Erziehungsexperte Albert Wunsch fordert den Abschied von der Spaßpädagogik

Erziehungsexperte Albert Wunsch fordert den Abschied von der Spaßpädagogik
Albert Wunsch ist Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler. In seinem Buch „Abschied von der Spaßpädagogik“ plädiert er für eine Rückbesinnung auf Werte und Pflichten in der Erziehung. In einem Interview mit der Münchener Kirchenzeitung begründet er seinen Ansatz.
MK: Darf Erziehen keinen Spaß mehr machen?
Wunsch: Doch sicher. Meiner Erfahrung nach aber ist ein Großteil der Erziehungsarbeit nicht unbedingt Spaß besetzt. Wenn ich meiner Enkelin die Pampers wechsle, dann ist das keine Spaß-, sondern eine Reinigungsaktion. Und wenn ich mit unseren Söhnen in der Pubertät Konflikte hatte, war das auch kein Spaß, sondern eine äußerst ernste Angelegenheit.
MK: Welche Haltung genau kritisieren Sie mit dem Begriff „Spaßpädagogik“?
Wunsch: Laut einer Umfrage des Hamburger BAT Sozialfoschungsinstituts betrachten 64 Prozent der Bundesbürger Spaß als Sinn des Lebens. Wenn Spaß also Sinn des Lebens ist, nicht Würze, dann heißt das im Umkehrschluss: Alles, was keinen Spaß macht, hat kaum mehr Chancen verwirklicht zu werden. Diese Haltung hat nicht nur die Gesellschaft, sondern längst auch die Pädagogik infiziert, in der Schule wie in der Familie. Aber dieser Spaß-Anspruch ist verheerend.
MK: Inwiefern?
Wunsch: Weil die Forderung nach ständigem Spaß so tief ins uns verwurzelt ist, dass wir, wenn wir den Spaß mal nicht sehen können, tatsächlich meinen, das Leben laufe falsch. Da bleibt wichtiges auf der Strecke: alles, was mit sozialen Werten zusammenhängt, mit Pflichten, mit Verantwortung, mit Leistung und Anstrengung. Macht ja keinen Spaß! Und wenn irgendwo Probleme auftauchen - in der Schule, im Beruf, mit dem Partner - heißt es einfach: „Geht halt nicht!“, anstatt zu fragen: „Wie kann ich das Problem lösen?“
MK: Als Antwort auf die „Spaßpädagogik“ fordern sie einen „Kurswechsel in der Erziehung“, an dem der Staat, die Schule, allen voran aber die Eltern beteiligt sein müssen: Was machen letztere denn falsch?
Wunsch: Schlimmer ist, dass sie vieles nicht machen, sich zum Beispiel nicht in speziellen Seminaren auf ihre Aufgabe vorbereiten. Als ob mit der Zeugung eines Kindes auch gleich die Fähigkeit zur Elternschaft verbunden wäre. Und so fehlen vielen Müttern und Vätern wichtige qualitative Voraussetzungen. Vor allem die Stabilität einer eigenen Persönlichkeit: Wie oft fragen Eltern ihre Kinder, was sie machen sollen. Sollen wir Dir eine Jacke anziehen? Willst Du noch was essen? Stellen Sie sich mal vor, ein Betriebschef würde morgens fragen: Sollen wir heute produzieren oder nicht?
MK: In einem Satz: Wie müssen Eltern Ihrer Meinung nach sein?
Wunsch: Wohlwollend, vorlebend, konsequent.
MK: Sie erteilen der außerfamiliären Ganztagsbetreuung von Kindern, vor allem der frühen, eine klare Absage. Warum?
Wunsch: Weil man den Kindern wenigstens in den ersten drei Jahren die Chance geben sollte, in der Familie selbst zu spüren, dass sie willkommen waren. Das Problem beginnt doch schon mit dem Begriff: „Betreuen“, sagt das Synonym-Wörterbuch, heißt „aufpassen“, „darauf achten, dass nichts schief geht“. Aber ein Kind braucht mehr zum Großwerden: Es braucht Zuwendung und klare inhaltliche Ziele. In der kollektiven Ganztagsbetreuung finden die individuellen Bedürfnisse eines Kindes kaum Platz.
MK: Aber in vielen Familien müssen einfach beide Eltern arbeiten. Ernähren Sie mal in München eine vierköpfige Familie von einem Durchschnittsgehalt...
Wunsch: Das ist für mich nicht das Problem. Ich fordere parallel dazu ja auch eine bessere Finanzausstattung von Familien: höheres Kindergeld, ein Familiengehalt et cetera. Aber im Moment fördert unser Staat die Entsorgung von Kindern in Ganztagseinrichtungen – und nicht die Erziehung in der Familie.
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Literatur:
Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle - für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit. München, 8. Aufl. 2004
Wunsch, Albert: Kurswechsel. Von der Spaßpädagogik zur Erziehungskompetenz. In: Bischöfliches Generalvikariat Essen (Hrsg.): Katholische Grundschule - christliches Erziehungsbündnis für die Welt von morgen, Essen 2002
Wunsch, Albert: Verwöhnung als Motivations-Killer - Anstöße zur Vitalisierung verschütteter Schüler-Potenziale, in: Smolka, Dieter (Hrsg.): Schülermotivation - Konzepte und Anregungen für die Praxis, Neuwied, zweite Auflage 2004
Wunsch, Albert: Stark fürs Leben, eine Aufsatzsammlung. Erschienen als Band 6 der Schriftenreihe des Thomas Morus Bildungswerkes Schwerin im Erzbistum Hamburg 2003
Wunsch, Albert: Abschied von der Spaßpädagogik - Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München, 2. Aufl. 2004
Wunsch, Albert: Neue Herausforderungen für Pädagogik und Familienpolitik. In: ORIENTIERUNGEN - zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Organ der Ludwig-Erhard Stiftung, Heft März 2004, Bonn
Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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