Kinder im Sog der Bildschirmmedien: Der Bildschirmkonsum und seine Folgen

 Der Bildschirmkonsum und seine Folgen
"Egal, was gerade im Fernsehen läuft – für die Köpfe, Bäuche und Herzen der Kinder ist jede Sendung Schrott." Dieser Ausruf stammt vom bekannten Psychiater, Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen Manfred Spitzer, der das Buch "Vorsicht Bildschirm" geschrieben hat, in welchem er die aktuelle Forschung zum Thema Bildschirm zusammenträgt, die Grundprobleme aufzeigt und zur Senkung des Konsums aufruft.
Ursprünglich hatte man vor allem inhaltliche Bedenken. Nach der anfänglichen Euphorie, mit dem Fernsehen endlich die Möglichkeit zu haben, Informationen, Bildung und Kultur leicht bis in die entferntesten Winkel der Erde zu bringen und die Massen zu erreichen, gab es bereits Stimmen, die vor den Missbräuchen der Medien warnten.
Heute bestimmen die Einschaltquoten, welche Programme ausgestrahlt werden, und die Werte unserer Wohlstandsgesellschaft machen sich breit. Anstatt zur Erholung und Bildung des Geistes wird die Masse zu Zeitverschwendung, Zerstreuung und seichter Unterhaltung vor den Bildschirm gelockt. Am Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel im Jahr 2000 in Rom gab es einen Aufruf an die Medien zu höchsten Wertmaßstäben hinsichtlich Wahrhaftigkeit, Verantwortlichkeit und Sensibilität für die Menschenrechte.
Aber auch angenommen, alles was wir schauten, würde diesen höchsten Maßstäben genügen, gäbe es ein zweites Problemfeld, das immer mehr in den Blickwinkel der Wissenschaft rückt und mindestens in den USA schon zu einer ernsthaften Sorge geworden ist: die Dosis des Bildschirmkonsums. Im Jahr 1951 gab es in Deutschland erst etwa 300 Fernsehgeräte und die Sendezeit beschränkte sich auf zwei Stunden pro Tag. Nur wenige Jahre später gelang dem Fernsehen der Durchbruch zum Massenmedium. Inzwischen ist der durchschnittliche Fernsehkonsum kontinuierlich angestiegen; lag er vor 30 Jahren noch bei zwei Stunden pro Tag, beträgt er heute bereits knapp vier Stunden, währenddem der Lesekonsum in derselben Zeit von 22 Minuten auf 18 Minuten zurückgegangen ist.
In den USA haben schon ein Viertel der Vorschulkinder einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer und bei den Adoleszenten sind es mehr als die Hälfte. Die KIM-Studie 2006 über Kinder und Medien berichtet, dass das Fernsehen nach wie vor die liebste Freizeitbeschäftigung ist. Es sei das Medium, wofür Kinder die größte emotionale Bindung empfinden, und worauf sie am wenigsten verzichten können.
Dazu gekommen sind ab den 80er Jahren der Computer und ab den 90er Jahren das Internet. Es ist eindeutig, dass männliche Jugendliche stärker betroffen sind. Nach einer Studie der Hamburger Jugendmarktforschung tfactory spielt die Hälfte der 11-18- jährigen Jungen zwei Stunden pro Tag am Computer. Viele Jugendliche unterliegen dem Sog der Bildschirmmedien. Man kann ganz klar sagen, dass der Bildschirm zum Input Nummer Eins geworden ist.
Weshalb sitzen Kinder und Jugendliche so gern vor dem Bildschirm?
Der Zürcher Neurowissenschafter Professor Jäncke schreibt, dass es für ein Kind schwierig sei, sich einem Computerspiel oder Film zu entziehen. Kinder seien von ihrer Hirnentwicklung her noch nicht in der Lage, sich selbst effektiv zu disziplinieren. Er spricht das Frontalhirn an, in welchem die Funktionen Planung, Organisation, Steuerung, Motivation und Antrieb verarbeitet werden. Diese Hirnstruktur ist die letzte, die reift und deren Entwicklung erst im jungen Erwachsenenalter abgeschlossen ist.
Die Bildschirmmedien sind so gemacht, dass sie der Neugier der Kinder und ihrem Drang nach Abwechslung sehr entsprechen – es „nimmt ihnen richtiggehend den Ärmel“ hinein. Spitzer spricht davon, dass die Bildschirmmedien Süßigkeiten fürs Gehirn sind – mit einer großen Verlockung und den ungesunden Folgen. Zudem ist das Sitzen vor der Kiste sehr bequem, viele andere Tätigkeiten brauchen Überwindung und persönlichen Einsatz. Auf der Elternseite sieht es ähnlich aus: Kinder vor dem TV erleichtern das Leben; es braucht keine Vorbereitung, keine Aufsicht, sie bringen keinen Schmutz herein und die Reklamationen der Nachbarn bleiben aus. Zudem wollen viele Eltern selber TV schauen.
Der Kinderpsychiater Paulino Castells schreibt: "Ob es uns gefällt oder nicht, das Fernsehen ist das wichtigste Werkzeug für kulturelle und soziale Veränderungen, wichtiger als die Schule, und es tendiert dazu, sogar den Einfluss der Familie zu übertreffen." Der Fernseher ist zu einem Miterzieher geworden, dessen Meinungsbildung man sich nicht entziehen kann. Das Problem ist unser Hirn, es lernt sofort alles, und zwar durch die Wiederholung. Jedes Anschauen von Untugend, schlechtem Verhalten oder Aggressionen speichert sich als Muster ab.
Wenn z.B. im Film "Kevin alleine zu Hause" Kevin seinen Eltern frech und provokativ antwortet, wie ein Schwein Essen in sich hineinstopft und sich mit seinen Geschwistern herumstreitet, müssen wir nicht erstaunt sein, wenn Kinder keinen Umgang und Respekt mehr haben. Und dass Kevin mit seinem schlechten Verhalten am Schluss als Held dasteht, unterhöhlt das Wertesystem der Kinder – dabei ist dieser Film vergleichsweise harmlos. Kinder brauchen eine eindeutige Verbindung von schlechtem Verhalten mit einer negativen Bewertung und dem guten Verhalten, das siegt, damit sie das Wertesystem erlernen.
Hirnentwicklung
Werfen wir einen Blick auf die Hirnentwicklung, da unser Hirn ganz entscheidend an Verhalten beteiligt ist. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist sein Hirn noch nicht voll entwickelt. Die Strukturen sind alle gut angelegt und zur Förderung bereit. Es hat bereits die volle Anzahl Nervenzellen, hingegen bestehen erst wenige Nervenverbindungen. Die Verbindungen müssen zuerst entstehen, indem das Baby Erfahrungen mit der Welt macht. Jeder Input von außen gelangt über die Sinnesorgane und die Nervenbahnen ins Hirn und wird da über viele Nervenzellen umgeschaltet, bis er ins richtige Zentrum des Hirns gelangt, wo die Information aufgenommen, verarbeitet und je nachdem weitergeleitet oder mit einer Antwort zurückgeschickt wird.
Soziologisches Problem
Es ist auch ein soziologisches Problem: die vielen Stunden vor dem Bildschirm führen zur Vereinsamung. Immer mehr Menschen ziehen sich in die virtuelle Fantasiewelt zurück, lernen per Knopfdruck scheinbar viel zu bewegen, bleiben aber in der realen Welt wirkungslos und genügen den Anforderungen des Lebens nicht mehr. So gibt es inzwischen immer mehr Jugendliche, die 30 - 40 Stunden pro Woche Computer spielen. Das führt zur Computersucht, welche in schweren Fällen nur durch kalten Entzug in einer Klinik behandelt werden kann. Es gibt schon Kliniken, die auf Computerspielsucht spezialisiert sind. Manfred Spitzer appelliert heftig an die Konsumenten und Produzenten, umzudenken und nicht zu übersehen, dass TV, Internet und Computer dumm, dick und gewalttätig machen!"

Die Informationen werden über Synapsen, das sind kleine Verdickungen an den Enden der Nervenbahnen, umgeschaltet. Jedes Mal, wenn eine Info durchläuft, wird die Verbindung etwas besser, d.h. die Synapse wird dicker, damit die Info das nächste Mal schneller durchkommt.
Diejenigen Nervenzellen, Nervenbahnen und Synapsen, welche nicht verwendet werden, sterben ab. Es ist ein natürlicher Prozess des Körpers, dass er diese Strukturen in großer Reserve angelegt hat, damit der Mensch sich an ein breites Spektrum von verschiedensten Umgebungen, z.B. Sprachen, Klima ... anpassen kann. Diejenigen Zellen, welche gebraucht werden, werden ausgebaut, alle anderen verkümmern. Dies ist ein aktiver Prozess, bei dem die Stimulation von außen und der Einsatz der Sinne grundlegend sind.
Zusammengefasst kann man sagen, dass sich die Nervenzellenmasse im Laufe der Entwicklung um ca. 9% verringert, wohingegen die Verbindungen um 20 % zunehmen. Heute weiß man, dass dieser Prozess bis ins junge Erwachsenenalter andauert. Man kann also sagen "use it or lose it!" Benütze deine Anlagen oder sonst verlierst du sie! Viele Wissenschafter befassen sich mit den Auswirkungen des hohen Fernseh- und Computerkonsums. So findet man in vielen Fachzeitschriften der Psychologie und Medizin aktuelle Studien zu TV und Hirnentwicklung. Weitere Themen sind die Gesundheit, Übergewicht, Gewalt, schulische Leistungen und Aufmerksamkeit. Ich führe nun ein paar Grundprobleme an und folge dabei der Argumentation von Spitzer in seinem Buch "Vorsicht Bildschirm".
Wahrnehmungsentwicklung

Unser Gehirn lernt durch Wiederholungen: Was es immer wieder sieht, hört, spürt, greift und tut, prägt sich wie von selber ein. Wenn das Kind dann Verhalten produziert, greift es auf die gelernten Regeln und Muster zurück. Die Erfahrungen der Kinder geschehen heute oft über den Bildschirm und Lautsprecher. Die TV-Welt ist ein flacher Bildschirm, dessen Inhalt arm ist verglichen mit der Wirklichkeit: sie schmeckt nicht, riecht nicht, lässt sich nicht anfassen und ist zweidimensional.
Spitzer sagt: "Ein Auto auf dem Bildschirm ist etwas anderes als ein richtiges Auto!". Im TV haben wir eine Bild- und Klangsoße. Oft stimmt der Ton nicht mit den Umgebungsgeräuschen überein, zudem ist das Zuordnen von Klängen zu den Gegenständen schwierig, da ein Klanggemisch aus der Boxe kommt.
Aus der Säuglingsforschung weiß man, dass schon Kleinkinder erkennen, aus welcher Richtung ein Klang kommt und so lernen, was wie tönt. Der Bildschirm bringt eine Verarmung der Erfahrung, und dies schadet vor allem den Kindern in der Entwicklung, die noch wenig von der Welt kennen und wenig aus den Vorerfahrungen ergänzen können.
So wissen sie nicht, wie schwer viele Gegenstände sind, wie sich z.B. Sand anfühlt oder wie einzelne Instrumente klingen. Und gerade diese frühen Erfahrungen wären so wichtig. Kleinkinder sollten die Welt mit all ihren Sinnen erfahren und erforschen.
Körperliche Gesundheit

Im Durchschnitt verbringen Kinder 10mal mehr Zeit vor dem Fernseher als an der frischen Luft. Dies führt zu Bewegungsmangel. Spitzer wagt anhand der wissenschaftlichen Studien zu sagen, dass der Fernseher und der Computer die wichtigsten Ursachen für Übergewicht sind und zwar dosisabhängig, d.h. je mehr Fernsehkonsum, desto mehr Gefahr für Übergewicht. Und da beginnt der Teufels- kreis: wer Übergewicht hat, bewegt sich auch weniger gern. Man kann ein epidemieartiges Ausmaß an Übergewicht gepaart mit Altersdiabetes, Bluthochdruck, Blutzucker und Kreislaufproblemen bei Kindern beobachten; Krankheiten, die bisher erst im Alter in Erscheinung traten.

Gewalt und Aggressionen
Kinder in den USA haben, wenn sie in die Schule kommen, im Schnitt schon 100’000 Gewalttaten und 8’000 Morde im Fernsehen gesehen, und wenn Kinder Videogames spielen, vervielfacht sich diese Zahl. Es besteht eindeutig eine Nachahmungsgefahr, da man Verhalten aufgrund der Erfahrung produziert. Unser Hirn kann gar nicht anders, als das als Muster abzuspeichern, was es oft sieht. Es gibt Experimente, in denen Kinder einen Film zu sehen bekommen, in dem andere Kinder gewalttätig mit Puppen spielen. Nachher lässt man die Kinder in einem Raum mit den gleichen Puppen spielen. Es zeigt sich, dass diese Kinder signifikant aggressiver spielen als Kinder, die keinen Film gesehen haben. Wer Gewalt sieht, wird gewalttätig. Und Gewalt schadet insbesondere jungen Kindern, da sie noch nicht zwischen Realität und Phantasie unterscheiden können.

Spitzer beschreibt drei Mechanismen. Erstens geht die vor dem TV verbrachte Zeit auf Kosten der körperlichen Aktivität. Zweitens ergeben sich ungünstige Auswirkungen auf die Ernährungsgewohnheiten. Vor dem Fernseher isst man keine ausgewogenen und aufwändigen, sondern schnelle und praktische Mahlzeiten. Dazu kommt die Vorbildwirkung der Essgewohnheiten in den Sendungen einschließlich der Werbung für ungesunde Produkte, was nicht zu unterschätzen ist. Drittens ist der Energieverbrauch beim Sitzen vor dem Fernseher so gering wie praktisch bei keiner anderen Tätigkeit.
Schulische Leistungsfähigkeit

Es konnte in Studien gezeigt werden, dass der hohe Fernsehkonsum mit einer schlechteren Schulbildung korreliert, sogar wenn man das sozio-ökonomische Umfeld, das Übergewicht der Eltern und das Übergewicht als Kleinkind statistisch "herausrechnet". So führt hoher TV-Konsum im Vorschulalter zu schlechteren Leistungen in der Schule, und zwar auch dosisabhängig. Es gibt Hinweise, dass der TV einen negativen Einfluss auf die Deutschnote, das Lesen und die Aufmerksamkeit hat.
Weiter lernen die Kinder langsamer, sind weniger kreativ, nehmen die Dinge oberflächlicher auf, denken weniger kritisch und über- nehmen eher Rollenstereotypien. Es konnte gezeigt werden, dass dies insbesondere auch für Kinder aus besseren Verhältnissen gilt. Das Hauptproblem ist, dass der Fernseher ein Zeitfresser ist. Der Hirnforscher Hüther schreibt, dass mit jeder Stunde vor dem Computer eine Stunde fehlt, um das Gehirn für die Anforderungen im wirklichen Leben weiterzuentwickeln.
Computerspiele
Man muss klar sehen, dass der Computer- und Internetgebrauch nicht zu einer Abnahme des Fernsehkonsums führte, sondern noch dazukam. Bei 80% der Spiele geht es um Gewalt; oft müssen reihenweise Gegner erledigt werden, dabei ist die Waffenwirkung sehr realistisch. Der Jugendschutz gibt Altersgrenzen heraus, die jedoch selten beachtet werden. Spiele wie z.B. Counter Strike, welches verboten wurde, werden von 40% der Jugendlichen gespielt. Ein anderes Spiel "Duke Nukem" kennen laut Spitzer 60% der Jugendlichen, 33% spielen es, jedoch nur 5% der Eltern kennen es. Im Unterschied zum Fernseher sieht man die Gewalt nicht nur, sondern das Töten wird stundenlang aktiv trainiert. Zudem wird das destruktive Verhalten oft belohnt und bringt Vorteile, und man macht sich über den Schaden lustig. Nach dem letzten Amoklauf in Blacksburg, USA, konnte man in der NZZ Online lesen:
"Es bleibt die Frage, ob die enorme Überdosis an Gewalt, die in Bild und Ton, mit Videos und Computerspielen jungen Heranwachsenden täglich verabreicht wird, eine gefährliche Saat ist, die früher oder später aufgehen wird ... Es müssten Mittel und Wege gefunden werden, die elektronische Medien aller Art dazu bringen, Gewaltdarstellungen auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Der Amoklauf beginnt im Hirn."
Auf die Frage nach positiven Aspekten des Computerspielens muss man sagen, ja – es gibt positive Effekte, z.B. die Reaktionsgeschwindigkeit und das räumliche Vorstellungsvermögen werden verbessert. Ebenfalls wird berichtet, dass Chirurgen, welche viel Übung im Computerspielen haben, feiner arbeiten können. Spitzer hingegen ist überzeugt, dass das Negative überwiegt. Er meint, dass die Spiele allgemein zu mehr Stress und damit einer erhöhten Cortisol-Ausschüttung führen, was Unkonzentriertheit und Hektik bewirken kann.
Was ist zu tun?

Die einzige Möglichkeit, die negativen Auswirkungen der Bildschirmmedien in den Griff zu bekommen, ist die Dosis drastisch zu reduzieren und den verbleibenden Konsum mit möglichst hochstehenden Inhalten zu füllen. Eltern beginnen damit am besten bei sich selber.
Wird fortgesetzt
(Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von FAMILIE UND ERZIEHUNG übernommen)

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