Zeitverschwendung in der vernetzten Welt

Zeitverschwendung in der vernetzten Welt
Wer ein Smartphone besitzt, wird deswegen nicht automatisch smarter. Irgendwann im Jahr 2005 habe ich ein Facebook - Konto eröffnet. Eine rechte Vorstellung, was Facebook war, hatte ich nicht. Soziale Netzwerke waren gerade in Entstehung begriffen. Mir war jedenfalls nicht bewusst, dass wir am Beginn einer so tiefgreifenden Revolution von Technologie und Kommunikation standen.
von Kevin de Souza - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Als Steve Jobs von Apple Computers am 9. Januar 2007 vor die Presse trat, sagte er: „Heute führen wir gleich drei revolutionäre Produkte in den Markt ein. Erstens, ein Widescreen- iPod mit Touch Controls. Zweitens, ein revolutionäres Mobiltelefon. Drittens, ein bahnbrechendes Internet-Terminal. Begreifen Sie es? Dies sind nicht drei eigenständige Geräte, sondern ein einziges. Wir nennen es iPhone.“
Kein Zweifel, dieses Apple–Spielzeug war eine Innovation. Kurze Zeit später traten weitere Anbieter sog. Smartphones auf. Im Zuge der rasanten Verbreitung von Smartphones unterschiedlicher Hersteller, die auf dem quelloffenen Android–Betriebssystem aufbauen, besitzen heute schon sehr viele Menschen ein solches Gerät, nicht zuletzt, da die Kosten immer geringer werden.
Fahren ohne Führerschein.

Wenn auch jedermann heute ein Smartphone erwerben kann, bedeutet dies nicht, dass er oder sie dadurch auch „smarter“ wird. Einige Leute hören damit pausenlos Musik. Andere laden jede verfügbare App herunter, Anwendungen, die sie in den meisten Fällen gar nicht brauchen, da aber genügend Speicherkapazität vorhanden ist, kommt es auf mehr oder weniger junk nicht an. „WhatsApp” z. B. bietet freie Textübertragung über das Internet, so werden endlos (wichtige?) Nachrichten von Einem zum Anderen geschickt. Familien erinnern sich oft nicht mehr daran, was Familienleben ausmacht, da jeder zu sehr mit „seinem“ Smartphone beschäftigt ist, über das ja jederzeit dringende und wichtige Nachrichten hereinkommen könnten. Und dann gibt es da noch die Kamera. Ob sinnvoll oder nicht, wir sehen Scharen von Menschen, die hemmungslos alles „knipsen“, was ihnen in die Quere kommt.
Das können Fotos schlimmer Unfälle ebenso sein, wie Bilder abgetriebener Föten, die dann auf Facebook hochgeladen werden. Das Taktgefühl verkommt mehr und mehr.
Dieser Tsunami neuer Technologien hat uns förmlich von den Füssen gerissen. Vom Kind bis zum Greis fahren viele auf den Datenautobahnen dieser Welt ohne Führerschein. Hatte uns das Internet zu Hause oder im Büro bereits in seinen Bann gezogen, so ist die Vereinnahmung heute in unseren Taschen angekommen. Viele Menschen laufen durch die Gegend und sehen nur noch ihr Telefon.
579 „Freunde”

Was sieht man dort eigentlich, was offensichtlich das virtuelle Leben so viel interessanter als das reale Leben scheinen lässt? Nun, auf Facebook ist man mit anderen Menschen vernetzt, (die man evtl. sehr gut, oft aber überhaupt nicht kennt), die man aber als „Freunde“ akzeptiert hat. Man nimmt teil an dem, was sie denken, tun oder sagen. Sie sprechen dich vielleicht direkt an, oder äußern sich über dich. Jemand stellt seine Urlaubsbilder aus irgendeinem fernen Land ein und lässt alle seine „Freunde“ daran teilhaben. Wenn die Neugier geweckt ist, kann man leicht Stunde um Stunde damit verbringen, die Bilder zu betrachten, sie zu kommentieren oder ihnen ein „like it“ zu bescheinigen.
Aus einem sozialen Blickwinkel ist diese Funktion bei Facebook sehr attraktiv. So ist es leicht, mit z.B. alten Schulfreunden Kontakt zu halten. Viele haben sicher auch gerne die Bilder angeschaut, die ich während meines Aufenthalts in Indien hochgeladen habe. Wenn ich allerdings meiner Neugierde freien Lauf lasse, verliere ich mich schnell in einer virtuellen Welt, in der ich zwar 579 „Freunde“ habe, verabschiede mich aber gleichzeitig von der realen Welt und den persönlichen Freundschaften.
Anklicken oder nicht anklicken?

Facebook war lange Zeit eine saubere Plattform, doch habe ich in letzter Zeit meine Zweifel. Vergangene Woche postete ein „Freund“ an meinem schwarzen Brett: „Finde heraus, wie sexy du bist...klick auf den Button“. Anklicken oder nicht, das ist hier die Frage. Wenn man klickt, gibt es zwei Resultate.
Zum ersten gibt die Anwendung einen Prozentwert aus, wie sexy du angeblich bist, (was soll’s?). Zum zweiten teilt die Anwendung das Ergebnis all deinen lieben „Freunden“ mit. Selbst wenn nur einer oder zwei dieser „Freunde“ die Anwendung anklicken, wird das Ergebnis allen „Freunden“ bekannt gemacht. Mit anderen Worten, nicht nur du selbst vergeudest Zeit, du vergeudest auch noch die Zeit vieler anderer Menschen mit einem einzigen Klick.
Vor einiger Zeit hat Facebook eine neue Funktion freigeschaltet, die neue „Freunde“ vorschlägt, mit denen man Kontakt aufnehmen kann. Auf der rechten Seite meines Bildschirms werden mir zu diesem Zweck drei oder vier spärlich bekleidete Frauen mit eindeutig herausforderndem Habitus offeriert. Ich habe versucht, das Fenster zu schließen, es ist nicht möglich. Klicke ich die Bilder weg, tauchen immer neue, sinnlich posierende Gestalten auf.
Für oder gegen Technologie

Es gibt die Auffassung, dass die Technologie die Wurzel der oben geschilderten Übel sei. Nach derselben Logik könnte man sagen, dass Imbissbuden schuld an der Fettleibigkeit vieler Menschen seien. Es wäre also deshalb konsequent, alle Fast Food Restaurants zu schließen. Doch Hamburger und Fritten machen uns nicht dick, es sei denn, uns fehlt die Selbstkontrolle, „genug“ zu sagen, wenn wir satt sind.
Internet, Facebook und Mobiltelefone sind mit ihren Möglichkeiten alle zunächst einmal wertfrei und gut. Allein, wie wir sie benutzen, macht den Unterschied.
Eltern sollten sich darum kümmern, wie ihre Kinder sich auf diese Informationsfluten einstellen. Sie müssen die Technologie nicht umfassend verstehen, doch sollten sie mit den Kindern über ihre „Facebook-Freunde“ ebenso reden, wie über den Gebrauch des Internets ganz allgemein.
Absprachen sind notwendig

Es geht nicht darum, Kinder vom Internet oder von Facebook fernzuhalten. Sie brauchen Anleitung, sich überlegt und verantwortungsvoll zu bewegen. Nötig ist die Entwicklung eines Bewusstseins für Umgangsformen und sinnvolle Netznutzung. Dies ist eine besondere Aufgabe für Eltern, Erwachsene und Erzieher.
Hier einige Punkte zum Nachdenken:
  • Wir sollten „störungsfreie Zeiten“ festlegen, Zeiten, in denen die Handys abgeschaltet, oder stummgeschaltet sind. Dazu gehören Essenszeiten mit der Familie oder Treffen mit Freunden.
  • Wir sollten uns nicht gezwungen fühlen, ein Telefongespräch anzunehmen, während wir mit jemandem ein persönliches Gespräch führen. Lassen wir uns nicht ablenken. Verpasste Anrufe können, wenn nötig, erwidert werden.
  • Glauben wir, ein Gespräch dennoch annehmen zu müssen, sollten wir uns entschuldigen und uns kurz fassen.
  • Wir sollten uns gelegentlich in „Abstinenz von Technologie“ üben. Man sollte keine Angst davor haben, das Handy für ein paar Stunden, einen Tag oder gar mehrere Tage in der Schublade zu lassen. Das kann sehr entspannend sein. Viele „wichtige“ Dinge erledigen sich auch ohne unser Zutun.
  • Wir sollten Facebook nicht so nutzen, als müssten wir täglich die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen finden. Unser Besuch auf der Seite sollte klare Ziele haben und der Zeitaufwand geplant sein. Ist die Zeit vorüber, steigt man aus!

Ruhe, Worte, Bilder und Töne.

Wenn wir uns selbst eine Etikette auferlegen, werden wir den Wert der Ruhe wieder schätzen lernen. In seiner Ansprache auf dem 46th World Communications Day, sagte Benedikt XVI: „Wenn Nachrichten und Information uns überfluten, wird Ruhe besonders notwendig, um zu unterscheiden, was wichtig, was weniger wichtig oder gar unwichtig ist. (…) es ist nötig, das geeignete Umfeld zu schaffen, eine Art Öko-System, das eine ausgewogene Balance schafft zwischen Ruhe, Worten, Bildern und Tönen.“
Jeder Mensch, jung oder alt, muss lernen, ruhig zu werden, um angemessen mit neuen Kommunikationstechnologien umgehen zu können. Wir werden sie keinesfalls verteufeln, doch müssen wir lernen, sie zu kontrollieren und zu beherrschen.
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Kevin de Souza, freier Schriftsteller, tätig im Erziehungswesen in Mumbai / Indien.

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