Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (3)

Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (3)
In der Sprache des Alltags hat der Begriff Verwöhnung unterschiedlichste Facetten. So sollen Blumen verwöhnen, werden Kinder verwöhnt, eine Kaffeesorte wirbt mit dem Verwöhnaroma, Hotels und Restaurants bieten Verwöhn-Arrangements, ein Schaumbad, zarte Wäsche, der neue Service im Kino soll verwöhnen und Frauen suchen per Heiratsanzeige den Mann zum Verwöhnen.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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Zum Sprachverständnis des Begriffs Verwöhnung - Eine Definition
Wird der Begriff Verwöhnung im Zusammenhang mit Kinderverhalten oder Erziehung verwendet, ist er eindeutig negativ besetzt, denn ein verwöhntes Kind ist ein Gräuel. Sprachgeschichtlich kommt das Wort „Verwöhnen“ vom mittelhochdeutschen „verwenen“. Dies bedeutet, sich an etwas in übler Weise gewöhnen. Bezogen auf Kinder werden auch Begriffe wie verziehen, betüddeln, verzärteln und verweichlichen gebraucht. Eine Kurzbefragung durch einen Studenten der Uni Düsseldorf erbrachte folgendes Ergebnis:

  • „Verwöhnung bedeutet, jemanden über ein reelles Maß hinaus etwas Gutes tun, wobei die verwöhnte Person im gewissen Maße den Sinn für die Realität verlieren kann“ (Altenpflegerin, 49 Jahre, 2 Kinder).
  • „Verwöhnen heißt, für eine Person zuviel tun, Aufgaben abnehmen, die sie alleine bewältigen könnte, um Liebe zu beweisen. Hierbei können Hintergedanken eine Rolle spielen. Man verwöhnt oft Kinder, obwohl es klar sein sollte, dass das Kind dadurch verdorben wird“ (Industriekauffrau, 23 Jahre).
  • „Verwöhnt sind all jene Gören, denen man es nicht recht machen kann. Hier ist es zu viel, dort viel zu wenig. Dauernd wollen sie bespaßt und unterhalten werden, quengeln bei kleinsten Anforderungen und giften in ihrer Unzufriedenheit die jeweilige Umgebung an. (Erzieher in einem Kindergarten, 26 Jahre)
  • „Jemandem etwas zukommen lassen, das dieser nicht unbedingt braucht. Das Verwöhnen kann manchmal aus Eigennutz den Zweck haben, jemanden unmündig zu halten“ (Student für Erdkunde und Geschichte, 22 Jahre).
  • „Verwöhnen ist das ‘unnötige Erledigen’ von Arbeiten für einen Anderen, zur Erhaltung bzw. Erlangung seines eigenen Wohlbefindens“ (Schornsteinfeger, 25 Jahre).

Demnach bezeichnet Verwöhnung den Vorgang und das Ergebnis all jener Verhaltensweisen, welche die Entwicklung von Eigenständigkeit und Selbstverantwortung be- bzw. verhindern. Sie äußert sich entweder in einem emotionalen bzw. materiellen Zuviel oder in einem Zuwenig an Zutrauen. Mal wird sie durch übervorsichtiges Bremsen, mal durch unverantwortliches Gewähren lassen deutlich. Verwöhnung beginnt immer, wo die Herausforderung ausbleibt. Positives erhält keine angemessene Verstärkung und Negatives keine Begrenzung. Das Produkt der Verwöhnung ist somit der ent-mutigte Mensch.
Weshalb wird verwöhnt? - Die Frage der Finalität
„Ich verwöhne gerne, was soll daran schlimm sein!“ So outen sich häufig Vollblut-Mütter in Seminarveranstaltungen. Nicht selten wird schnell nachgeschoben: „Auch wenn sie es nicht glauben, ich mache dies ganz selbstlos!“ An dieser Stelle zu verdeutlichen, dass manche Menschen sich in dieses ‘selbst-lose’ Tun so hineinsteigern, dass sie bald als „hilflose Helfer“ - so ein Buchtitel - ihr ‘Rest-Selbst’ wirklich los sind, würde mit größter Wahrscheinlichkeit auf schroffe Abwehr stoßen. Daher soll eine gedankliche Annäherung in der Weise erfolgen, dass erst einmal nach den Gründen für verwöhnendes Verhalten gefragt wird. Hier die häufigsten Nennungen innerhalb von Seminar-Arbeitsgruppen:

  • weil es mir Freude macht
  • weil es schneller geht, aus Bequemlichkeit
  • weil ich Konflikte vermeiden möchte
  • aus Angst, sonst nicht geliebt zu werden
  • um mit Anderen mitzuhalten, z.B. Kleidung und Konsum
  • als Belohnung für Leistung
  • weil ich selbst verwöhnt wurde
  • aus schlechtem Gewissen, z.B. zuwenig Zeit
  • als Reaktion, weil mir mein Partner etwas Gutes tat
  • um Gunst und Zuwendung zu erhalten
  • weil ich gebraucht werden möchte
  • um Abhängigkeit zu erzeugen, - als Machtausübung
  • weil ich so mehr Ruhe habe
  • um sich selbst eine Freude zu machen
  • weil ich meine groß gewordenen Kinder nicht loslassen kann
  • um nicht auf alles reagieren zu müssen, sehe ich häufig weg
  • um wenigsten kurz strahlende Kinderaugen zu sehen
  • ich verwöhne manchmal, um meinem getrennt leben Ex-Ehepartner eins auszuwischen
  • weil ich eigentlich selbst verwöhnt werden möchte
  • manch verwöhnende Verlockung reduziert wenigsten zeitweise meinen tristen Alltag
  • um Stress abzubauen oder ihn nicht entstehen zu lassen

Abgesehen von den zwei Aussage, wo als Grund der Verwöhnung der Ausgleich einer ‘Vorleistung’ angegeben wurde, stand immer der eigene Vorteil im Zentrum. Geht es hier um den Erhalt der eigenen Ruhe, das gewinnen bzw. erhalten Wollen von Sympathie oder die Vermeidung von Konflikten, wird dort versucht, durch die Gewährung scheinbarer ‘Großzügigkeit und Freiheit’ emotionale Abhängigkeit bzw. ewige Dankbarkeit zu erzeugen. Das stille Kalkül ist, dadurch zur ‘Stabilisierung’ des eigenen Personseins beizutragen. So wird der fehlende eigene Lebensmut zum Gradmesser für eine Disposition zum Verwöhner. Dass solche Aktivitäten letztlich nicht tragen, wird schnell spürbar. Denn stabile Menschen brauchen keine Abhängigen, um ihnen am Abgrund der eigenen Angst beizustehen. Sie tragen zur Erstarkung der ihnen Anvertrauen bei. So wird auch manche aufopfernd wirkende Grundhaltung durch das Prinzip Eigennutz enttarnt.
Um etwaige Abwehrreaktionen von Eltern oder anderen Erziehungskräften im Sinne, ‘dies macht doch kein vernünftiger Mensch’ in ihrer Wirksamkeit zu begrenzen: Je stärker Menschen sich an der Maxime ‘Ich umsorge, also bin ich!’ orientieren und je ausgeprägter ein zu großes Harmoniebedürfnis Konflikt zu vermeiden sucht, je umfangreicher ist eine Disposition zur Verwöhnung vorhanden. Denn wer möchte schon durch ein Aufgeben des eingeschlagenen Weges auf der Suche nach Existenzberechtigung eine Lebenskrise auslösen. Auch eine Reduktion der eigenen Harmoniesucht wird meist vehement vermieden werden.
Hier ein Schnelltest zur Selbsteinschätzung: Je intensiver der Selbstwert aus der Mutter- oder Vaterrolle zu ziehen gesucht wird, je umfangreicher werden Kinder zum Objekt von Sinnsuche und Besitzbestrebungen. Meist ist dies die Reaktion darauf, dass es innerhalb der Partnerschaft an Wertschätzung mangelt. Um das Verkümmern dieser emotionalen Grundbedürfnisse zu begrenzen, sind solche Eltern daher permanent auf der Suche nach Bestätigung im Umgang mit dem Nachwuchs. Manche Flucht aus der Erziehungsverantwortung ist in diesem Zusammenhang ein nachvollziehbare Notschrei in Richtung Partner, doch endlich einen Ausweg aus Begrenzung, Entwertung und Vereinsamung finden zu wollen.
Je umfangreicher Menschen ihre Existenz durch verwöhnendes Umsorgen zu bestätigen suchen, je häufiger und unkontrollierter werden sie jede Gelegenheit beim Schopfe packen, um dem eigenen defizitären Ich den entsprechenden Tribut zu zollen. Harmonie suchend, sich oft in der Erziehung allein gelassen fühlend, selbst nach Zuwendung heischend, werden so die anvertrauen Kinder zum Opfer ausufernder Verwöhn-Praktiken. Auch wenn die meisten Kinder sich anfänglich gegen Anstelle-Handeln und manche Verhätschelungen zu schützen suchen, nach kurzer Zeit bemerken sie, dass sie ja auch Nutznießer des Geschehens sein können, frei nach der Devise: Ich lasse alles anrichten, - Full-Service im Hotel-Eltern.
(wird fortgesetzt)
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Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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