Kommunion und Kommunikation – Was führt weiter auf dem Weg zur Einheit der Christen?

Kommunion und Kommunikation – Was führt weiter auf dem Weg zur Einheit der Christen?
Im Vorfeld der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen hat der EKD-Ratsvorsitzende Schneider die Katholische Kirche aufgefordert, eine Regelung für konfessionsverschiedene Ehen zu treffen, die es generell dem evangelischen Ehepartner ermöglicht, in der Messe zur Kommunion zu gehen. Ganz unabhängig von kirchenpolitischen Erwägungen und dem Stand der Ökumene im allgemeinen fühlte ich mich wegen meiner eigenen langjährigen Erfahrung einer konfessionellen „Mischehe“ persönlich angesprochen. Die Diskussion geht nach meinem Eindruck auf sonderbare Weise immer wieder am eigentlichen Kern des Problems vorbei. Vor der gemeinsamen Kommunion sollte eine verbesserte Kommunikation stehen.
von Martin Eberts
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Ich habe mich als evangelischer Teil unserer schon mehr als fünfundzwanzigjährigen Ehe nie im Gottesdienst benachteiligt oder ausgeschlossen gefühlt. Der Gedanke des Ausschlusses und der Benachteiligung in der Messe wäre mir nur gekommen, wenn ich das, was mir „verwehrt“ wurde, dringend gewollt hätte und ich mich unvollständig und zurückgesetzt gefühlt hätte. Dieser Gedanke lag mir, der ich auch einmal evangelische Theologie studiert hatte, fern, so dass ich mit dem anfänglichen „Arrangement“ in unserer Ehe überaus zufrieden war: Wir gingen – ohne einen festen Proporz oder künstliche zahlenmäßige „Ausgewogenheit“ – häufig gemeinsam in evangelische oder in katholische Gottesdienste, wobei wir natürlich auch unsere Kinder mitnahmen.
Weder meine Frau noch ich waren dabei „zurückgesetzt“, war es doch unser eigener Weg, mit der Konfessionsverschiedenheit gelassen und liebevoll umzugehen, ohne Bekehrungseifer oder voreilige Vermischung von Glaubenssätzen. Dabei handelten wir keineswegs aus Gleichgültigkeit oder zeitgeistgemäßem Relativismus. Da unser Glaube uns sehr wichtig ist und der sonntägliche Kirchgang eine liebe Gewohnheit im besten Sinne, sprechen meine Frau und ich sogar sehr oft über Glaubensfragen und über das, was evangelische und katholische Christen trennt oder vereint. Wenn aber jeder Ehepartner seinen Glauben lebt, schätzt und ernst nimmt, und wenn er dabei auch die Position des Anderen versteht und achtet, warum und in welcher Hinsicht sollte das dann einem von beiden zum Nachteil gereichen?
Kaum jemand würde im Interesse des interreligiösen Dialogs Muslime auffordern, sie sollten sich nun nicht mehr so anstellen und endlich mit uns zusammen Wein trinken. Auch kann ich mir keinen Muslim vorstellen, der sich benachteiligt und ausgeschlossen fühlte, weil ihm aus religiösen Gründen der gemeinsame Alkoholkonsum mit seiner Ehefrau verwehrt bleibt. Der etwas grobe Vergleich lässt gewiss außer Acht, dass katholische und evangelische Christen auf dem Boden des selben Glaubens stehen und ganz überwiegend den Wunsch nach Einheit verspüren, von den viel größeren Problemen interreligiöser Ehen ganz zu schweigen. Ich will damit aber zum Ausdruck bringen, dass es nicht von vorne herein ausgemacht ist, dass der evangelische Ehepartner wirklich etwas entbehrt und er damit verletzt wird, wenn er in der Messe nicht zur Kommunion geht.
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Ich muss zugeben, dass ich trotz meiner theologischen Studien, bei denen ich mich sogar ausführlich mit den Unterschieden zwischen den evangelischen (lutherischen bzw. reformierten) Abendmahlslehren und der katholische Transsubstantiationslehre befasst hatte, lange Zeit kein inneres Verständnis für die Konsequenzen aus den Unterschieden – zumindest zwischen reformierter und katholischer Lehre – aufzubringen vermochte. Akademisches Wissen und wirkliches Verstehen sind doch zweierlei, und noch heute spüre ich bei vielen öffentlichen Stellungnahmen zur Interkommunion das Fehlen dieser gemeinsamen Verstehensbasis. Diesen Meinungsäußerungen liegt nämlich häufig eine unausgesprochene Annahme zugrunde: „Für uns ist das nur ein symbolisches gemeinsames Mahlhalten, und dabei stört uns nicht, wenn Ihr sagt, da seien Christi Leib und Blut wirklich gegeben“; also sollen sich die Katholiken nicht so haben. Erhellend ist in diesem Zusammenhang die Verwendung des suggestiven und zugleich irreführenden Begriffs „eucharistische Gastfreundschaft“.
Das ehrenwerte Motiv der Suche nach Einheit verdeckt dabei die implizite Geringschätzung des katholischen Standpunktes. Diese Geringschätzung (oder zumindest Unachtsamkeit) drückt sich entweder darin aus, dass man dem katholischen Partner unterstellt, er nehme das mit der Realpräsenz doch nicht ernst, oder (noch drastischer) dass Realpräsenz bzw. Transsubstantiationlehre offenbar so unzeitgemäße Ideen seien, dass sie gar nicht als mögliches Problem für die Interkommunion ernstzunehmen sind. An dieser Stelle wird gerne – oft in ehrlicher Empörung – der Einwand gemacht, das sei eine ungerechte Unterstellung, man nehme den Standpunkt des Anderen sehr wohl ernst und rede ihm auch gar nicht rein. Ich bin davon überzeugt, dass die unterschwellige Kommunikation („das mit der Transubstantiation kann ja gar nicht sein“ oder „das glaubst Du ja selbst nicht“) nur selten bewusst geschieht - denn wenn ich wüsste, dass der katholische Partner seinen Glauben ernst nimmt, dann würde ich ihn doch nicht nötigen, mit dem Gegenstand seiner höchsten Verehrung „liberal“ umzugehen.
Eine weitere Kommunikationsstörung ergibt sich aufgrund der Unterstellung, alle Argumente der katholischen Seite seien letztlich Ausdruck eines Institutionen-Egoismus, d.h. der Versuch, sich unter Bemühung der apostolischen Sukzession bzw. des Weiheverständnisses von den evangelischen Kirchen abzugrenzen. Das ist bei traditionellen Lutheranern auch leicht nachzuvollziehen, ist doch die lutherische Lehre von der Realpräsenz der katholischen Transsubstantiationslehre sehr viel näher als der reformierten Auffassung. Hier spielen ekklesiologische Fragen also wirklich eine Rolle. In der Realität der deutschen „Kirchenlandschaft“ sind aber die konservativen Lutheraner nur noch eine unter vielen anderen Stimmen, nach meinem subjektiven Eindruck eine immer leiser werdende.
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Wie es begann, dass ich immer häufiger meine Frau in die Messe begleitete und bei mir das Bedürfnis zur Teilnahme am evangelischen Sonntagsgottesdienst nachließ, kann ich nach so vielen Jahren nicht mehr im Detail rekonstruieren. Eine Rolle mag dabei gespielt haben, dass es in meiner evangelischen Kirche keine „Sonntagspflicht“ gibt und der Gottesdienstbesuch selbst bei gläubigen Menschen (und sogar Theologen) recht unregelmäßig bis selten wurde. Diese relative Geringschätzung kontrastierte scharf mit dem Erlebnis der Messe und gerade der Eucharistiefeier als Herz und Mitte des katholischen Glaubens. Sicher ist jedenfalls, dass mich die katholische Liturgie mehr und mehr beeindruckt und ergriffen hat. Dabei ging es nicht um oberflächliche emotionale Befindlichkeiten; als „studierter evangelischer Theologe“ habe ich mir schon meine Gedanken gemacht. Das Gefühl des Benachteiligtseins oder irgendeiner meine Ehe beeinträchtigenden Trennung spielte dabei aber niemals eine Rolle.
Ich weiß auch nicht mehr, wann ich schließlich zum ersten Mal zur Kommunion gegangen bin. Aber ich erinnere mich deutlich an einen Augenblick, in dem ich fühlte, dass ich das katholische Verständnis der Eucharistie aufgenommen und innerlich angenommen hatte. Es war auf einer Gemeindereise nach Syrien. Unser Pfarrer feierte mit uns die Messe in einem Ölbaumhain unter freiem Himmel. Ich ging mit meiner Frau zusammen zur Kommunion. Als der Priester mir die Hostie reichte, fiel - von ihm unbemerkt - ein kleines Stück auf den Boden und lag nun vor meinen Füßen im Staub. Es war mir unmöglich, darüber - im unmittelbaren und im übertragenen Wortsinne – hinwegzugehen. Ich hob es auf und konsumierte es zusammen mit der ganzen Hostie. Obwohl ich auch vorher schon an die Gegenwart Christi in der Eucharistie geglaubt hatte, so fühlte ich sie doch zum ersten Mal mit beinahe physischer Eindringlichkeit. Jenseits des rein akademischen Wissens war mir endlich in einem spirituellen Sinne die Bedeutung der Eucharistie aufgegangen. Mein Übertritt zur Katholischen Kirche nahm danach noch einige Zeit in Anspruch. Rückblickend war die Messe im Ölbaumhain in Syrien zwar kein „Damaskuserlebnis“, wohl aber ein für mich wichtiger Moment mit zeichenhafter Bedeutung.
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In einem sehr empfehlenswerten Buch führt der bekannte evangelische Theologe Richard Schröder (unter Bezugnahme auf ein ganz anderes Thema) zwei Typen des Verstehens an, von denen das Gelingen menschlicher Kommunikation weithin abhänge. „Typ 1“ könnte man als Verstehen mit Empathie bezeichnen: „Erklären wir die nicht geteilte Überzeugung eines anderen aus anderen Randbedingungen seiner Situation, anderen Voraussetzungen als den unseren und der Unkenntnis bestimmter Sachverhalte, so können wir nachvollziehen, warum er eine andere Überzeugung vertritt, d.h. wir können uns vorstellen, an seinem Ort und unter seinen Voraussetzungen seiner Überzeugung zu sein“ (S.66). Damit kontrastiert Schröder das Verstehen nach „Typ 2“: „Es führt die nicht geteilte Überzeugung auf determinierende Ursachen wie eine Geisteskrankheit, einen Gehirnschaden oder Verblendung zurück. Dann ist die Frage, ob wir die Überzeugung des Betreffenden in seiner Situation teilen könnten, sinnlos“ (ebd.).
Die in dem Buch sehr treffende Formulierung mag in unserem thematischen Zusammenhang allzu krass erscheinen; sie trifft aber den Kern. Wenn wir der Katholischen Kirche mit dem unausgesprochenen Vorwurf der Verblendung und Verstocktheit begegnen, und ihre Repräsentanten je nach dem Maß ihrer Konzessionsbereitschaft und „Liberalität“ in Gute und Böse einteilen, dann begeben wir uns der Chance, das Wesentliche der katholischen Lehre zu verstehen. Wenn wir uns aber vorurteilsfrei darauf einlassen, können wir bewegende Einsichten erwarten – allerdings mit dem „Risiko“, dass sie so überzeugend sind, dass es zur Konversion kommt. So habe ich es erlebt.
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Richard Schröder: Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen, 3. Aufl. Freiburg 2010
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