Die elterliche Glückskurve

Die elterliche Glückskurve
Warum sind Eltern von vier und mehr Kindern im Durchschnitt glücklicher als Eltern mit weniger Kindern? - W. Bradford Wilcox und Eliszabeth Marquardt bestätigten in ihrem Bericht aus dem Jahr 2011, dass Elternschaft bei den heutigen Ehepaaren oft mit geringerem Eheglück assoziiert wird. In dem folgenden Auszug aus ihrem Bericht „Familiengröße, Glaube und Bedeutung der Elternschaft“ wird aber deutlich, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Obwohl die Daten aus Amerika stammen, kann man diese auch auf Deutschland übertragen. Zumindest können sie Familien Mut machen, dass das eigene Glück nicht mit der Anzahl der Kinder weniger wird, sondern dazu beiträgt, dass auch die Eltern großer Familien ein glückliches und sinnerfülltes Leben haben.
von W. Bradford Wilcox und Elizabeth Marquardt - ins Deutsche übertragen und kommentiert von Simone Rüssel
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Aus meiner eigenen Erfahrung mit 6 Kindern möchte ich sagen – und das ist nicht nur meine Erfahrung – dass vieles ab dem vierten Kind einfacher und entspannter wird. Sicher hängt es mit einer positiven Art von Routine, dem fortgeschrittenen Alter der größeren Kinder und auch mit der wachsenden persönlichen Reifung und zunehmender Gelassenheit zusammen. Wirklich erklären lässt sich das aber nicht. Diese Erfahrung muss man selber machen.
Im folgenden der Artikel:
Wenn man den negativen Assoziationen zwischen ehelichem Glück und Elternschaft glauben will, dann müsste man meinen, dass die Väter und Mütter von großen Familien am unglücklichsten sind. Dem ist aber nicht so.
Überraschenderweise stellt sich nämlich bei Umfragen und Untersuchungen heraus, dass das Verhältnis von Familiengröße und ehelichem Glück nicht linear, sondern kurvenförmig verläuft (s. Abb. 1). Mit anderen Worten, die glücklichsten Ehemänner und -frauen unter heutigen jungen Paaren sind diejenigen ohne Kinder und diejenigen mit vier oder mehr Kindern.
Abbildung 1 zeigt, dass nur ca. 18 % der Frauen mit einem bis drei Kindern „sehr glücklich“ in ihrer Ehe sind, verglichen mit 26 % der Frauen mit keinem oder vier und mehr Kindern, nach Berücksichtigung der Unterschiede in Bildung, Einkommen, Alter und Herkunft.
Ebenso sind nur ca. 14 % der Ehemänner mit einem bis drei Kindern „sehr glücklich“ in ihrer Ehe, verglichen mit 25 % der Ehemänner ohne Kinder oder mit vier und mehr Kindern, nach Berücksichtigung sozioökonomischer Unterschiede. Das bedeutet, dass Eltern großer Familien mindestens zu 40 % wahrscheinlicher glücklich verheiratet sind als Eltern kleinerer Familien.








Abbildung 1: Ehepaare, die äußern „sehr glücklich“ zu sein in der Ehe nach Anzahl der Kinder, die Zuhause leben. Bemerkung: Grafik berücksichtigt Unterschiede in Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft (Quelle: Survey of Marital Generosity, 2010 – 2011)
Was ist ausschlaggebend für die überraschend hohen Prozentzahlen für das Glück der Eltern kinderreicher Familien, obwohl die finanziellen, praktischen und emotionalen Herausforderungen nicht von der Hand zu weisen sind? Dieses Ergebnis scheint weitestgehend auf einer Art „Auswahl“ zu basieren, bei der bestimmte Typen von Paaren schließlich eine große Anzahl Kinder haben, verheiratet bleiben, und auch über starke kulturelle und soziale Beziehungen verfügen, die diese Herausforderungen der Eltern einer großen Familien wieder ausgleichen.
In diesem Fall scheint es dem Bericht zufolge (Survey of Marital Generosity) daran zu liegen, dass Väter und Mütter großer Familien teilweise glücklicher sind, weil sie mehr Sinn in ihrem Leben finden, mehr Unterstützung von Freunden erfahren, die ihren Glauben teilen und selber einen stärkeren Glauben haben als Eltern von kleineren Familien.
Betrachtet man die Anwesenheit bei religiösen Angeboten (Abb. 2) so zeigt sich, dass Eltern großer Familien ungefähr doppelt so oft eine Kirche, Synagoge oder Moschee besuchen als normal üblich. Sicherlich bringt eine große Familie einige dazu, mehr zu beten. Es ist aber genauso möglich, dass gläubige Männer und Frauen sich von Gott gerufen oder ermutigt fühlen und auch von ihren ebenfalls gläubigen Freunden und Familien zu einer großen Familie ermutigt werden.

Abbildung 2: Häufigkeit der Anwesenheit bei religiösen Angeboten nach Anzahl der Kinder Zuhause. Bemerkung: Grafik berücksichtigt Unterschiede in Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft. (Quelle: Survey of Marital Generosity, 2010 – 2011)
Oder man betrachtet den Sinn des Lebens: Abbildung 3 zeigt, dass Eltern großer Familien – insbesondere die Mütter – eher von sich behaupten würden, dass „ihr Leben einen wichtigen Zweck erfüllt“, verglichen mit den verheirateten Frauen mit kleineren Familien oder ohne Kinder. Die Bedeutung resultiert dabei zweifellos aus den zusätzlichen Beziehungen, die jedes Kind zu den Beziehungen der Eltern hinzufügt. Es kann aber auch sein, dass Männer und Frauen, die ein besonderes Gespür dafür haben, dass ihr Leben eine besondere Bedeutung hat, eher dazu neigen, viele Kinder zu bekommen.

Abbildung 3: Paare, die „überzeugt“ sind, dass ihr Leben einen wichtigen Sinn hat, gemessen an der Anzahl von Kindern Zuhause. Bemerkung: Grafik berücksichtigt Unterschiede in Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft (Quelle: Survey of Marital Generosity, 2010 – 2011)
Ehepaare mit großen Familien – besonders jene, die eher einen starken Glauben haben, einen Sinn in ihrem Leben sehen und Unterstützung durch ihre gläubigen Freunde haben – scheinen ebenso fähig zu sein, die Herausforderungen einer Großfamilie zu meistern, ohne dass die „Qualität“ der Ehe darunter leidet. Die kulturellen und sozialen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, scheinen aus ihnen glücklichere Eheleute zu machen, als es Paare ohne diese Ressourcen sind.
Besonders für Frauen scheint der Glaube wichtig zu sein, wenn es darum geht, die Gedankenverbindung zwischen Familiengröße und Eheglück nicht zu konträr zu gestalten. Studien des „Survey of Marital Generosity“ zeigen, dass gläubige Mütter großer Familien sehr oft sehr zufrieden sind mit ihrer Ehe, verglichen sowohl mit weniger gläubigen Frauen und anderen gläubigen Frauen mit weniger oder gar keinen Kindern. Im Gegensatz dazu gibt es zwischen den gläubigen Ehemännern großer oder kleiner Familien (auch ohne Kinder) keinen Unterschied bei der Zufriedenheit in der Ehe.
Abbildung 4 zeigt, dass Mütter von vier oder mehr Kindern, die nicht gläubig sind, nicht glücklicher sind als nicht praktizierende oder säkular eingestellten Frauen mit kleinerer Familie, und sie sind weniger glücklich als kinderlose Frauen, die nicht regelmäßig ein religiöses Angebot in Anspruch nehmen.
Gläubige Mütter von vier oder mehr Kindern äußern deutlich häufiger als andere Frauen – einschließlich andere gläubige Frauen mit weniger oder gar keinen Kindern – dass sie „sehr glücklich“ in ihrer Ehe sind. Abbildung 4 zeigt, dass 59 % der Frauen mit großen Familien, die mindestens einmal die Woche ein religiöses Angebot nutzen, sagen, sie seien „sehr glücklich“, verglichen mit 38 % kinderloser gläubiger Frauen, 30 % kinderloser Frauen, die nicht praktizieren oder säkular eingestellt sind, etwas mehr als 25 % der gläubigen Frauen, die ein bis drei Kinder haben und ca. 20 % der verheirateten Mütter, die nicht praktizieren oder säkular eingestellt sind.

Abbildung 4: Frauen, die äußern „sehr glücklich“ in ihrer Ehe zu sein im Zusammenhang mit der Anzahl der Kinder Zuhause und dem Besuch religiöser Angebote. Bemerkung: Grafik berücksichtigt Unterschiede in Alter, Bildung, Einkommen, Herkunft. (Quelle: Survey of Marital Generosity, 2010 – 2011)
Skeptiker könnten sagen, dass gläubigen Frauen mit vielen Kindern nichts Anderes übrig bleibt als eine rosarote Brille aufzusetzen, wenn sie von ihrer Ehe sprechen, wo sie doch praktisch ihre Unabhängigkeit aufgegeben haben, um sich in der Ehe hinzugeben. Vielleicht ist das wahr.
Aber auch wenn die religiöse Bedeutung, die gesellschaftliche Unterstützung und das Ansehen durch die Männer in vielen religiösen Gemeinschaften gewährleistet ist, scheint es auch wahrscheinlich, dass gläubige Frauen mit vielen Kindern zum Teil davon profitieren, dass sie besonders aufmerksame Ehemänner haben. Die Studie „Survey of Marital Generosity“ zeigt, dass ihre Ehemänner häufiger zuvorkommend reagieren – wie z. B. Kaffee kochen für die Frau am Morgen oder sie drücken regelmäßig ihre Zuneigung zu ihrer Frau aus – und sie verbringen mehr Zeit mit ihren Frauen, verglichen mit anderen Ehemännern.
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Zum Originalartikel: The parental happiness curve

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