Ehrenrunde und Styropor

Ehrenrunde und Styropor
Magdeburg, Ehrenrunde, Akustikschreiner – was haben diese Worte gemeinsam? Und Styropor? Auflösung: 230.000 Schüler blieben im letzten Schuljahr sitzen, dies entspricht der Einwohnerzahl Magdeburgs, und jeder Schüler, der eine Ehrenrunde dreht, verursacht jährlich soviel Personalkosten wie zwei Akustikschreiner im Monat zusammen, also 4000 Euro. Wenn dieser von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft genannte Wert stimmt, belasten die Wiederholungsschüler die Staatskasse insgesamt mit 920 Millionen Euro pro Jahr. Und dies ist dann in etwa der Überschuss, den der Chemieriese BASF im Jahre 2006 erzielen konnte. Ach ja … und der Dämmstoff Styropor ist eine Erfindung von BASF.
von Markus Rüther
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Immer mehr Kultusminister wollen die Ehrenrunde ganz abschaffen. Nachdem Berlin und Hamburg den Anfang gemacht haben (erziehungstrends berichtete), will nun auch Hessen nachziehen. In Bremen müssen bereits ab dem kommenden Schuljahr die meisten Schüler nicht mehr sitzen bleiben, während es den Lehrern in Rheinland-Pfalz gelang, den Anteil der Sitzenbleiber zu senken, nachdem «die Schulen gesetzlich zur individuellen Förderung von schwachen Schülern verpflichtet» werden konnten (SpiegelOnline). Auch in Schleswig-Holstein sollen die Schüler verstärkt individuell gefördert werden, und in Nordrhein-Westfalen nehmen fast 400 Schulen an einer Landesinitiative gegen das Sitzenbleiben teil: zusätzliche Lehrerstellen werden zur Verfügung gestellt, um gefährdete Schüler besonders zu fördern – die Anzahl der Sitzenbleiber soll in den nächsten fünf Jahren halbiert werden.
«Teuer, sinnlos frustrierend»?

Während Kritiker eine Aufweichung des Schulsystems befürchten und in der Ehrenrunde auch ein notwendiges pädagogisches Instrument zur Disziplinierung sehen, berufen sich die Befürworter auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach die Wiederholung eines Schuljahres pädagogisch schädlich, im besten Fall sinnlos sei: Schüler, die individuell gefördert würden, seien leistungsfähiger und leistungswilliger, als wenn sie sitzen geblieben wären.
Prof. Dr. Jörg Schlömerkemper von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main (Fachbereich Erziehungswissenschaften) erklärte kürzlich auf bildungsklick.de, dass «die Wissenschaft deutlich überwiegend und immer wieder» empirisch nachweist, dass von einer Ehrenrunde keinerlei positive Effekte ausgehen; Schüler, die sitzen bleiben, müssten das nächste Schuljahr ohne die vertrauten sozialen Beziehungen beginnen und würden sich mehr oder weniger langweilen, da sie ja «nicht nur das Fach wiederholen, in dem sie Probleme hatten, sondern auch all das, was ihnen im vergangenen Jahr womöglich noch Spaß gemacht hat». Schlömerkemper sieht jedoch in der Abschaffung der Ehrendrunde nur dann einen Sinn, wenn die Struktur selbst, die Grundmuster von Schule und Unterricht, reformiert werden – Lernen in den Schulen müsse konsequent «neu gedacht» werden:
  • «Statt Schüler nach einem Einheitsprogramm für die jeweilige Klasse zu unterrichten», wäre es ratsam, «jeden einzelnen dort lernen zu lassen, wo er mit den jeweiligen Kenntnissen und Fertigkeiten angekommen ist»;
  • «Die herkömmlichen Lehrpläne, die sich am Durchschnitt orientieren, sollten durch ‹Kompetenzmodelle› ersetzt werden, die den Schülern zeigen, was sie lernen können und in welchen Schritten sie von einer Stufe zur nächsten fortschreiten»;
  • Ein Wechsel zur nächsten Stufe sollte erst dann stattfinden, wenn die Schüler «jene Kenntnisse und Fertigkeiten sicher und ‹nachhaltig› erworben haben, die für den nächsten Schritt wichtig sind. Sie sollten also so lange ‹wiederholen›, bis sie erfolgreich sind».
  • Es sollte aber nur das wiederholt werden, was die Schüler «tatsächlich noch nicht sicher beherrschen, und sie sollten dies nicht für ein ganzes Schuljahr tun, sondern in überschaubaren Dimensionen».

«Wiederholen macht Sinn – aber nicht im Sitzen!»

Das Selbstwertgefühl des Schülers, so Schlömerkemper, «baut auf Können auf und nicht auf dem Vergleich mit anderen und auch nicht darauf, wie geschickt sie mit den Anforderungen des Lehrers umgegangen sind». Leistung müsse eine «ganz andere persönliche und zugleich soziale Bedeutung» erhalten. Das «Sitzenbleiben in seiner emotionalen Wirkung» offenbare ein grundsätzliches Problem: «Wer sitzen bleibt, bleibt passiv, er kann sich zurücklehnen, abwarten und die Verantwortung für sein Lernen denen zuschreiben, die ihn haben sitzen lassen. Wir brauchen aber Schüler, die sich für ihr Lernen selbst verantwortlich fühlen und sich aktiv mit Lernmöglichkeiten auseinandersetzen.» Vielleicht sollten wir unsere Schüler so frei agieren lassen wie den Erfinder Fritz Stastny. Der BASF-Chemiker entdeckte Styropor beim Experimentieren mit Chemie-Splittern, die er in eine Schuhcremedose steckte; anschließend tauchte er die Dose in 100 Grad heißes Wasser. Die Splitter schäumten unter der Wärmeentwicklung schnell auf und formten sich zu einem luftgefüllten Abbild der Dose.

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