The Fighter

The Fighter
Vor mehr als dreißig Jahren gipfelte der Hollywood-Boxerfilm in zwei völlig voneinander verschiedenen Spielfilmen: Unterstrich Martin Scorseses „Wie ein wilder Stier“ („Raging Bull“, 1980) die Brutalität und letztlich die selbstzerstörerische Kraft des Boxsports, so machte John G. Avildsen mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle den Film „Rocky“ (1976) zu einer regelrechten Heldengeschichte im klassischen Hollywood-Stil. Obwohl sich Sylvester Stallone beim Verfassen des Drehbuchs zu „Rocky“ von einem echten Boxer inspirieren ließ, war sein Rocky Balboa eine fiktive Figur. Ganz anders David O. Russells Boxerfilm „The Fighter“, der auf der wahren Geschichte des Boxweltmeisters Micky Ward und seines Halbbruders Dicky Eklund basiert. Sozusagen als Beglaubigung dafür sind die zwei echten Halbbrüder im Nachspann des Filmes zu sehen.
Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: David O. Russell
Darsteller: Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo, Jack McGee, Dendrie Taylor, Melissa McMeekin, Bianca Hunter, Erica McDermott
Land, Jahr: USA 2010
Laufzeit: 116 Minuten
Genre: Familiendrama
Publikum: Jugendliche (FSK: ab 12 Jahren)
Einschränkungen: Gewalt, Szenen mit eindeutig erotischer Absicht

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

David O. Russell führt durch einen Kunstgriff in die Geschichte ein: Ein Fernsehteam dreht eine Dokumentation über Dicky Eklund (Christian Bale), der früher als „der Stolz von Lowell“ galt, einer kleinen Stadt in Massachusetts. Dickys Ruhm fußt auf einem lange zurückliegenden Boxkampf, bei dem er den legendären Sugar Ray Leonard zu Boden schickte – eine Geschichte, auf die der Film gleich mehrfach, auch mit den Originalaufnahmen, zurückkommen wird. Dass die Fernsehdokumentation nicht um ein angebliches Comeback der einstigen „Legende“, sondern um Drogenkonsum geht, wird Dicky – und mit ihm auch der Zuschauer – erst zu einem späteren Zeitpunkt erfahren.
In Dickys Schatten steht sein jüngerer Halbbruder Micky Ward (Mark Wahlberg), der ebenfalls boxt, sich aber mit Straßenbauarbeiten finanziell über Wasser halten muss. Mickys Karriere wird als Familienunternehmen geplant: Dicky trainiert ihn, die gemeinsame Mutter Alice (Melissa Leo) tritt als Managerin auf. Nachdem ein Kampf statt mit dem erhofften Durchbruch mit einer Niederlage und Mickys Verletzungen endet, greift die resolute Kellnerin Charlene (Amy Adams) ein: Sie versucht den angehenden Boxer davon zu überzeugen, dass seine Familie ihm eigentlich im Wege steht. Nachdem Dicky ins Gefängnis wandert, traut sich Micky, seine Karriere selbst in die Hand zu nehmen. Plötzlich bekommt er die Chance auf einen großen Kampf.
Regisseur Russell und der als Hauptdarsteller und Produzent auftretende Mark Wahlberg legen größten Wert auf Authentizität. Dies gilt sowohl für die die Originalaufnahmen nachstellenden Boxszenen als auch für die Milieubeschreibung: Der Film wurde in Lowell gedreht, und die überwiegend mit Handkamera aufgenommenen Bilder zeigen eine heruntergekommene Industriestadt, in der Arbeitslosigkeit und Drogenprobleme vorherrschen.
Vordergründig erzählt „The Fighter“ eine Geschichte, die sich kaum etwa von „Rocky“ unterscheidet: Junger Boxer aus einfachen Verhältnissen überwindet dank seiner Willenskraft alle Schwierigkeiten und besiegt einen übermächtigen Gegner. Was jedoch den Film von ähnlichen Sportler-Geschichten unterscheidet, sind die vielschichtigen Figuren. Micky fühlt sich hin- und hergerissen zwischen seiner Boxer-Karriere und der Loyalität zu seiner Familie. Der komplexeste Charakter ist jedoch sein älterer Halbbruder Dicky. Auf der einen Seite nimmt er die Verantwortung für seinen jüngeren Bruder sehr ernst – sofern sein Bewusstsein nicht gerade vom Rauschgift vernebelt ist. Seine Ratschläge sind außerdem wirklich hilfreich: Micky gewinnt beispielsweise erst einen Ringkampf, bei dem er schon einiges eingesteckt hatte, als er sich auf die mit Dicky einstudierte Technik besinnt. Andererseits führt aber der Drogenkonsum beim älteren Bruder zu einem Realitätsverlust, der ihn abstruse Dinge tun lässt, etwa durch Überfälle Geld beschaffen zu wollen. Auch die Mutter Alice meint, das Beste für ihren Sohn zu tun, obwohl sie Mickys Karriere eigentlich in eine Sackgasse hineinmanövriert. Weil Micky bei all den Schwierigkeiten, die sie ihm bereitet, seine Familie liebt, und es etwa gegenüber Charlene unmissverständlich zum Ausdruck bringt, erzählt „The Fighter“ von einer komplizierten Familienkonstellation, vor allem aber von einer ganz besonderen Bruderliebe. Denn die Beziehung zwischen Micky und Dicky steht im Mittelpunkt des Filmes.
Regisseur David O. Russell setzt bei der Inszenierung insbesondere auf die in ihren Rollen glänzenden Schauspieler. Mark Wahlberg sieht man in jedem Augenblick das Herzblut an, das er jahrelang in dieses Projekt steckte. Vor allem aber beeindruckt ein dürrer Christian Bale mit eingefallenen Augen und fiebrigen Bewegungen. Zu Recht erhielt er für diese Rolle den Oscar als „Bester Nebendarsteller“. Die Trophäe gewann ebenso Melissa Leo als vulgäre Xanthippe in enganliegenden Klamotten und mit blondiertem Haar. Insgesamt wurde „The Fighter“ bei der diesjährigen Oscarverleihung siebenmal nominiert, darunter in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“.

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