Unser tägliches Brot gib uns heute

Unser tägliches Brot gib uns heute
Diese Vaterunserbitte überzeugt fast jeden, und sie ist ja auch geradezu sprichwörtlich geworden: „Tägliches Brot“ im erweiterten und übertragenden Sinne als Sicherstellung einer Grundversorgung –das kennt jeder. Auch dass es etwas elementar Christliches ist, Hungernden und Notleidenden zu helfen wird deutlich: Diese Bitte sprechen wir ja in Gemeinschaft, wir bitten immer um „unser“ Brot, nicht jeder einzeln nur um seines (1). Den Aspekt Solidarität und Nächstenliebe darf man also sicher voraussetzen. Aber wie steht mit unserer gemeinsamen Bitte an Gott?
von Martin Eberts
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In unserer Gesellschaft ist die Akzeptanz von Kirche und Glauben direkt proportional zum vermuteten sozialen Nutzen: Was die Kirchen an sozialen Dienstleistungen erbringen, geht in Ordnung, soweit es nicht direkt an irgendwelche Glaubenssachen gebunden ist. Etwas pointiert formuliert: Brot für die Welt ist OK, Missionieren nicht. Dagegen zeigt sich in der vierten Vaterunserbitte eine ganz andere Realität: Das, worauf es ankommt, können wir von Gott erbitten; erst danach müssen wir überhaupt etwas tun.
Ich habe das immer als befreiend und wunderbar erleichternd empfunden, dass wir uns nicht permanent abquälen und um das Nötige sorgen müssen. In einer Welt ohne Gott ist dagegen selbst im optimalen Fall am Ende alles tot und vorbei, weshalb alles Mühen und Streben etwas elementar Tristes und Aufreibendes hat und zum Schluss vergeblich bleibt. Mit den Worten des berühmten Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes: „In the long run, we‘re all dead“.
Dagegen klingt es doch deutlich ermutigender, im Evangelium zu lesen: „Sorgt Euch nicht um Euer Leben und darum, dass Ihr zu essen habt…“ (2). Dass damit nicht der Passivität und Trägheit das Wort geredet wird, quasi einer anstrengungslosen Grundversorgung, ergibt sich nicht nur aus dem Kontext des Neuen Testaments (3), sondern auch direkt aus der vierten Vaterunserbitte selbst. Denn das in der deutschen Übersetzung mit „täglich“ wiedergegebene Wort (4) bedeutet eigentlich „das zum Sein notwendige“ – und das in einem doppelten Sinne.
Denn – erstens – könnten das Leben als solches und die ganze Schöpfung nicht ohne Gottes schützendes Wirken bestehen. Wir bitten also quasi darum, dass Gott uns dies erhalten möge, weil wir sonst beim besten Willen und mit allen Anstrengungen nichts Bleibendes erreichen könnten. Wir bitten darum, dass Gott uns das gebe, was wir zum Leben brauchen, als Grundlage zum Gestalten unseres Lebens, für das Leben mit unserer Familie, unseren Freunden, unseren Mitmenschen. Auch hier gibt es übrigens wieder die umgekehrte Möglichkeit, sich von Gott abzuwenden, auf seine Hilfe zu verzichten, nur auf sich selbst zu vertrauen. Man kann auch sagen – und das hören zu müssen ist auch schon fast unser tägliches Brot –, man glaube nur an den Menschen und richte sich ganz gern im bloß Materiellen ein (5). Gott drängt sich nicht auf, und deshalb ist die Bitte um seine Hilfe niemals redundant.
Zugleich bitten wir – zweitens – um etwas, das über den Bereich des materiellen Überlebens und Fortkommens hinausgeht, eben auch um das für das ewige Leben Notwendige. So wie kein Mensch mit dem bloßen am-Leben-bleiben zufrieden sein kann, sondern danach strebt, etwas zu erreichen, Sinn und Ziel in seinem Leben und mit Anderen zu finden, so bitten wir im Vaterunser nicht nur um ein ausreichendes Nahrungsangebot (so wichtig und knapp das auch sein mag), sondern auch um das, was nötig ist, um den Sinn des Lebens zu erkennen und zu erreichen.
Beide Aspekte, der materielle wie der spirituelle, werden in der wunderbaren Geschichte von der Brotvermehrung (6) deutlich, in der Jesus das Wunder wirkt, sich aber auch der Arbeit der Menschen bedient.
Da dort wie hier vom Brot (7) die Rede ist, darf man auch an dieser Stelle mit Sicherheit einen Verweis auf die Eucharistie sehen, in der das zum ewigen Leben Notwendige ebenso deutlich wird, wie die Gemeinschaft der Beter, die „Vater unser“ sagen.
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zu den anderen Bitten
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Und führe uns nicht in Versuchung
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Unser tägliches Brot gib uns heute
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Dein Reich komme
Geheiligt werde Dein Name
Vater unser
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Anmerkungen
1) Vgl. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Bd. 1, S. 185 ff.
2) Matthäus 6, 25.
3) Vgl. z.B. die Anweisung Jesu in Mk. 6, 37 oder die Aussage des Apostels Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher, Kap. 3, 10.
4) „Epi-ousios“, ein offenbar von den Evangelisten geprägtes Wort, das es sonst im Altgriechischen praktisch nicht gibt. Vgl. hierzu J.Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, a.a.O. S. 188.
5) Mit aller Radikalität hat z.B. Nietzsche das vertreten.
6) Mk. 6, 35-44.
7) Zum Thema Brot vgl. auch J.Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, a.a.O. Kap. 8.
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