Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (1)

Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? (1)
Wenn dieser Beitrag nur zum Ziel hätte, die in der Überschrift zum Ausdruck gebrachte Frage zu beantworten, könnte er mit einem ‚eindeutigen Ja’ an dieser Stelle schon als abgeschlossen betrachtet werden. Diese Einschätzung basiert jedenfalls auf den Befunden der verschiedensten Untersuchungen der zurückliegenden Jahre.
von Albert Wunsch
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Waren es hier 79,8%, so ermittelte eine andere Forschergruppe, dass 87,4% der Befragten angaben, dass Kinder zu verwöhnt seien. Die im Jahre 2001 von Infratest im Auftrag von FAMLIE&Co durchgeführte Exklusivumfrage kommt zu folgendem Ergebnis: „81,2% der Deutschen sind der Meinung, dass Kinder zu sehr verwöhnt werden.“ Diese Fakten werden auch durch die in einer breiten Seminar- und Beratungstätigkeit gewonnenen Anhaltpunkte bestätigt.
Sucht nach dem leichten Sein - Verwöhnung als VolksDroge
„Wir wissen, dass wir unsere Kinder verwöhnen, aber wir wollen keine Belehrung!“ Dies war die Spontanbotschaft einiger aufgebrachter Mütter im Vorfeld eines Seminarabends zum Thema: „Die Verwöhnungsfalle.“ Die Leiterin der Kindertagesstätte als Veranstalterin, welche diesen Satz etwas sorgenvoll dem Referenten als ‘Vorwarnung’ mitgeteilt hatte, schob sofort nach, dass die Erzieherinnen natürlich mit den Kindern aus diesen Familien die meisten Probleme haben. Auch wenn die Abwehrhaltung deutlich war, der betreffende Personenkreis kam trotzdem. Vielleicht wirkte ja das Kurz-Statement von Madonna innerhalb des SPIEGEL-Titel-Themas zu: „Die verwöhnten Kleinen“. Ihre Warnung vor den Gefahren für Kinder beim Aufwachsen im Wohlstands-Milieu: „Das Letzte was ich will, ist eine überhebliche Göre!“
Unabhängig davon, dass verwöhnende Eltern sich nicht gerne den Spiegel vorhalten lassen und Madonna ihre Tochter auf keine Fall verwöhnen will: Werden Kinder nicht in einer wohldosierten Mischung aus Zutrauen und Herausforderung auf das Leben vorbereitet, ist Versagen vorprogrammiert. Menschen sind darauf angelegt, etwas leisten zu wollen, um sich selbst auch etwas leisten zu können. Wer Kinder und Jugendliche auf ein Leben in Selbständigkeit und Eigenverantwortung vorbereiten will, kann nicht für sie handeln! Fehlendes Gefordert-Sein macht letztlich ohnmächtig und krank. Jede Über-Behütung äußert sich im Kern als Sucht nach dem leichten Sein.
Die leicht gemachte Annehmlichkeit - ein trügerischer Traum
Auch wenn die wenigsten Eltern ihre Kinder bewusst verwöhnen wollen, der leicht über die Lippen gehende Satz: „Ich mach das schon für Dich!“ führt mitten ins Kerngeschehen. Je häufiger diese Haltung deutlich wird, je umfangreicher wird Eigeninitiative und Selbsttätigkeit verhindert. So nachvollziehbar die Gründe im Einzelfall auch sein mögen: Kinder können nur dann eigenständig ihr Leben meistern, wenn sie für die verschiedensten Ereignisse, Handlungsfelder, Wirrnisse, Krisen oder gar Stürme des Lebens stark gemacht werden. Eltern, Kindergärten, Schulen und Einrichtungen der beruflichen Ausbildung haben demnach ein Umfeld zu schaffen, in welchem gelernt wird, Chancen zu erkennen und aufzugreifen.
„Diese Mühe habe ich ihr erspart, ich tat es gerne!“ - „Damit es nicht noch länger dauert, mir geht es wirklich leicht von der Hand!“ „Lass es, ich mach das schon für Dich!“ - Was steckt hinter solchen Sätzen? Drücken sie nicht einfach Zuvorkommen und Hilfsbereitschaft aus? Sind sie nicht die mutige Gegenoffensive zum egoistischen ‘In-sich-selbst-Stehen’? Solch nette Gesten beleben doch erst das menschliche Miteinander, reduzieren die häufig feststellbare Kälte. Schließlich bereitet Helfen ja Freude. - Auch wenn all diese Motive nachvollziehbar und lauter wirken, um Klarheit zu erhalten, müssen wir den Blick auf die Beweggründe der Verwöhner und die Folgen der Verwöhnung richten. Denn immer wird - unabhängig vom jeweiligen Anlass - ein Gegenüber mühelos ein Ziel erreichen.
Je häufiger dies geschieht, je umfangreicher wird die Bereitschaft und Fähigkeit reduziert, selbst die entsprechenden Handlungen vorzunehmen. So führt jede leicht gemachte Annehmlichkeit immer auch Schrittweise in eine immer größere Abhängigkeit von Menschen, die es für ‘Entwöhnte’ richten sollen. Damit wird eine Anspruchshaltung in junge Menschen eingepflanzt, welche sich wie ein roter Faden durch das weitere Leben in Freundschaft, Partnerschaft, Beruf und Gesellschaft hindurch ziehen wird. Die Devise wird sein: ‚Weshalb sollte ich mich anstrengen, wenn es sich auch so gut leben lässt! - Die Anderen sollen es richten’.
Die Märchen von dienenden Feen, nützlichen Zwergen oder Zauberkobolden sind den meisten Menschen bekannt. Immer ranken sich diese Geschichten um den tief sitzenden Wunsch, ohne Anstrengung zu Ansehen, Glück, Macht oder/und Reichtum gelangen zu können. Ein Leben wie im Schlaraffenland wird angestrebt. Moderne Menschen hoffen aus den gleichen Gründen auf einen Lotterie-Gewinn. In diese Denkvorgänge passt die verwöhnende Lebensmaxime der leicht gemachten Annehmlichkeit. Alles was Haus und Küche bieten, wird jederzeit angedient. Die Eltern - in der Realität meist die Mütter - erklären sich für den ‘Tischlein-deck-Dich-Effekt’ zuständig. Wer jedoch in einer ‚All-inclusive-Atmosphäre’ aufwächst, wird weder Eigenständigkeit noch Selbstverantwortung erlernen können und später - nach erfolgter Abhängigkeit - auch nicht mehr wollen. Auf einer solchen Basis jedoch die Zukunft der uns anvertrauten Kinder aufzubauen, erscheint mir nicht nur ein trügerischer Traum, es wäre verwerflich!
Jedes verwöhnende Handeln spiegelt immer die Grundhaltung des ‘Dauernd-für-Andere-da-sein-Wollens’ wider. Damit wird die eigentliche Brisanz deutlich. Denn wenn Väter und Mütter per Verwöhnung ihre Wichtigkeit oder Funktion unter Beweis zu stellen suchen, frei nach der Devise: ‘Schau mal, wie lieb ich dich hab’ oder ‘Ich kann das besser’, wird Kinder jede Chance entzogen, in die Eigenverantwortung wachsen zu können. Die Versuchung, mal wieder die eigene ‘Gutheit’ oder ‘Wichtigkeit’ unter Beweis stellen zu können, ist übergroß und allgegenwärtig. Alle Verneblungsmechanismen werden eingesetzt, um die negativen Folgen des eigenen Tuns für kleine oder größere Kinder auszublenden.
Auch wenn diese Ursache-Wirkungs-Verkettung in beträchtlichem Umfang Verwöhnverhalten erklärt, leitet dies nicht automatisch die Notwendigkeit der Reduzierung ein. Natürlich ist es nachvollziehbar, Kindern bestimmte Erleichterungen verschaffen zu wollen. Aber der Preis eines solchen Agierens ist allzu häufig, sinnvolle oder notwendige Lebensvorbereitung zu verhindern. Immer führen falsches Helfen, fehlende Begrenzung und ausbleibende Herausforderung dazu, dass wichtige Entwicklungsschritte bei Kindern und Jugendlichen be- oder verhindert werden. Da im Leben außerhalb von Verwöhn-Systemen andere ‚Gesetzmäßigkeiten’ existieren, wachsen Verwöhnte immer intensiver in eine Scheinwelt hinein. Denn Überbehütung und fehlende Grenzerfahrungen haben noch nie zu stabilen Erwachsenen sondern immer zu einer Reduzierung von Selbsttätigkeit, Eigenverantwortung und sozialer Kompetenz geführt.
Mancher Diskutant brachte in diesen Zusammenhang ein, dass es ‘zu hart sei, soviel von Kindern zu verlangen’. Aber ist es nicht viel perfider, dem Nachwuchs eine Leichtigkeit des Lebens vorzugaukeln, die im Normalfall nicht vorhanden ist? Wer Kinder in Watte packt, Lernen nur bei Spaß bejaht und wegen einer möglichen Trübung strahlender Kinderaugen nicht nein sagen oder die Folgen eines unguten Verhaltens nicht zulassen kann, potenziert Unvermögen Dies wird auf jeden Fall in einem durch Wettbewerb und Leistung geprägten Leben hart für die Betroffenen werden. Denn: „Kinder bekommen zu wenig von dem, was sie brauchen, wenn sie zuviel von dem bekommen, was sie wollen“ so Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann.
(wird fortgesetzt)
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Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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