Sieben Minuten nach Mitternacht

von José García
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Monster und Kinder. Die Urangst des Kindes vor dem Monster stellten die Animationskünstler von Pixar im Jahre 2001 in „Die Monster AG“ gewissermaßen auf den Kopf. Denn die Mitarbeiter der gleichnamigen Firma brauchen die Schreie der Kinder als Energiequelle für ihre Heimat Monstropolis. Aber im Grunde haben die Pixar-Monster mehr Angst vor Kindern, weil diese gefährliche Krankheiten übertragen sollen, als umgekehrt. Von der außerordentlichen Freundschaft zwischen einem zehnjährigen Mädchen und einem freundlichen Riesen erzählte kürzlich Steven Spielberg in „BFG – Big Friendly Giant“ (siehe Filmarchiv), der an der Nahtstelle zwischen Traum und Wirklichkeit angesiedelt war. Der freundliche Riese hilft dem Kind, seine eigenen Traumata zu überwinden. Obwohl Spielbergs Film ernste Fragen ansprach und zunächst auch verhältnismäßig düster wirkte, entwickelte sich der Film in der zweiten Hälfte zu einer ausgelassenen Komödie in satten Farben.

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Filmische Qualität: 4,5 von 5 Punkten
Regie: Juan Antonio Bayona
Darsteller: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Toby Kebbell, Ben Moor, Geraldine Chaplin, Liam Neeson
Land, Jahr: USA / Spanien 2016
Laufzeit: 108 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Jugendliche (FSK ab 12 Jahren), Erwachsene
Einschränkungen: --
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Ganz anders der Ton in Juan Antonio Bayonas nun im regulären Kinoprogramm anlaufendem Spielfilm „Sieben Minuten nach Mitternacht“ („A Monster Call“), der auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Patrick Ness basiert, und dessen Drehbuch ebenfalls vom Romanautor stammt. „In der Verwobenheit von Wirklichkeit und Phantasie“, so die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2012, erzähle Patrick Ness „die Geschichte eines Trauerprozesses in all seinen Facetten“. Diese Geschichte fängt Kameramann Óscar Faura in düsteren, meist ungesättigten Farben ein.

Die Exposition von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ mag auf den ersten Blick kaum neu sein: Der in einer verschlafenen, Kleinstadt Englands lebende 13-jährige Conor (Lewis MacDougall) wird in der Schule vom stärkeren Harry (James Melville) immer wieder schikaniert. Sein Leben richtig schwer macht jedoch einerseits, dass sein Vater abwesend ist, weil er sich vor Jahren von Conors Mutter trennte, vor allem jedoch, dass seine Mutter (Felicity Jones) offenkundig schwer erkrankt ist. Gerade deshalb soll der 13-Jährige zu seiner Großmutter (Sigourney Weaver) ziehen. Aber Conor mag seine Oma nicht besonders, weil sie im Gegensatz zu deren Tochter streng und bevormundend ist. Obwohl der Junge einmal einen schönen Tag mit seinem Vater (Toby Kebbell) verbringt, der zu Besuch gekommen ist, holt ihn die Wirklichkeit schnell wieder ein: Der Vater, der in den Vereinigten Staaten eine neue Familie hat, muss bald wieder abreisen. Conor fleht ihn an, nicht bei seiner Großmutter bleiben zu müssen, sondern bei ihm wohnen zu dürfen. Dies lehnt jedoch der Vater kategorisch ab. Außerdem verschlechtert sich die Gesundheit von Connors Mutter von Tag zu Tag.

Kein Wunder, dass sich Conor fragt, was er in seinem Leben falsch gemacht habe. Die Antwort auf Conors Unverständnis liefern Roman und Film „Sieben Minuten nach Mitternacht“ durch eine außergewöhnliche Geschichte. Denn genau um 0.07 Uhr ruft eine tiefe Stimme (Liam Neeson) seinen Namen. Ein verängstigter Conor stellt fest, dass sich die große Eibe, die in der Nähe seines Elternhauses steht, in ein Monster verwandelt hat. Es wolle dem Jungen drei Geschichten erzählen, dann solle Conor ihm seine Geschichte, seinen Albtraum erzählen. Später wird ihm das Monster seine eigentliche Aufgabe erklären: „Ich bin gekommen, um dich zu heilen.“

Die visualisierten Geschichten des Monsters korrespondieren mit Conors Gefühlszuständen insbesondere im Verhältnis zu drei wichtigen Bezugspersonen in seinem Leben. Regisseur Bayona inszeniert phantasievoll die drei Märchen. Ihm gelingt insbesondere deren Verknüpfung mit dem Haupterzählstrang. Dadurch beleuchtet der Film Conors Innenleben aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Entscheidende an „Sieben Minuten nach Mitternacht“ besteht jedoch darin, dass das Monster eine Metapher für die Unbegreiflichkeit des Todes ist, gerade bei einem Heranwachsenden, der mit dem Sterben seiner Mutter konfrontiert wird. Deshalb beschreibt „Sieben Minuten nach Mitternacht“ auf poetische Weise einen Heilungsprozess: „,Geschichten sind wichtig‘, sagte das Monster. ,Sie können wichtiger sein als alles andere. Wenn sie die Wahrheit in sich tragen‘. ,Geschichten vom Leben‘, murmelte Conor gereizt.“ Daraufhin folgt ein Schlüsseldialog: „,Ich will wissen, was mit Mum passieren wird‘, sagte Connor. Das Monster hielt inne: ,Weißt du es denn nicht längst?‘“

Diese Grundfragen der menschlichen Existenz – zum Umgang mit dem Unfassbaren angesichts des Todes gesellt sich immer wieder die Frage nach Gut und Böse – werden mit einer Tiefe behandelt, die im heutigen Kino nicht leicht zu finden ist. Es mag sich paradox anhören, aber „Sieben Minuten nach Mitternacht“ ist ein durch und durch realistischer Film, weil seine Figuren Menschen aus Fleisch und Blut sind, zutiefst verletzt und häufig fassungslos. Aber Menschen, die aus Liebe handeln. Denn das Monster hilft Conor, auf die anderen Menschen mit Verständnis zu schauen, sie nicht in Gut-und-Böse-Schubladen zu stecken, und so sein reiches Innenleben in Ordnung zu bringen.

Das Baum-Monster, das entfernt an den Ent „Baumbart“ aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“ erinnert, erweist sich ähnlich diesem als Weiser, der Conor das Schwierigste lehrt: den Umgang mit einer Wirklichkeit, die über ihn hinausgeht, die er nicht versteht. Der Tod bleibt auch für Conor unfassbar. Aber die Begegnung mit ihm lässt den Jungen nicht ohne Hoffnung, weil sie ihm einen Weg zur Transzendenz eröffnet.