Wolfskinder

von José García
---

Nach seiner Teilnahme an mehreren Filmfestivals startet im regulären Kinoprogramm Rick Ostermanns Spielfilmdebüt „Wolfskinder“, der von einem vergessenen Kapitel deutscher Geschichte handelt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten im nördlichen Ostpreußen elternlose Kinder und Jugendliche dem drohenden Hungertod dadurch zu entgehen, dass sie (meistens) nach Litauen flohen.

---
Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Rick Ostermann
Darsteller: Levin Liam, Helena Phil, Jördis Triebel, Vivien Ciskowska, Patrick Lorenczat, Wilow Voges-Fernandes
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 91 Minuten
Genre: Historiendrama
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Gewalttätige Szenen
---

Teils in Gruppen irrten zahlreiche Waisenkinder durch Ostpreußen und Litauen auf der Suche nach Lebensmitteln und Arbeit. Von den schätzungsweise 25 000 elternlosen Kindern überlebten nur wenige hundert. Die meisten mussten darüber hinaus ihre Identität aufgeben, um sich vor der sowjetischen Besatzungsmacht zu schützen.

Der allgegenwärtige Hunger steht bereits zu Beginn von Ostermanns Film im Mittelpunkt. Im Sommer 1946 versuchen der 14-jährige Hans (Levin Liam) und sein neunjähriger Bruder Fritzchen (Patrick Lorenczat) in einem unter sowjetischer Besatzung stehenden Dorf, Essbares aufzutreiben. Sie stehlen russischen Soldaten ein Pferd, das schnell getötet und aufgeschnitten wird. Das Fleisch soll der kranken Mutter (Jördis Triebel) zu neuen Kräften verhelfen. Die Kinder kommen aber zu spät: Die Mutter liegt bereits im Sterben. Eine letzte Aufgabe überträgt sie dem älteren Sohn: Er soll sich mit Fritzchen nach Litauen durchschlagen, wo es noch Bauern geben soll, die deutsche Kinder bei sich aufnehmen.

Kaum haben sich Hans und Fritzchen auf den Weg gemacht, werden sie getrennt: Als sie versuchen, zusammen mit zwei von russischen Soldaten verfolgten Mädchen einen Fluss zu überqueren, werden sie von den Soldaten beschossen. Nichtschwimmer Fritzchen wird von der starken Strömung mitgerissen. Hans schließt sich der gleichaltrigen Christel (Helena Phil) und ein paar jüngeren Kindern an. Die Kindergruppe wird von litauischen Partisanen aufgenommen. Als aber einer von ihnen versucht, sich an Christel zu vergehen, fliehen Hans, Christel und die anderen Kinder vor den Partisanen. Das Mädchen schneidet kurzerhand ihre langen Haare ab und die Odyssee geht weiter. Hans gibt aber nie die Hoffnung auf, seinen jüngeren Bruder wiederzufinden.

In „Wolfskinder“ erscheinen die namenlosen Erwachsenen stets als Bedrohung. Drehbuchautor und Regisseur Rick Ostermann konzentriert sich auf die Kinder. Die Kamera von Kamerafrau Leah Striker übernimmt deren Perspektive. Der ganze Film erzählt aus Hans’ Sicht. Dabei stehen die Bilder im Vordergrund. Denn gesprochen wird in „Wolfskinder“ kaum. Darüber hinaus bleibt der historische Zusammenhang im Hintergrund. Dazu führt Rick Ostermann, der sich für sein Drehbuch von seinem familiären Hintergrund inspirieren ließ, aus: „Um den archaischen Aspekt dieser Geschichte im Zentrum zu halten, stellte ich die historischen und politischen Facetten in den Hintergrund und legte meinen Schwerpunkt auf das physische Erleben und Erleiden der Kinder. Ich möchte die Geschichte von Kindern erzählen, die einen in ihrem Leben viel zu frühen Kampf gegen Hunger/Durst, gegen den Tod, gegen Krankheit und körperliche Schwäche führen mussten. Einen Überlebenskampf, bei dem sie ganz auf sich allein gestellt waren.“

Es ist eine wunderschöne Natur, die Kamerafrau Striker in großen Cinemascope-Bildern einfängt, über denen eine sepiafarbene Patina liegt, die den historischen Charakter unterstreicht. Diese Natur bietet Momente der Idylle, etwa wenn die Kinder sorglos in einem Weiher baden können. Dass sie aber eine archäische Welt darstellt, verdeutlich nicht nur der Dreck, der sich auf dem Gesicht der Kinder ansetzt, sondern etwa auch eine Szene, in der die Kinder ein Huhn roh essen. Denn in dieser schönen Landschaft führen die Kinder einen regelrechten Überlebenskampf. Dass die meisten Kinderdarsteller, so vor allem Levin Liam und Helena Phil, hier ihr Spielfilmdebüt liefern, steigert noch die Authentizität des Filmes von Rick Ostermann.

Rick Ostermanns „Wolfskinder“ erzählt zwar eine konkrete, ziemlich unbeachtete Episode deutscher Geschichte. Im Gegensatz jedoch zu Cate Shortlands „Lore“ (siehe Filmarchiv), der ebenfalls von einer Kinderodyssee nach Kriegsende handelte, setzen sich Hans, Christel und die anderen Kinder nicht mit der deutschen Geschichte auseinander. Stellte „Lore“ den Läuterungsprozess seiner Protagonistin in den Mittelpunkt, der zu Lores Abkehr von der menschenverachtenden Lüge der Nazi-Ideologie führte, so konzentriert sich Ostermanns Film auf den universellen Überlebenskampf von Kindern im Krieg beziehungsweise nach Kriegsende. Der Drehbuchautor und Regisseur selbst versteht ihn als „Beispiel für das Schicksal vieler Kinder auf der ganzen Welt und über die Zeit hinweg“. Die Geschichte von „Wolfskinder“ könnte sich in ähnlicher Weise in heutigen Kriegsgebieten wie Syrien, Gaza oder dem Irak abspielen. Gerade weil der historische Hintergrund sozusagen unscharf bleibt, erzählt „Wolfskinder“ zwar auch von deutschen Opfern. Er verklärt sie aber nicht, sondern lässt die Bilder in ihrer ganzen ursprünglichen Wucht wirken, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen sind.

„Wolfskinder“ wurde mit dem nationalen Nachwuchspreis des „Friedenspreises des Deutschen Films – Die Brücke“ 2014 ausgezeichnet.