Seelische Gesundheit junger Menschen: Aufwachsen mit beiden leiblichen Eltern und familiärer Zusammenhalt als Schutzfaktoren

 Aufwachsen mit beiden leiblichen Eltern und familiärer Zusammenhalt als Schutzfaktoren
Im Bundesfamilienministerium wird unverändert an Plänen zur Umverteilung finanzieller Ressourcen zu Lasten der häuslichen Erziehung gearbeitet. Dies zeigt die neue Expertise „Sozialbilanz Familie“, die vom Institut der deutschen Wirtschaft für das Familienministerium erstellt wurde. Die „Philosophie“ dieser Expertise ist einfach: Kinder bedeuten für ihre Eltern vor allem „Opportunitätskosten“. Von diesen Kosten müssen die Eltern mit Hilfe umfassender institutioneller Kinderbetreuung entlastet werden, damit beide Elternteile ungehindert erwerbstätig sein können. Dass eine Betrachtung der Lebenslage von Kindern und Familien unter rein ökonomischen Gesichtspunkten zu kurz greift, zeigen indes die Ergebnisse derselben Studie zur Gesundheit von Kindern.
von Stefan Fuchs
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Die besondere Bedeutung der klassischen Familie, die sich auf leibliche Elternschaft und Ehe gründet, für die Erziehung der nachwachsenden Generation ist heute nicht mehr unbestritten. So behauptet etwa der Mainzer Soziologe Norbert Schneider, dass es keinen gesicherten Hinweis darauf gebe, dass die „traditionelle“ Familie „die bestmögliche Gewähr für eine glückliche und liebevolle Erziehung“ biete (1) Die Vorstellung, dass Kinder sich nur bei verheirateten leiblichen Eltern optimal entwickeln würden, sei wissenschaftlich als „überholt“ anzusehen. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass "eine gesunde psychische Entwicklung mit einem breiten Spektrum familialer Lebensformen vereinbar ist“ (2). Über die empirisch feststellbaren Zusammenhänge zwischen familialen Lebensformen und der psychischen Entwicklung von Jugendlichen ermöglicht nun eine im Juni 2008 veröffentlichte Untersuchung nähere Aufschlüsse.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums untersucht, welche Faktoren die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinflussen. Als Grundlage der Untersuchung dienten den Forschern Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert Koch-Instituts (3). An der KiGGS-Studie haben zwischen Mai 2003 und Mai 2006 mehr als 17.000 Heranwachsende im Alter von 0 bis 17 Jahren sowie deren Eltern teilgenommen. Mit dieser Studie sind erstmals umfassende und bundesweit repräsentative Daten zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen erhoben worden. Zu den Themenschwerpunkten der Befragung zählten neben der gesundheitlichen Versorgung, dem subjektiven Wohlbefinden und der physischen Gesundheit auch das Gesundheitsverhalten und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Erfragt wurde u. a., ob die Kinder bzw. Jugendlichen rauchen, regelmäßig Alkohol trinken, ob sie unter Übergewicht leiden, wie sie ihren Gesundheitszustand selber einschätzen und ob sie psychisch auffällig sind.
Die Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft haben die Daten des Robert-Koch- Instituts auch unter dem Aspekt untersucht, inwieweit der Gesundheitszustand von Kindern im Alter von 11-17 Jahren von der Familienstruktur und den Ressourcen der Familien mitbestimmt wird (4). Die Familienstruktur wurde nach dem Aufwachsen bei leiblichen Eltern, bei Alleinerziehenden und in einer Patchwork-Familie unterschieden. Hinsichtlich der familiären Ressourcen identifizierten sie sowohl „Risikofaktoren“, die Erkrankungen begünstigen, als auch „Schutzfaktoren“, die der Gesundheit der Kinder bzw. Jugendlichen dienen und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber psychischen Belastungen stärken. Risikofaktoren für die Gesundheit von Kindern können neben mangelnder Qualität der medizinischen Versorgung auch Armut, ein geringes Gesundheitsbewusstsein der Familie oder die Trennung der Eltern sein. Mögliche Schutzfaktoren für die Gesundheit von Jugendlichen wurden von den Forschern in drei Gruppen eingeteilt:
  • Familiärer Zusammenhalt: gemeinsame Unternehmungen, Zeit für Sorgen und Nöte der Kinder und Jugendlichen, Regeln in der Familie, Konfliktlösungen in der Familie etc.
  • Persönliche Ressourcen: z. B. Vertrauen in eigene Fähigkeiten, Optimismus.
  • Soziale Unterstützung: Unterstützung in Form von Zuhören und Zuneigung, Vermittlung von Informationen zur Problemlösung, gemeinsame Unternehmungen u. ä. (5)

Den Ansätzen der „Resilienzforschung“ zufolge sollten Schutzfaktoren eine gute Entwicklung der Kinder trotz bestehender Risiken, wie z. B. Einkommensarmut oder Trennung der Eltern, ermöglichen können (6). Im Blick auf die Risikofaktoren wurde insbesondere der Einfluss der Familienstruktur analysiert. Aus der amtlichen Statistik ist bekannt, dass Kinder Alleinerziehender häufiger erkranken als Kinder, die bei (Ehe)Paaren aufwachsen (7). Auch aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey geht hervor, dass Jugendliche, die nicht in Paarfamilien mit leiblichen Eltern aufwachsen, hinsichtlich Nikotinkonsum, Übergewicht und psychischer Auffälligkeiten, schlechter dastehen (8). Dies muss nicht bedeuten, dass die Familienstruktur an sich die Ursache für die unterschiedliche Häufigkeit gesundheitlicher Probleme ist. So könnte vermutet werden, dass ungünstige Rahmenbedingungen diese Unterschiede erklären. Diese Rahmenbedingungen, wie z. B. finanzielle Engpässe, sind häufig mit Veränderungen der Familienstruktur durch die Trennung von Eltern verbunden. Sie werden von den Forschern trotzdem als eigenständige Faktoren angesehen. Mit Hilfe moderner statistischer Analyseverfahren, die etwaige Einflüsse einer Vielzahl von Faktoren berücksichtigen, haben die Forscher untersucht, ob und inwiefern diese Rahmenbedingungen oder die Familienstruktur für die tendenziell schlechtere Gesundheitslage von Kindern und Jugendlichen in nicht-traditionellen Familienstrukturen ursächlich sind.

Die Analyse ergab ein differenziertes Bild der Zusammenhänge zwischen Familienstruktur und Gesundheit, je nachdem, welcher Indikator betrachtet wurde. So zeigten sich hinsichtlich der subjektiven Einschätzung ihres Gesundheitszustands, des Konsums von Alkohol und der Neigung zu Übergewicht keine oder nur relativ geringe Unterschiede zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Familienstrukturen. Einen deutlichen Einfluss hatte die Familienstruktur dagegen auf die Wahrscheinlichkeit zu rauchen und vor allem auf die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten. Jugendliche, die mit nur einem Elternteil oder in einer Patchwork-Familie aufwuchsen neigten eher zum Nikotinkonsum und waren wesentlich häufiger psychisch auffällig (9).
Erwartungsgemäß bestätigte die Analyse die große Bedeutung von Schutzfaktoren, insbesondere des familiären Zusammenhalts. Ein normaler familiärer Zusammenhalt unterstützte die gesundheitliche Entwicklung der Jugendlichen in allen untersuchten Bereichen. Auch die persönlichen Ressourcen wirkten sich positiv aus. Ambivalent war dagegen der Einfluss der sozialen Unterstützung: Das Fehlen sozialer Unterstützung erhöhte die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und psychische Auffälligkeiten, zugleich verringerte es aber die Neigung zu Alkohol und Nikotinkonsum. Letzteres ist am ehesten damit zu erklären, dass v. a. in Gesellschaft von Freunden geraucht und Alkohol getrunken wird. Die Integration von Jugendlichen in Peer-Groups kann einerseits positiv auf ihr Wohlbefinden wirken, andererseits aber auch gesundheitlich riskante Verhaltensweisen fördern. Demgegenüber wirkte sich ein stärkerer Zusammenhalt in der Familie prinzipiell positiv auf die Gesundheit von Jugendlichen aus (10).
Signifikant ist die Häufung psychischer Auffälligkeiten von Jugendlichen, die bei Alleinerziehenden und in Patchwork-Familien aufwachsen. Trotz der Kontrolle einer Vielzahl an weiteren Variablen blieb dieser Zusammenhang bestehen. Dabei konnte auch die unterschiedliche Verteilung der Familientypen auf gesellschaftliche Schichten diesen Befund nur zum Teil erklären. Denn auch innerhalb derselben gesellschaftlichen Schicht war das Risiko psychischer Auffälligkeiten für Jugendliche, die nicht mit beiden leiblichen Eltern aufwuchsen, erhöht. Sogar nach der Kontrolle des familiären Zusammenhaltes blieb der Einfluss der Familienstruktur bestehen. Dies bedeutet, dass auch Jugendliche aus Alleinerziehenden- und Patchwork-Familien mit einem normalen familiären Zusammenhalt häufiger psychische Probleme haben, als Jugendliche, die mit beiden leiblichen Eltern aufwachsen. Entgegen den Erwartungen der Forscher gelingt es den Alleinerziehenden und den Eltern in Patchwork-Familien offenbar nicht – zumindest nicht vollständig – die negativen Wirkungen der Trennung bzw. des Zusammenlebens mit einem neuen Partner durch einen guten familiären Zusammenhalt zu kompensieren (11).
Familienuntersuchungen zeigen, dass nahezu alle jungen Eltern nach der Geburt vorhaben ihre Kinder gemeinsam großzuziehen. Auch die meisten Alleinerziehenden wollten ursprünglich ihre Kinder gemeinsam mit deren Vater erziehen. Die Trennung von den leiblichen Vätern ist nicht selten die Folge von Fehleinschätzungen, Missverständnissen und unbewältigten Konflikten. Selten beruht sie auf einer rationalen Abwägung des Für und Wider. Nach Auffassung von Familiensoziologen des Deutschen Jugendinstituts sind nicht wenige Trennungen die Folge einer „gewissen Naivität, mit der viele Menschen in und durch ihre Beziehungen stolpern, und der Vorstellung, dass das Vermögen, komplexe Beziehungsprobleme zu lösen, naturwüchsig gegeben sei“. Bei einem „besseren Konfliktmanagement, realistischen wechselseitigen Ansprüchen und guter Kommunikationskultur“ würde deutlich seltener die Trennung als Ausweg aus einer Problemsituation gesehen“. Dies spreche für eine „vorbeugende Aufklärung und Schulung in Problemmanagement (Elternbildung)“. Eine „professionelle Ehe- und Familienberatung“ könne Eltern helfen angemessene Konfliktlösungsstrategien zu finden (12). Diese Art der Elternbildung könnte nicht zuletzt auch dem Wohl von Kindern und Jugendlichen dienen.
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Link
Eine Kurzform dieses Beitrags wurde veröffentlicht beim > I-DAF (Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie)
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Anmerkungen
(1) Vgl. Ostner: Am Kind vorbei – Ideen und Interessen in der jüngeren Familienpolitik, in: ZSE, 22. Jg. 2002, S. 249-265, S. 252.
(2) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, S. 120.
(3) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend: Sozialbilanz Familie. Eine ökonomische Analyse mit Schlussfolgerungen für die Familienpolitik, Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Erstellt durch: Laura Diekmann et al, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Juni 2008, S. 4.
(4) Es wurden nur Kinder ab 11 Jahren in die Analyse einbezogen, da erst ab diesem Alter Angaben über die Schutzfaktoren erhoben werden können.
(5) Vgl. ebd., S. 45-47.
(6) Vgl. ebd., S. 65.
(7) Vgl.: Evelyn Laue/Ingeborg Vorndran: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, STAT-Magazin vom 3.4.2008, Statistisches Bundesamt Wiesbaden 2008, S. 1/ Abbildung 1.
(8) Vgl.: Laura Diekmann et al, Juni 2008, S. 68.
(9) Vgl. ebd., S. 72-79.
(10) Vgl. ebd.
(11) Vgl. ebd., S. 76.
(12) Vgl.: Walter Bien/Alois Weidacher: Familien in prekären Lebenslagen – zur politischen Relevanz der Untersuchungsergebnisse. Zusammenfassung und Ausblick, in: S. 229-242, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, S. 239-240.

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