Kreuz und ‘queer‘

Kreuz und ‘queer‘
Im Deutschunterricht der Oberstufe befasst man sich ausführlich mit dem sogenannten „Binnen-I“ (LeserInnen). An der Uni untersucht man die „Transgression“ im klassischen Artusroman des Spätmittelalters. Auf „Pro 7“ laufen seit einigen Monaten zwei bunte Hochglanz-Serien über das ganz normale Leben lesbischer und schwuler Pärchen, eine davon mit dem bezeichnenden Titel „Queer as folk“. Auf den Seiten des Familienministeriums ist vom „Gender Mainstreaming“ zu lesen – einem Grundprinzip deutscher und europäischer Politik, das auch in der Geschäftsordnung des Bundestages zu finden ist. Zwei junge Männer in Kanada nehmen sich das Leben, nachdem sie die Wahrheit über ihre Lebensumstände erfahren haben.
Diese Ereignisse und Tatsachen aus jüngster Zeit geben nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie etwas miteinander zu tun haben. Erstaunte und womöglich auch ungläubige Gesichter sieht man vor sich, wenn man behauptet, all das stehe in einem gewissen ideologischen Zusammenhang, der sich langsam aber umso sicherer seinen Weg in die Öffentlichkeit bahnt.
Wenn man die Spur aufnimmt und die oben genannten Ereignisse übergeordneten Ideen und Denkrichtungen zuordnen will, so kommt man relativ bald in die Sphären von Gleichstellungspolitik, Anti-Diskriminierungs-Initiativen, Feminismus, Homosexualität, Gender- und Queer-Theorie. Alles Dinge, von denen man irgendwie schon mal irgendwo irgendwas gehört hat. Und in Zeiten von Toleranz und Chancengleichheit kann das alles auch nicht wirklich so furchtbar falsch sein.
Freie Wahl für alle: Mann oder Frau?
Hinter all dem steht die von einigen wenigen Spitzen-Denkern entworfene und von vielen weniger gut Unterrichteten verbreitete „Gender-Theorie“. Jüngst hat Volker Zastrow mit zwei ausführlichen Artikeln in der FAZ (am 19.06. und am 07.09.06) darauf aufmerksam gemacht. Kern dieser in der Mitte des 20. Jahrhunderts erdachten Theorie ist die ideelle Zweiteilung des Menschen: jeder und jede habe zwei geschlechtliche Identitäten, eine biologische und eine psychologische. Erstere nennt man „sex“, letztere „gender“ (zu Deutsch häufig auch „soziales Geschlecht“). Diese Differenzierung vermag der durchschnittlich gebildete junge Mensch heute genau vorzunehmen – obwohl er sich eigentlich nie genauer darüber Gedanken gemacht hat. Und was das in letzter Konsequenz bedeutet, darüber hat er sich sicherlich auch nicht allzu lange den Kopf zerbrochen.
Doch die Folgen der „gender and sex“-Theorie sind weitreichend. Sie berühren das Innerste der menschlichen Person und entwerfen eine Anthropologie, die das bisherige Verständnis von Mann, Frau und Geschlechtlichkeit gehörig durcheinanderwirbelt. Auf einen kurzen Nenner gebracht wird nämlich durch diesen Ansatz nichts Geringeres verbreitet als die schon von Simone de Beauvoir und anderen Feministinnen geäußerte Feststellung, dass man als Frau (bzw. Mann) nicht zur Welt komme, sondern dazu gemacht werde. Das Geschlecht kann demzufolge durchaus verändert werden, beispielsweise durch konsequente Erziehung oder persönliche Entscheidung. Dieser schönen neuen Wahlfreiheit unterliegt, so die subjektive Zuspitzung des Denkkonstruktes, selbstverständlich auch die sexuelle Orientierung, die neuerdings auch durch ein Mammutgesetz geschützt wird. Ob nun Mann oder Frau, homo-, hetero- oder transsexuell, all das steht im Ermessen des Einzelnen, je nachdem wie er oder sie sich eben fühlt: ein überfälliger Ausbruch aus der traditionellen „Heterosexuellen-Matrix“, wie es radikale Vordenker der Gender-Theorie zu deuten wissen.
Eine tragische Geschichte als wissenschaftlicher „Beweis“
Den Beweis für diese Theorie wollte ihr psychiatrischer Pionier John Money (Baltimore, USA) in den 1970er Jahren erbringen. Der mittlerweile 85 Jahre alte Sexualwissenschaftler, der mehrere Jahre hindurch eine sogenannte „Gender Identity Clinic“ leitete, führte an zwei eineiigen Zwillingen einen Versuch durch, der im Selbstmord der beiden unfreiwilligen Teilnehmer endete. Bruce, ein Junge, der ein Mädchen sein musste, war 12 Jahre lang im Dienste der Wissenschaft tätig – ohne es zu wissen. Nach einem Eingriff im frühen Kindesalter war er so sehr am Genital verstümmelt worden, dass es schließlich ganz abfiel. Die gutgläubigen Eltern, wahrscheinlich eher von Sorge um die Zukunft ihres Jungen als von anderen Motiven getrieben, wandten sich an Money, der darin die Chance entdeckte, seine Ideen experimentell zu beweisen. Bruce sollte durch eine strikt feminine Erziehung zum Mädchen gemacht werden, nachdem ein Chirurg die Geschlechtsteile entsprechend verändert hatte. Doch das umoperierte und ständig psychotherapierte Kind wollte sich als Mädchen einfach nicht normal entwickeln, sondern fiel immer mehr auf und hegte schon in der frühen Pubertät Selbstmordgedanken. Zu stark unterschied es sich von seinen vermeintlichen Geschlechtsgenossinnen, trug lieber Jeans anstatt Röcke, wollte partout nicht mit Puppen spielen, sondern sich austoben und mit Jungs raufen. Als dann die Teenager-Zeit herannahte verstand das „Mädchen“ nicht, warum es sich zu Mädchen hingezogen fühlte. Irgendwie schien „sie“ im falschen Körper zu stecken. Das hatte „sie“ wohl instinktiv bemerkt. Schließlich konfrontierten die Eltern den Heranwachsenden mit der Wahrheit. David Reimer – so nannte sich das Mädchen, das wieder Junge sein wollte – versuchte noch einige Jahre, mit diesem Erbe zu leben. Als er 38 war, erschoss er sich in seiner Heimatstadt Winnipeg. Zwei Jahre zuvor war ihm auf diesem Weg sein Zwillingsbruder Brian, das „Kontrollexperiment“, vorangegangen.
Nachdem nun ein Film über David Reimer ausgestrahlt wurde (2005 auch im deutschen Fernsehen) und der New Yorker Journalist John Colapinto dessen Biographie veröffentlichte, könnte man denken, die genderisierte Welt würde beginnen, genauer nachzudenken über ein Menschenbild, das solche Experimente möglich gemacht hat. Doch so einfach ist es nun mal nicht. John Money, der als emeritierter Professor in gewissen Kreisen noch immer hohes Ansehen genießt, weist Kritik an seinen Theorien zurück und äußert sich nicht zum Fall „Reimer“. Auch die einflussreiche Lobby, die Money einst gefeiert hat (zuletzt Alice Schwarzer in ihrem feministischen Bestseller „Der kleine Unterschied“, der in neuer Auflage 2004 erschienen ist und auf das Menschenexperiment nach wie vor lobend hinweist), verbittet sich jede Kritik. Wer sich erdreistet, zu behaupten, Mann- und Frau-Sein seien genetisch festgelegt, und durchwirkten das ganze Wesen des Menschen, plädiere für die Rückkehr der Frau an Herd und ins Bett. Ein Totschlagargument in Zeiten, wo die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf sämtlichen parteipolitischen Flaggen geschrieben steht. Immerhin scheinen einige doch begriffen zu haben, welche Sprengkraft in diesem Experiment verborgen liegt: die Internetseite „Broken Rainbow“, von Homo-Rechtlern betrieben, verweist das Money-Experiment mittlerweile in den Bereich „Gewalt gegen Transsexuelle“; selbstverständlich ohne dabei zu bedenken, dass das Experiment eigentlich ihrer Sache dienen sollte und Reimer gar kein Transsexueller sein wollte.
Kein Gender-Ende in Sicht
Die Gender-Ideologie feierte nun jüngst ihre größten Erfolge und den endgültigen Durchbruch auf höchster Ebene. Wie selbstverständlich spricht das CDU-Familienministerium heute auf seiner Homepage vom sozialen Geschlecht, das „erlernt und damit auch veränderbar“ sei. Das „Gender-Mainstreaming“ wird zum Prinzip erklärt, das bei „allen Vorhaben“ Berücksichtigung finden soll. Auch in den Schulen wird der pädagogische Nachwuchs mittlerweile auf diese Linie getrimmt. Die Universitäten sind längst auf selbiger. So wird beispielsweise jedes Erstsemester an der Philosophischen Fakultät vom AStA der Uni Köln mit einem kleinen Informationsheft versorgt. Titel: „Ratgeberin“ – ohne Binnen-I.
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