Jugendliche geraten immer mehr unter sexuelle Zwänge (1)

Jugendliche geraten immer mehr unter sexuelle Zwänge (1)
So manche Eltern, Lehrer oder Priester kennen das: Jugendliche, ja die eigenen Kinder, schauen einen an, als käme man von einem fremden Planeten, rät man ihnen zu sexueller Enthaltsamkeit oder verbietet gar das Übernachten des Partners zu Hause. So paradox es klingen mag, doch Jugendliche haben es heute schwerer als ihre Elterngeneration, die in einer Gesellschaft „mit Regeln“ groß wurde.
von Carsten Ostrowski
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Die drei „Wirklichkeiten“ junger Menschen

Susanne ist 16 Jahre alt. Seit zwei Monaten ist sie mit dem 17jährigen Sven zusammen. Susanne hat ihn ihren Eltern schon vorgestellt. Sie finden Sven sehr nett. Und das ist er auch. Er gehört nicht zu den Jungs, die damit protzen, mit wem sie schon so alles im Bett waren. Er mag Susanne wirklich und akzeptiert ihren Wunsch, mit gewissen Zärtlichkeiten noch zu warten. Er selbst weiß nicht so recht, was er will. Susannes Eltern haben ihr ganz in Ruhe erklärt, sie solle warten, bevor sie mit ihrem Freund intim wird. Das sei etwas sehr Wertvolles, Geheimnisvolles. Susanne und auch Sven verstehen das, doch die Neugier und der Drang, mehr vom anderen zu wollen, wachsen. Vor allem bei Sven.
Verschiedene Welten

Die beiden leben in drei Welten: in der Welt, die ihnen möglicherweise ihre Eltern oder hier und dort ein Lehrer oder Priester erschließen, in der Welt ihrer eigenen erwachenden Gefühle und Wünsche – und der ihrer Umgebung, die man „Realität“ nennt. Da ist zunächst ihre „Umgebung“: Internet, MTV, Viva, Bravo, Glamour und wie sie alle heißen. Man kennt ihre Botschaft: Sexualität tut gut, du hast ein Recht drauf, hör nicht auf deine Eltern, auch ohne ihr Einverständnis steht dir die Pille zu, hämmert man ihnen ein. Kondome in allen Farben und Geschmacksrichtungen hängen in Geschäften neben Bonbontüten. Sexuelle Tagträume von Frauen und Männern werden auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Mädchen sollen im Aufklärungsunterricht das Überstreifen der Gummis trainieren. Das Ausleben der eigenen Sexualität gilt als Menschenrecht. Jugendmagazine führen Pubertäre, die noch keinen „Vollkontakt“ hatten, als zumindest bedenklich vor. „Kinder wissen aus dem Fernsehen, wie ein Geschlechtsverkehr aussieht, nicht aber, dass daraus Kinder entstehen“, sagt Karla Etschenberg, 57, Fachdidaktin für das Fach Biologie an der Uni Kiel. Susanne und Sven sind irritiert. Müssen sie auch sein. Denn das, was ihnen ihre Eltern erschließen, steht nicht nur im Widerspruch zu ihren eigenen Gefühlen und Wünschen, sondern eben auch dazu, was sie täglich erleben.
Gestern haben die beiden einen Film im Kino gesehen. Da ging es auch um zwei Menschen in einer Disko. Beide wollen die Nacht nicht alleine verbringen. Sie tanzen, trinken reichlich, lachen und gehen schließlich in die Wohnung der jungen Frau gleich um die Ecke. Sie verbringen die Nacht miteinander. Sie wissen, dass sie sich gegenseitig benutzen, und wollen es. Das Wort Liebe fällt nicht. Bei Sonnenaufgang erwacht der junge Mann. Der Rausch ist verflogen, die Realität brutal. Die Frau, deren Namen er vergessen hat, schläft noch. Es graut ihm vor einem gemeinsamen Frühstück, vor dem Sich-in-die-Augen-sehen, vor dem Sich-unterhalten-müssen. Worüber auch? Er schleicht sich aus der Wohnung, zieht leise die Türe hinter sich zu. Er fühlt sich einsam und leer, irgend etwas nagt. Wie so oft „danach“.
Warum? Niemand hat dem anderen etwas vorgemacht, niemand den anderen belogen. Beide wollten Bedürfnisse befriedigen. Mehr nicht. Warum auch nicht, wenn es niemandem schadet? Aber schadet es wirklich niemandem? Lange haben Sven und Susanne darüber gesprochen. Klar, bei den beiden im Film war keine Liebe im Spiel. Bei ihnen aber doch wohl. Warum also dann nicht miteinander schmusen und schlafen? Schwierig.
Kondom und Kopfschmerztablette

Eigentlich sind sie zu bedauern. Denn man nimmt ihnen den Zauber und das Geheimnisvolle von Liebe und Sexualität. Vieles wird sachlich und nüchtern auf „technische Anleitungen“ fokussiert – damit „bloß nichts passiert“. Sie sollen zu Kondomen greifen wie zur Kopfschmerztablette, zur Pille danach wie zum Abführmittel. Küssen, Petting, Koitus – völlig normal, deshalb machen, tun – genau wie Joggen, Internet-Surfen, Tanzen, Skateboard.
Ja, man hat den Jugendlichen viel vom Charme und Prickel der Sinnlichkeit genommen, die für sie stets auch im Verbotenen lagen. Auch im schlechten Gewissen, vielleicht Grenzen zu überschreiten. Man erläutert ihnen kalte Technik wie einen Beipackzettel. Das Geheimnis der Zärtlichkeit ist längst entzaubert.
Wie aber sollen Jugendliche mit ihrer Situation klar kommen? Mit all dem, was sie hören und sehen – und selber wollen? Was gilt für sie? Im Aufklärungsunterricht hören sie anderes als von den Eltern, von Freunden, vom Pfarrer oder aus Illustrierten und Fernsehen. Die „Umgebung“ zieht längst nicht mehr mit wie früher. Biotope sind rar geworden.
Keine Frage, es ist „sauschwer“ für junge Menschen. Da ist die Sehnsucht nach Zärtlichkeit; die Neugier auf Berührung, das Drängen nach mehr, die in der Pubertät erwachen. Und das Wissen um die Lösung, die „die anderen“ wählen: die Pille. Oder: Die Pille danach. Dem jungen Mann wird mit der Geschlechtsreife gewissermaßen über Nacht die ganze Geschlechtskraft zur Verfügung gestellt. Dies bewirkt Spannung und innere Unruhe. Mädchen sind in der Regel eher vorsichtiger. Doch auch sie sagen: „Wenn wir schmusen, spüren wir, daß wir uns mehr, ja, ganz wollen.“ Und es gibt doch Pille und Kondom, damit „nichts passiert“.
Gelogen und geprahlt

Zudem „tun“ alle anderen es doch auch. Ihre Freunde und Bekannten. Sagen sie jedenfalls. Sicher ist: Es heißt, nirgendwo würde soviel gelogen wie im Krieg und auf der Jagd. Eines hat man hier vergessen: die Sexualität. Ganz gleich, ob bei Erwachsenen oder Jugendlichen – hier wird gelogen und geprahlt, dass sich die Balken biegen. Man sollte vorsichtig sein, wenn da so mancher mit „Rekorden“ oder „tollem Sex“ angibt!
Der Wunsch, mit dem anderen intim zu werden, ist verständlich und natürlich. Das Argument aber, man müsse testen, ob man sexuell zusammenpasst, ist trügerisch. Ob eine die Richtige ist, stellt sich nicht zuerst im Bett heraus, sondern vorher auf all den Feldern, die das Leben ausmachen. Wertvorstellungen, die Haltung zu Familie, Beruf, Hobbys, Freunden, Glauben und Humor.
Auch sollte derjenige, der vorgibt, keine Probleme mit einem leichtfertigen Umgang mit Sexualität zu haben, einmal überlegen, wie er denken und fühlen würde, wenn Menschen, die ihm viel bedeuten, so handeln würden. Welcher Junge wollte, dass seine Schwester sich den Kumpels leichtfertig hingibt? Oder die eigene Mutter hiermit recht „locker“ und „offen“ umginge? Vermutlich käme er hiermit kaum klar. Vielleicht würde er sich sogar schämen. Ist also doch irgendwie nicht egal?
(wird fortgesetzt)
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