Berlin schafft Sitzenbleiben ab

Berlin schafft Sitzenbleiben ab
In den neuen Sekundarschulen Berlins (früher Haupt- und Realschulen) gibt es ab diesem Schuljahr kein Sitzenbleiben mehr. Unter Pädagogen wird schon lange diskutiert, ob es Schülern hilft, eine Klasse zu wiederholen. Wie bei vielen pädagogischen Fragen gibt es auch hier sehr unterschiedliche Meinungen.
von Horst Hennert
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Sitzenbleiben – Horror oder Hilfe?

In Berlin, dem Bundesland des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, der selbst „eine Ehrenrunde gedreht hat“ (und der sich damit in guter politischer Gesellschaft mit Edmund Stoiber und Guido Westerwelle befindet, wie auch mit Größen des Showgeschäfts wie Thomas Gottschalk und Harald Schmidt) ist mit dem gerade begonnenen neuen Schuljahr das Wiederholen einer Klasse an den neu eingerichteten Sekundarschulen nur noch auf freiwilliger Basis und mit Zustimmung der Eltern möglich.
Werden jetzt frustrierte Schüler aus anderen Bundesländern, in denen Sitzenbleiben immer noch ein Schreckgespenst ist, in Scharen nach Berlin ziehen? Oder werden sich Berliner Sekundarschüler jetzt auf ihren „Lorbeeren ausruhen“, da ihnen sowieso nichts passieren kann? Beides wird die Zukunft zeigen, wie auch bei anderen schulpolitischen Änderungen, die sich im Nachhinein oft als Verschlechterungen herausgestellt haben, die aber für die jeweilige Schülergeneration der Ernstfall waren.
Konträre Meinungen zum Sitzenbleiben

Evangelisch.de (Ende der Ehrenrunde: Kein Sitzenbleiben mehr) hat einige Bildungsexperten befragt und sehr unterschiedliche Meinungen zusammengetragen. "Sitzenbleiben steht schon lange in der Kritik", sagt die Bildungsexpertin der Berliner SPD, Felicitas Tesch. Die meisten Schüler, die ein Schuljahr wiederholten, verbesserten dadurch ihre Leistungen nicht unbedingt. Und auch Peter Sinram von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) meint: "Alle Kinder haben ihr eigenes Lerntempo." Sitzenbleiben sei ein Misserfolgserlebnis und führe zu "sozialer Stigmatisierung".
Eine ähnliche Ansicht vertritt auch der OECD-Bildungsexperte und PISA-Test-Koordinator Andreas Schleicher: "Sitzenbleiben bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient", sagte er vor einiger Zeit in einem Interview. "In Skandinavien käme kein Mensch auf die Idee, Schüler dieselbe Klasse mehrmals besuchen zu lassen." Dort arbeiteten Lehrer konstruktiv mit ihren Schülern zusammen und reichten sie bei schlechten Leistungen nicht an den nächsten Kollegen weiter. (Aber mit Finnland und Schweden ist das deutsche Schulsystem so lange nicht zu vergleichen, wie nicht ähnlich viele Lehrer mit einem vergleichbar hohen Ansehen an deutschen Schulen unterrichten.)
Teuer und unwirksam sei das Wiederholen einer Klassenstufe, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Darin hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet, das Sitzenbleiben koste den Steuerzahler jährlich knapp eine Milliarde Euro, ohne pädagogische Erfolge zu zeigen.
Eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, das im Jahr 2004 Daten von mehr als 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 ausgewertet hatte, zeigt hingegen: "Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss als vergleichbare Mitschüler zu erreichen, die immer versetzt wurden."
Dieser Argumentation folgt auch der Deutsche Lehrerverband, dessen Präsident Josef Kraus die Forderung nach Abschaffung als "pädagogischen Unsinn" bezeichnet. Das Versetzen um jeden Preis sei eine krasse Fehlinvestition für die ganze Gesellschaft. "Eine Abschaffung des Sitzenbleibens käme einem Recht auf Wohlfühlschule mit Abiturvollkaskoanspruch gleich."
Die derzeitige Schul-Situation

Das Statistische Bundesamt weist für das Schuljahr 2008/09 aus, dass jeder 50. deutsche Schüler sitzengeblieben ist; in absoluten Zahlen waren das rund 184.000 Kinder und Jugendliche. Dabei nahm Bayern mit 3,2 Prozent den Spitzenplatz ein, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Berlin mit jeweils 3,1 Prozent.
Viele Bundesländer haben die Regelungen zum Sitzenbleiben gelockert: So kann man in Schleswig-Holstein nur noch beim Übergang von Klasse 6 nach 7, sowie in den Jahrgangsstufen 9 bis 11 sitzen bleiben. Der Ehrenrunde kann man in den meisten Bundesländer außerdem durch eine Nachprüfung entgehen.
Was lehrt uns die Erfahrung?

Jenseits aller pädagogischer Fachsimpelei kann jeder auf die eigene Schulerfahrung zurückblicken. Dabei werden sich viele eher ungern an den Effekt von „blauen Briefen“ erinnern, die eine Gefährdung der Versetzung in die nächst höhere Klasse signalisierten. Dann wurden noch einmal alle Kräfte mobilisiert, Nachhilfestunden eingesetzt und in vielen Fällen wurde durch vermehrtes Lernen die Versetzung doch noch geschafft.
Hat man nicht ein idealisiertes Schülerbild vor Augen, wenn man meint, dass Schule ganz ohne „Druck“, ohne Nachhelfen auskommen kann? Es wäre schön, wenn die Schüler schon von sich aus, aus purem Interesse, Motivation oder Einsicht in die Notwendigkeit des Lernens zum Arbeiten gebracht werden könnten.
Die Wirklichkeit sieht aber nun einmal in den meisten Fällen anders aus. Seit der Abschaffung der Notengebung in den ersten Klassen der Grundschule warten viele Schüler darauf, endlich einmal eine Note auf dem Zeugnis zu haben, die ihnen eine klare Aussage über ihren Leistungsstand vermittelt. Es kann sich ja jeder selbst die Frage stellen, ob es für ihn besser gewesen wäre, in eine Schule zu gehen, in der es kein Sitzenbleiben gegeben hätte. Es steht zu vermuten, dass es für viele, wenigstens in einigen Jahrgangsstufen zu einem geringeren Lernerfolg geführt hätte. Und um den Lernerfolg sollte es doch in der Schule nicht zuletzt gehen.
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