Es wird Zeit, die Effekte der „Pille“ genauer zu prüfen

von Michael Cook - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Wenn es einen Patientenwunsch gibt, den wohl alle Ärzte ohne Scheu, sich als Spielverderber beschimpfen lassen zu müssen, ablehnen, so ist es der mancher junger Muskelprotze nach leistungssteigernden anabolen Steroiden. Umfassende Untersuchungen belegen deren schädliche Wirkung unter anderem auf Leber und Herz.

Männern wird also die Anwendung von Steroiden aus gutem Grund verweigert, doch warum wurden die neurologischen Effekte der Steroid-basierten Kontrazeptiva auf Frauen bisher nicht ebenso gründlich untersucht? Die Pille ist, daran sei erinnert, das meist verwendete Mittel der Geburtenkontrolle und wird von ca. 100 Mio Frauen ständig eingenommen. Hinzu kommen jedes Jahr viele Mädchen, die in die Pubertät eintreten. Der Effekt des dauernden Hormonkonsums hat bedeutende Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Doch bis heute sind nur die Auswirkungen von Steroiden auf Männer ernsthaft untersucht worden, weil Hormonschwankungen im Verlauf des weiblichen Zyklus die Ergebnisse beeinträchtigten, wenn Frauen in die Untersuchungen einbezogen waren. So ist also die Datenlage über die Effekte von Steroiden bei Frauen recht dürftig.

Mit einem anspruchsvollen Beitrag im Wissenschaftsjournal Frontiers in Neuroscience, weisen drei österreichische Forscher auf die Notwendigkeit hin, 50 Jahre nach Einführung der Pille endlich einmal zu untersuchen, was der Chemiecocktail der Pille im Gehirn von Frauen letztendlich bewirkt.

Ihre Literaturrecherche legt nahe, dass die Effekte der Pille beträchtlich, je nach Alter und individueller Physiologie der Frau, schwanken. Es sind detailliertere Studien nötig, die Auswirkungen auf Wahrnehmung und Emotionen genauer zu untersuchen und festzustellen, ob diese Steroide zu einer „Verweiblichung“ oder „Vermännlichung“ beitragen.

So ist es allgemein bekannt, dass die Einnahme der Pille die Stimmung der Frau beeinflusst. Für die meisten Frauen scheint die Einnahme nützlich, doch sind mitunter Nebeneffekte, wie Phasen verstärkter Depression, Angstzustände, Müdigkeit, Neurosen, Zwänge und Wutanfälle zu verzeichnen. Die untersuchten Studien könnten aber ein zu positives Bild zeichnen, da depressive Probanden von den Versuchen ausgeschlossen wurden. Dazu haben die meisten Studien nur nach Depressionen untersucht, während Phänomene, wie Ärger, oder Empathie kaum betrachtet wurden. Der Stand der Forschung ist also alles andere als ausreichend.

Besondere Sorge bereitet der Effekt der Pille auf Teenager. Der präfrontale Kortex des Gehirns scheint Target für Strukturänderungen bei Frauen zu sein, die die Pille nehmen. Doch ist dieser Bereich bei Frauen erst in den frühen Zwanzigern völlig ausentwickelt. Es gibt bis heute keine klare Antwort, welche Auswirkungen die frühe Einnahme von Kontrazeptiva auf die Gehirne von Teenagern hat.

Die Autoren schüren keine Ängste. Sie artikulieren auch keine ethischen Vorbehalte gegen die Pille. Sie dokumentieren nur den Stand der Forschung und machen deutlich, dass es erhebliche Lücken in unserem Wissen gibt.

Sie schreiben: „Die Zahl der Frauen, die orale Kontrazeptiva anwenden, steigt ständig, während das Alter derer, die mit Verhüten beginnen, immer mehr sinkt und in einer Phase hochsensibler Gehirnbildung in der Pubertät bereits begonnen wird. Die damit einhergehenden Änderungen der Persönlichkeitsstruktur und des Sozialverhaltens implizieren gewaltige Konsequenzen für unsere Gesellschaft.“

Sie sind nicht die ersten, die ihre Sorgen artikulieren.

Ein wohlbekannter Artikel in Trends in Ecology & Evolution von 2010 erläutert, dass Frauen, die die Pille nehmen, sich zu anderen Männertypen hingezogen fühlen und dass ihre eigene Wirkung auf potenziell geeignete Partner gestört ist. Die Evolutionstheorie erlaubt einen gänzlich unromantischen Blick auf Werbung und Ehe, der jedoch Sinn macht.

Funktioniert die weibliche Physiologie normal, so ist sie vorbereitet auf einen kompatiblen Partner, mit dem sie Kinder haben wird. Doch, so heißt es im Beitrag: „Eine Droge, die speziell darauf zugeschnitten ist, Ovulation und Östrus mit den damit einhergehenden psychischen und physischen Änderungen zu unterbinden, hat unerwünschte Nebeneffekte.“ Dies kann Langzeitwirkungen bei der Fähigkeit, Nachkommen zu zeugen, zeitigen und die Reproduktionsfähigkeit auch der direkten Nachkommen beeinträchtigen.

Die Autoren stellen fest, dass „die potenziellen Nebeneffekte auf eine Reihe weiblicher psychologischer Merkmale und Verhaltensweisen nie von den Zulassungsbehörden für Arzneimittel, oder von der Pharmaindustrie untersucht wurden.“ Wenn diese um das Wohlbefinden der Frauen und Mütter besorgt wären, so folgern die Autoren, hätten sie klinische Tests arrangiert, um die Effekte der Pille auf Partnerwahl, Beziehungs-Zufriedenheit, Scheidungswahrscheinlichkeit und Kindesgesundheit zu untersuchen.

Überlegt man sich, dass der Gebrauch der Pille mit einer Reihe von Krebserkrankungen und kardiovaskulären Leiden assoziiert wird, sollten diese Empfehlungen wirklich aufrütteln. Sie lassen darauf schließen, dass die Pille, die mittlerweile jedem Mädchen -auch ohne Zustimmung oder Wissen der Eltern- frei zugänglich ist, bisher nie von der Pharmaindustrie umfassend getestet wurde und von den Zulassungsbehörden nur unzureichend reguliert wird. Die Frauen hat man im Dunkeln stehen gelassen. Niemand diskutiert diese Themen.

Warum nicht?

Liegt die Antwort nicht auf der Hand? Die Pille hat es Frauen ermöglicht, sexuell aktiv zu sein, ohne befürchten zu müssen, schwanger zu werden. Sie können wählen, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen. So wurden ihnen neue Karrieremöglichkeiten und Lebensstile eröffnet.

So gibt es nun einen stillen Tausch zwischen der Freiheit, Kinder zu bekommen und informiertem Konsens. Hätte man mehr Fragen gestellt, hätte man die psychologischen und sozialen Effekte der Pille gründlich untersucht, wäre sie wohl nicht so leichtfertig verfügbar gemacht worden, insbesondere nicht für Teenager und unverheiratete Frauen. Die Zulassungsbehörden hätten wohl engere Indikationen vorgeschrieben und Frauen wären die möglichen Nebeneffekte besser erklärt worden.

Sex in the City kommt uns teuer zu stehen.

Michael Cook ist Herausgeber von MercatorNet.