Spectre

von José García
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„Die Toten leben“ heißt es auf einem Zwischentitel zu Beginn des neuen James-Bond-Filmes „Spectre“. Dies bezieht sich zunächst einmal vordergründig auf die Eingangssequenz des inzwischen 24. Bond-Filmes. Am „Tag der Toten“ versucht James Bond (Daniel Craig) in Mexiko City einen italienischen Gangster auszuschalten, der ein Massenattentat plant. Bonds Weg führt zunächst durch die Massen, die an diesem Tag in der Stadt kostümiert unterwegs sind, und endet in einer wilden Verfolgungsjagd auf der Erde und in der Luft. Ein spektakulärer Auftakt, die sogar die Anfangssequenz des letzten James-Bond-Films „Skyfall“ (siehe Filmarchiv) in den Schatten stellt. Denn Kameramann Hoyte van Hoytema filmt regelrecht aus dem Geschehen heraus.

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Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Sam Mendes
Darsteller: Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Dave Bautista, Naomie Harris, Andrew Scott, Ben Whishaw, Stephanie Sigman
Land, Jahr: Großbritannien/USA 2015
Laufzeit: 148 Minuten
Genre: Action
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsen
Einschränkungen: Gewalttätige Szenen, wenige explizite sexuelle Szenen
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Wie bereits in den drei vorhergehenden Bond-Filmen mit Hauptdarsteller Daniel Craig, „Casino Royale“ (Martin Campbell, 2006), „Ein Quantum Trost“ (Marc Forster, 2008) und „Skyfall“ (Sam Mendes, 2012), werden auch in „Spectre“ die Actionszenen in spürbarer Anlehnung an die Filme über den Spezialagenten Jason Bourne („Die Bourne Identität“, „Die Bourne Verschwörung“, „Das Bourne Ultimatum“, 2001–2007) inszeniert.

Das Motto „Die Toten leben“ lässt allerdings eine zweite Lesart zu. Zwar leben nicht etwa die im Laufe der letzten drei Filme von James Bond zur Strecke gebrachten Schurken wieder auf. Doch sie sind irgendwie in „Spectre“ präsent. Regisseur Sam Mendes setzt etwa Le Chiffre aus „Casino Royale“ oder Raoul Silva aus „Skyfall“ mehrfach ins Bild. Dass Mr. White (Jesper Christensen) nach „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ auch in „Spectre“ eine Rolle spielt, unterstreicht die offensichtlichen Bemühungen der Filmemacher, die letzten vier Bond-Filme – mit Daniel Craig als Agent 007 – als eine Einheit erscheinen zu lassen. Dass der britische Schauspieler dem Vernehmen nach nicht mehr James Bond spielen möchte, würde ins Bild passen: Mit „Spectre“ schließt sich ein James-Bond-Kreis.

Dies hat auch mit der mysteriösen Organisation „Spectre“ zu tun, die in der mit Sam Smiths eher schlappem Titelsong „Writing’s On The Wall“ unterlegten Titelsequenz als Oktopus versinnbildlicht wird. Nach dem Einsatz in Mexiko und bestärkt von einer posthumen Mitteilung der in „Skyfall“ ums Leben gekommenen „M“ (Judi Dench) macht sich James Bond denn auch auf die Suche nach der Tentakelorganisation – was ihn zunächst nach Rom und dann nach Tokyo, Österreich und Tanger führen wird. Die schnellen Ortswechsel und die schnelle Bildfrequenz bleiben weiterhin Markenzeichen der Bond-Filme.

Die Ermittlungen, die James Bond in „Spectre“ anstellt, um der „Spectre“-Organisation auf die Spur zu kommen, finden jedoch ohne offiziellen Auftrag statt. James Bond widersetzt sich sogar den Befehlen seines Chefs, des neuen „M“ (Ralph Fiennes). Denn dieser befürchtet, dass Bonds Alleingänge dazu führen werden, dass der neue Chef des für die Geheimdienste zuständigen „Centre for National Security“ Max Denbeigh beziehungsweise „C“ (Andrew Scott) das ganze „Doppel-Null-Agentenprogramm“ und überhaupt das gesamte MI6 abschafft. Plant „C“ doch einen Zusammenschluss der Geheimdienste der wichtigsten Länder der Erde unter dem neuen Zauberwort „Überwachung“ einschließlich Drohnen. Selbstverständlich lässt sich James Bond davon nicht beeindrucken. Mit Hilfe der Sekretärin Moneypenny (Naomie Harris) und des genialen Erfinders „Q“ (Ben Wishaw) spürt Agent 007 Madeleine Swann (Lea Seydoux) auf, die Tochter von Mr. White. Sie ist die einzige, die Bond dabei helfen kann, den Aufenthaltsort des Oberschurken Franz Oberhauser (Christoph Waltz) herauszufinden.

Christoph Waltz spielt also den Bösewicht, der in keinem Bond-Film fehlen darf. Obwohl sich Waltz insbesondere in den Filmen von Quentin Tarantino „Inglourious Basterds“ (2009) und „Django unchained“ (2012) den besten Ruf als furchteinflößender Schurke erarbeitet hat, bleibt er in „Spectre“ erstaunlich blass, vor allem im Vergleich zu den Bösewichten „Le Chiffre“ („Casino Royale“) und Raoul Silva („Skyfall“).

Nicht so sehr Oberhauser ist hier der Antagonist von James Bond, sondern eher die bereits angesprochene allgegenwärtige Überwachung, die Agenten der alten Schule überflüssig machen soll. Kameras gegen Agenten oder ein anonymes System gegen Menschen, die immer eine Wahl treffen können („00-Agenten haben Lizenz zu töten, aber sie haben auch die Wahl, nicht zu töten“) – so lässt sich sozusagen das Metathema von „Spectre“ zusammenfassen. Dazu passt etwa auch, dass in „Spectre“ – wie bereits in den neueren Bond-Filmen – die von Quartiermeister „Q“ bereitgestellten technischen Hilfsmittel eher bescheiden ausfallen. „Q“ händigt 007 lediglich eine Uhr aus, die allerdings eine wichtige Rolle spielen wird.

Hatte Regisseur Sam Mendes in „Skyfall“ eine sorgfältige Figurenzeichnung und die damit verbundenen menschlichen Konflikte mit genretypischer Action verknüpft, so bleibt in „Spectre“ die menschliche Seite des Agenten mit der „Lizenz zum Töten“ eher unterentwickelt, auch wenn der Regisseur dies mit dessen Beziehungen zu Frauen zu kompensieren sucht. Insgesamt wirkt „Spectre“ wie eine Neuauflage von „Ein Quantum Trost“, der von den Filmen mit Daniel Craig als James Bond allgemein als der schwächste eingestuft wird. Bei aller gelungenen Action, die „Spectre“ zu bieten hat, erreicht der vierte Bond-Film mit Daniel Craig die atmosphärische Dichte und die Tiefgründigkeit von „Skyfall“ bei weitem nicht.