Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (2)

Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (2)
„Kaum etwas bereitet Eltern solches Kopfzerbrechen wie die Frage, ob sie ihre Kinder verwöhnen. Niemand weiß genau, wann aus Zuwendung Verhätschelung wird“. Soweit eine Textpassage aus dem SPIEGEL zu den „verwöhnten Kleinen“, die alles haben wollen aber nichts eingeben. Diese Erfahrung machen Eltern immer wieder neu, wenn sie sich mit diesem Thema ernsthaft beschäftigen.
von Albert Wunsch
---
Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
>Teil3
>Teil4

Zum Wesen der Verwöhnung - Eine wichtige Differenzierung

Hier die häufigsten Antworten auf die Seminar-Frage: Was verstehen sie unter Verwöhnung:

  • Aufgaben abnehmen, die alleine zu bewältigen wären
  • jemand einen Gefallen tun
  • Konflikte und Auseinandersetzung vermeiden
  • liebevolle Zuwendung, einfach jemand gut sein
  • sofort springen, wenn Sohn oder Tochter was will
  • inkonsequent sein, ‚Drei’ eine gerade Zahl sein lassen
  • in Ausnahmesituationen was Schönes arrangieren
  • wenn ich den Sohn, wenn er verschlafen hat, zur Schule fahre
  • Weg des geringsten Widerstandes
  • mir von meinen Kindern auf der Nase herum tanzen lassen
  • wenn ich meinem Mann alles hinterher räume
  • Nackenmassage nach einem schweren Alltag
  • wenn ich für meine Kinder Dinge erledige, die sie übernommen haben
  • bei Krankheit der Kinder Dinge zulasse, die sonst nicht üblich sind
  • mir mal was gönne, was sonst zu teuer oder aufwendig ist

Vielleicht wurde schon erkannt: Dies Antworten pendeln zwischen okay und höchst problematisch. Bewertungsmaßstab ist, in welchem Umfang Menschen dazu gebracht werden, die Verantwortung und Fähigkeiten für das eigene Leben zu minimieren. Dabei erhalten Häufigkeit und Art der entsprechenden Verwöhn-Sequenzen eine prägende Bedeutung. Werden beispielsweise oft Aufgaben abgenommen, welche alleine zu bewältigen wären, wirken die negativen Folgen natürlich umso prägender. Dagegen sind die ‘ab-und-zu-Beispiele’ wie: ‘Sich oder anderen mal was Besonderes zukommen lassen’ unproblematisch bis sinnvoll. Differenzierter ist jedoch der Blick auf Aussagen wie ’liebevolle Zuwendung ‘zu richten. Wirkt ein solcher Vorgang auf den ersten Blick gut und lobenswert, erschließt ein differenziertes Hinsehen die Brisanz. Was wird denn konkret unter liebevoller Zuwendung verstanden? Wer prüft, ab welchem Punkt diese Haltung schädigend wirkt? Von wem wird in den Blick genommen, welche Langzeitdefizite entstehen, wenn häufig etwas für ein Kind getan wird?
Nach dieser Erstbewertung des alltagssprachlichen Verständnisses von Verwöhnung ist es klärend, die unterschiedlichen Nennungen nach drei Aspekten zu differenzieren: Dabei bietet sich folgende Sprachregelung an:
1. Verwöhnung als häufiger Zustand. Bewertung: eindeutig negativ

  • Wunscherfüllung sofort, ob Essen, Trinken, Zuwendung, Freizeitinteressen
  • Grenzenlosigkeit bei Geschenken, Süßigkeiten oder Geldzuwendungen, Konsumgütern, Fernseh- und Internet-Nutzung, Ausgehzeiten, Umgangsregeln, kurz im ganzen Lebensalltag
  • in Watte packen bei kleinstem Unwohlsein oder vor anstehenden Herausforderungen in Schule oder Ausbildung
  • Aufgaben für Kinder lösen, welche in Eigenständigkeit zu Erlernen wären: vom Anziehen, Spielsachen wegräumen übers Brote schmieren bis zum Schulranzen packen und nachtragen
  • Konflikte im Umfeld der Kinder für diese lösen, Nachgeben, wo Standhalten angesagt ist, faule Kompromisse eingehen, die Inkonsequenz leben

2. Situationsbezogene Sonderzuwendung. Bewertung: angemessen bzw. förderlich

  • wenn besondere Anlässe oder Festtage anstehen, - im Urlaub
  • bei vorübergehenden Krankheiten > Achtung: wenn diese vorbei sind, steht der Schwenk auf Normal an.
  • wenn weit entfernt wohnende Großeltern oder andere wichtige Bezugspersonen zu Besuch kommen
  • wenn besondere Leistungen erbracht wurden

3. die Ermöglichung von Wohlfühlsituationen. Bewertung: wichtig und positiv

  • ein schöner Wochenendausflug, ein besonderes Abendessen in der Familie
  • eine spezielle Aufmerksamkeit als Dank oder zur Aufmunterung
  • ein Restaurant-, Kino-, Theater- oder Konzertbesuch
  • schöne Rahmenbedingungen für die Zweisamkeit
  • kurz: sich Oasen des Wohlbefindens schaffen (Achtung: Eine Oase setzt die Wüste voraus!)

Diese Aufteilung in Verbindung mit den entsprechenden Konkretisierungen verdeutlicht, Ausnahmen geben dem Alltag Kontur und Flair. Davon abgegrenzt springt die Brisanz aller verwöhnenden Umgangsformen, insbesondere wegen deren Langzeitwirkung ins Blickfeld. Daher ist der Verwöhnung der Kampf anzusagen. Immer werden wichtige Entwicklungsschritte oder Lernfelder be- oder verhindert. Letztlich mündet die Verwöhnung in der Entmutigung. So werden grundlegende Fähigkeiten entweder nicht entwickelt oder zugeschüttet. Ein solches Antrainieren von Unvermögen fördert die Isolation des Betroffenen und führt letztlich in die Abhängigkeit. Wer jedoch mit gutem Selbstwertgefühl Ziele verwirklichen möchte, muss früh lernen, sich anzustrengen. Das Leben ist oft eine Harte Nuss und lässt sich nicht von Waschlappen knacken.
(Wird fortgesetzt)
---

Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
Taxonomy upgrade extras: