern Mut machen, zu ihrem besonderen Kind zu stehen. Es fällt auf, dass einige Autoren generell statt „behindert“ das Wort „besonders“ verwenden, manche sprechen auch von „besonders Begabten“. In einem Text werden vermeintlich gesunde Menschen sogar „selbst ernannte Nichtbehinderte“ genannt.
So entsteht der Eindruck, dass die Grenzen zwischen Behinderung und Nichtbehinderung fließend sind. Wer setzt hier eigentlich die Maßstäbe? Die Autoren führen den Leser unmerklich an einen Punkt, die eigene Haltung gegenüber gesund, krank, defizitär bis vollkommen zu prüfen. So fragt sich dann vielleicht der „gesunde“ Mensch: „Habe ich die Fähigkeit, Menschen so tief in mein Herz zu schließen, wie viele Down-Syndrom-Kinder dies tun? Nehme ich es mit der Wahrheit immer so genau?“
Ein Gedicht, das zum Nachdenken anregt, geschrieben von Judith Günthner:
Gesund werden
Hier ist ein Mittel
Das es wegmacht
Das Syndrom
Hat nicht mehr
Solche Augen
Kurze Finger
Fällt nicht mehr so auf
Nicht mehr dieses Weiche
Den Nacken
Dieses Lachen nicht mehr
Er bekommt dafür
Grips
Mehr Verstand
Und mehr Hintergedanken
Etwas weniger Herz
Ellenbogen
Mehr Härte
Hier das Mittel
Er wird werden wie wir
Dann ist er gesund
In ihrem Vorwort kritisiert Stommel-Hesseler die heutige Gesellschaft, in die, wie selbstverständlich und legal, 60 Jahre nach Beendigung des Dritten Reiches, die Euthanasie wieder Einzug hält. Sie stellt sich selbstkritisch die Frage:
Was hätte ich getan, wenn diese Behinderung während der Schwangerschaft klar definiert worden wäre? Wozu mich entschlossen, hätte der Arzt mir zu einer Abtreibung geraten? (. . .) Ich kann es heute nicht sagen, aber eines weiß ich ganz gewiss: Ein einziger vorausschauender Blick auf mein Kind, das ich später in den Armen hielt, würde genügt haben, um einer Abtreibung niemals zuzustimmen.
ISBN 978-3-9810623-0-4
Doris Stommel-Hesseler, In dir ist Freude, 286 Seiten, 80 Farbfotos, 16,90 Euro, Mittelsaurenbach 3, 53809 Ruppichteroth, Doris-Verlag 2007
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