Transcendence

von José García
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Postapokalyptische Bilder: Eine ausgeschaltete Ampel, ein kaputtes Handy, eine zum Türfeststeller zweckentfremdete Computertastatur. Auf der Straße patrouilliert das Militär. Eine Off-Stimme klärt den Zuschauer darüber auf, dass das Strom- und Telefonnetz zusammengebrochen ist. Ein Mann geht in ein verlassenes Haus hinaus, und beginnt, von Will und Evelyn Caster zu erzählen. Es folgen ein scharfer Schnitt und die Aufschrift „5 Jahre früher“. Was eine kaum zu verstehende dramaturgische Entscheidung darstellt, beraubt sie doch den Zuschauer eines Großteils der Spannung während des Spielfilms „Transcendence“. So gesehen, nimmt sich Wally Pfisters Spielfilmdebüt als zweistündige Erklärung aus, wie es zu diesem Zusammenbruch moderner Kommunikationsmittel mit seinen gesellschaftlichen Folgen kam.

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Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Wally Pfister
Darsteller: Johnny Depp, Rebecca Hall, Paul Bettany, Morgan Freeman, Kate Mara, Cillian Murphy, Clifton Collins Jr.
Land, Jahr: USA 2014
Laufzeit: 120 Minuten
Genre: Science-Fiction
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Gewalt
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Das Wissenschaftler-Ehepaar Will (Johnny Depp) und Evelyn Caster (Rebecca Hall) arbeitet im Bereich der künstlichen Intelligenz. Mit Hilfe ihres Freundes Max Waters (Paul Bettany) haben sie einen Superrechner namens PINN entwickelt, der nicht nur über das gesamte menschliche Wissen, sondern auch über menschliche Emotionen verfügen soll. Nach Ansicht der Extremistengruppe namens R.I.F.T. (Revolutionary Independence From Technology) überschreitet jedoch dieses Vorhaben eine ethische Grenze, die nicht missachtet werden darf. Dafür sind die R.I.F.T.-Leute bereit, selbst unethische Mittel wie Sprengstoffanschläge oder gar Attentate zu verüben. So wird Will von einer radioaktiv verseuchten Kugel getroffen, die seinem Leben in einem sehr überschaubaren Zeitraum ein Ende setzen wird.

Aus Liebe zu Will wagt Evelyn, das Experiment PINN zu Ende zu führen: Zusammen mit Max verbinden sie das Gehirn des sterbenden Will mit dem Computer, um die Maschine mit Wills Geist verschmelzen zu lassen. Durch den Zugang zum Internet wird der unersättliche Hunger nach Wissen der Mensch-Maschine zunächst gestillt. Aber bald beginnt sie auch, neuartige Heilungsmethoden zu entwickeln, etwa einem Blindgeborenen das Augenlicht zu schenken. Diese physischen Veränderungen sind allerdings „erst der Anfang“. Menschen sollen nicht nur optimiert, sondern miteinander vernetzt, Teile eines kollektiven Geistes werden.

Die Welt von „Transcendence“ unterscheidet sich kaum von der Gegenwart. Die von Kameramann Jess Hall häufig in aseptischem Weiß und kalten Farben wiedergegebene technische Ausstattung wird von den technischen Klängen der Filmmusik von Mychael Danna unterstützt, um eine Science-Fiction-Anmutung hervorzurufen. Dank der mit Paul Bettany, Morgan Freeman, Kate Mara und Cillian Murphy prominent besetzten Nebenrollen und der von Rebecca Hall und Johnny Depp nuanciert entwickelten Hauptcharaktere gelingt es Regisseur Wally Pfister trotz dramaturgischer Schwächen, einige Fragen an der Schnittstelle zwischen technischem Fortschritt und ethisch bedenklichen Entwicklungen zu stellen.

Das Drehbuch des Debütanten Jack Paglen nimmt sich als eine fiktionalisierte Weiterentwicklung der Forschungszweige im GRIN-Bereich (Genetics, Robotics, Information Technology, Nanotechnology) aus. Für den Anschluss von Computern an das menschliche Gehirn, aber auch umgekehrt für die Einpflanzung von Gehirnzellen in einen Computer plädieren etwa George M. Whitesides, Chemie-Professor an der Universität Harvard, und Susan A. Greenfield, Gehirnforscherin und Pharmakologin an der Universität Oxford. „Transcendence“ geht davon aus, dass dies bereits möglich sei, und fragt nach der Identität des in einem Computer „weiterlebenden“ Menschen.

Die mit der Schnittstelle Mensch-Maschine zusammenhängenden ethischen Fragen werden seit Anfang des neuen Jahrtausends insbesondere von Bill Joy und Ray Kurzweil diskutiert. In seinem 1999 erschienenen Buch „Homo S@piens“ (Original: „The Age of Spiritual Machines“) hatte der „unverbesserliche Optimist“ und „Transhumanismus“-Verfechter Ray Kurzweil dafür plädiert, dass der Mensch seine eigene Evolution selbst in die Hand nehmen soll. Darauf hatte Bill Joy im Juni 2000 in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit einem vielbeachteten Aufsatz mit dem Titel „Warum die Zukunft uns nicht braucht“ geantwortet. Die Möglichkeit der dem Transhumanismus innewohnenden Manipulation von Identität und Autonomie des Menschen stellt laut Bill Joy eine Gefahr für die Gattung Mensch dar, weil sie „eine apokalyptische Selbstauslösung der Gattung Mensch heraufbeschwört.“

Dies bildet die Folie, auf der Drehbuchautor Jack Paglen und Regisseur Wally Pfister ihren Spielfilm „Transcendence“ entwickeln. Dabei zeigen sie nicht nur die möglichen Folgen eines solchen Transhumanismus. Darüber hinaus sprechen sie auch die ethischen Fragen an, die von einer solchen Mensch-Maschine mit kollektivem Geist ausgehen würden. Ob er einen Gott, seinen eigenen Gott erschaffen wolle, hatte einer der skeptischen Zuschauer Will Caster nach seinem Vortrag gefragt. Eine Frage, die zwar nicht explizit weiter ausgeführt wird, die jedoch über dem ganzen Film steht. Denn die Frage, ob eine solche Mensch-Maschine zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse unterscheiden könnte, wandelt sich in die beunruhigende Fragestellung, ob sie nicht eher selbst entscheiden will, was Recht und Unrecht, was Gut und Böse ist. Darin besteht auch die Stärke von „Transcendence“, solche Denkanstöße zu veranschaulichen.