Eine Reform der Wohlfahrtssysteme braucht starke Familien

von Dan van Schalkwijk - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Ab dem 1. Januar wurde das holländische Jugendbetreuungssystem reformiert. Was als einfache Organisationsänderung daherkam, entpuppt sich nun als strenge Budgetkürzung. Angesichts der alternden Bevölkerung ist erhöhter Pflegeaufwand zu erwarten, der die Behörden zwingt, Gelder anders zu verteilen. Von Familien wird mehr verlangt, wobei die eigenen Fähigkeiten von Kindern und Eltern gefordert sind, um die Inanspruchnahme öffentlicher Dienstleistungen zu begrenzen. Doch sind die betroffenen Familien auf solche Verantwortung vorbereitet?

Am Silvesterabend erzählte mir ein Verwandter, der an einer holländischen Jugendeinrichtung arbeitet, dass er wegen der geplanten Reformen unsicher über seine berufliche Zukunft sei. Er berichtete -natürlich anonym- über Paare, die er betreut, speziell über die wachsende Zahl „streitiger Scheidungen“ und deren Auswirkungen auf Kinder, was sehr ernüchternd war. Selbst wenn es Menschen gibt, die vorbildlich mit solch schwierigen Lebensumständen umgehen, brauchen Familien Unterstützung und es gibt durchaus einige, die davon nicht genug erhalten.

Budget Restriktionen

Die offizielle Begründung für die Änderungen bei der Jugendfürsorge sind uneffektive Organisation und Bürokratie auf nationaler Ebene. Deshalb wird die Verantwortung dafür jetzt auf die Gemeinden übertragen, mit der Begründung, dass sie den Betroffenen näher stünden und besser in der Lage seien, bedarfsgerecht zu helfen. Doch ist es kein Geheimnis, dass diese Organisationsänderung mit beträchtlichen Einschnitten bei den Budgets einhergeht. Die Gemeinden werden deshalb auch erst zweimal überlegen, bevor sie einen Euro ausgeben und die Geldbörse gut festhalten.

Ob man es mag, oder nicht, die Änderungen waren vorhersehbar und werden sich in Zukunft noch verschärfen. So ist es absehbar, dass Zuwendungen für Altenpflege-Einrichtungen in Zukunft ebenfalls reduziert werden und Familien wieder vermehrt ihre älteren Verwandten selbst betreuen müssen. Doch sind heute auch mehrere Kinder keine Garantie mehr dafür, dass es jemanden gibt, der einen im Alter versorgt, denn häufig sind Kinder aus beruflichen Gründen mobil und entfernen sich von ihrem Geburtsort. Sind wir also bereit, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen?

Gegenseitige Hilfe

Es ist offensichtlich, dass Familien mit kleinen Kindern und/oder älteren Familienmitgliedern es schwer haben, zurecht zu kommen. Sie brauchen Unterstützung durch die Gesellschaft. Doch die institutionelle Unterstützung durch die Sozialsysteme wurde im holländischen Wohlfahrtsstaat so weit getrieben, dass der Sinn für die Notwendigkeit persönlicher Unterstützung dabei ausgehöhlt wurde. Wenn die demographischen Gegebenheiten den Wohlfahrtsstaat nun zu Kürzungen zwingen, ist eine Mentalitätsänderung sicher in Ordnung, doch wird sie nicht leicht fallen. Es ist nicht nur eine Änderung im Denken, sondern auch eine erneute Bereitschaft erforderlich, für andere da zu sein.

Wie lässt sich eine solche Änderung bewirken? Es gibt viele mögliche Initiativen, die ganz spezifisch helfen können. Es ist sicher nicht falsch, mit jungen Familien, die sich formen, zu beginnen, doch Hilfe ist auf allen Ebenen erforderlich.

Eine konkrete Hilfestellung für junge Familien bieten die „Kurse für Familienbildung“, die mittlerweile weltweit angeboten werden und schon vielen Eltern geholfen haben, ihr Miteinander zu gestalten und über Erziehungsfragen nachzudenken. Dazu treffen sich Elternpaare und diskutieren Fallstudien aus dem realen Leben, zunächst gemeinsam, dann in kleineren Gruppen und präsentieren die Ergebnisse später in einer größeren Gruppe von ca. 12 Paaren. Die Methode, mit Fallstudien zu arbeiten, wird oft von renommierten Business-Schools angewandt und ist sehr hilfreich, Eltern auf die Lösung von Erziehungsproblemen vorzubereiten, die ihnen eines Tages ins Haus stehen können. Sie lernen dabei, Probleme zu erkennen, unterschiedliche Lösungen zu bewerten und in erster Linie, Wege zu finden, mit solchen Problemen gemeinsam umzugehen. Die Erfolge dieser Methode haben zur Gründung des IFFD, der International Federation of Family Enrichment geführt.

Hilfen für zukünftige Eltern

Doch nicht allein Organisationen können helfen, einen Mentalitätswandel herbei zu führen. Es erstaunt sicher nicht, dass moderne Kommunikationsmittel dazu genutzt werden können, wenn sie denn vernünftig eingesetzt werden. Eine kürzlich von meiner Schwester gestartete Initiative hat mich beeindruckt. Sie studierte Kinder-Psychologie, spezialisierte sich im Bereich der Eltern-Kind-Bindung und hat eine App entwickelt, die Eltern helfen soll, sich auf ihre Elternrolle vorzubereiten.

Vorbereitungskurse fokussieren gewöhnlich auf die biologische Entwicklung des Kindes und auf Wehen-Übungen. Wenig Aufmerksamkeit wird dagegen der emotionalen Umstellung gewidmet, die künftige Eltern erfahren. Ihre App setzt genau da an: Wie kommuniziert man mit einem Baby? Was ändert sich im Leben der Partner? Über welch wichtige Themen spricht man, gemeinsam und in der Familie? Über die App, Parents2B, erhalten die werdenden Eltern wöchentlich praktische Tipps, in denen wichtige Themen angesprochen werden, die dem Baby eine gute Ankunft in einem wohl-vorbereiteten Heim ermöglichen.

Dies sind nur zwei Beispiele, wie die Unterstützung von Familien mit Hilfe von Bildungsprogrammen und Technologie gestaltet werden kann. Vielleicht ist nicht jeder ein Spezialist in diesen Bereichen, doch jeder kann sicher etwas dazu beitragen. Der beste Anfang ist wohl der, Zeit für die eigene Familie und Verwandte zu haben und für sie da zu sein, wenn sie denn Hilfe brauchen. Darüber hinaus ist es nie verkehrt, sich nach Initiativen, die Familien unterstützen, umzuschauen und Hinweise zu geben. Besonders junge Eltern, die eine große Änderung in ihrem Leben bewältigen müssen, brauchen und verdienen unsere Hilfe. Ihnen ist vielleicht nicht so bewusst, welch wichtige Rolle sie in unserer Gesellschaft spielen, doch wird ihre Funktion immer wichtiger in unserer Zeit. Wir sollten ihnen das jedenfalls sagen.

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Daan van Schalkwijk berichtet aus Amsterdam. Er lehrt Statistik und Biologie am Amsterdam University College, und ist Direktor des Leidenhoven College in Amsterdam. Er betreibt den Blog Science and Beyond.

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In Deutschland widmet sich das Institut für Elternbildung (IEB) dieser Aufgabe.
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