Arme Schneeflocken-Generation!

Von Barbara Lilley - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Warum nur sind viele junge Erwachsene emotional so fragil? - Wir, die wir in der nördlichen Hemisphäre leben, kennen alle den Anblick von Schneeflocken, deren fragile Schönheit sich sofort auflöst, wenn sie auf den Boden fallen.

Mit „Cry-Ins“ (gemeinschaftlichem Ausheulen), Prüfungsabsagen, Hotlines für Frauen, die sich über „mansplaining“ erregen, scheint die Welt auf einmal von einem Gestöber solcher Schneeflocken heimgesucht zu werden, also von jungen Erwachsenen der sogen. „Generation Y“, die vielleicht in ihrer noch jungen Karriere -verdient, oder unverdient- Trophäen und Anerkennung einheimsen konnten, aber nicht reif zu werden scheinen.

Im Nachgang zu Donald Trump’s Wahlsieg, sind die Zeitungen voller Storys von Menschen, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass er die Wahl gewonnen hat. Es mag ja sein, dass Donald Trump nicht die beste Wahl für einen Präsidenten der Vereinigten Staaten darstellt, was sich im Übrigen erst im Lauf der Zeit erweisen wird, doch gewann er in einer fairen und freien demokratischen Wahl.

Es scheint, als habe der Wahlausgang zu einer weltweiten Bewegung von Menschen geführt, die Trump nicht nur für alle möglichen Schandtaten verantwortlich machen, die er noch gar nicht vollbracht hat, sondern die darüber hinaus auch noch alle die verdammen, die nicht genauso denken und handeln, wie sie selbst.

In den USA haben einige Universitäts-Professoren anstehende Examina abgesagt, um so Studenten zu helfen, nach der Wahl vom 8. November wieder ihr seelisches Gleichgewicht zu erlangen. Es wurden im ganzen Land „Cry-ins“ organisiert, bei denen junge Erwachsene im Kreis sitzend, ihren Tränen freien Lauf lassen können, aus Schmerz über das Scheitern von Hillary Clinton.

In Schweden, wurden Hotlines für Frauen eingerichtet, die sich von Männern durch sogen. „mansplaining“ gedemütigt und marginalisiert fühlen. Mansplaining ist nach Wikipedia: „Das Phänomen, wenn ein Mann herablassend mit jemandem (vor allem einer Frau) über einen Themenbereich spricht, von dem er nur unvollständige Kenntnisse hat, unter der fälschlichen Annahme, er wisse mehr über den Gegenstand als die Person, mit der er spricht.“) Das Phänomen wird als Ausdruck der generellen und unreflektierten Annahme des Sprechers gesehen, sein Gegenüber wisse weniger als er.

Am Edgewood College in Madison, Wisconsin, läuft eine Untersuchung zu sogen. „Hasskriminalität” weil irgendein Student die Kühnheit besaß, einen Aufkleber mit der Bemerkung „Suck it up p******“ auf der Innenseite eines Fensters des Büros für studentische Inklusion und Multikulturalität anzubringen. Der Vize-Präsident für studentische Entwicklung Tony Chambers verfasste daraufhin ein dreiseitiges Memorandum, in dem er den Zettel als „gezielten Akt von Einschüchterung und Feigheit“ verdammte.

Der Zettel war ohne Zweifel geschmacklos, aber kann man so etwas wirklich als „Hasskriminalität” bezeichnen?

Es geht nur noch um Gefühle. Erinnern Sie sich noch an den Song der 1970er Jahre: „Feelings, nothing more than feelings“? Wir sind in einer Gesellschaft angekommen, in der Gefühle mehr gelten, als Fakten. Meine Gefühle sind verletzt und anstatt mich zusammen zu reißen, tröste ich mich damit, diejenigen, die mir so etwas angetan haben, als Untermenschen anzusehen, die meine Zeit nicht wert sind. Das Problem ist nur, dass mit dem Fokus auf Gefühle die Logik am Ende verdunstet und der Scheinheiligkeit Tür und Tor geöffnet werden. Eine frustrierende Entwicklung.

Im zweiten Weltkrieg waren die Soldaten durchschnittlich 26 Jahre alt, viele auch jünger. Diese Männer erstürmten die Strände der Normandie, kämpften gegen deutsche, italienische und japanische Truppen, bestanden entsetzliche Herausforderungen, sahen Freunde sterben, töteten Feinde und trotzdem schafften es die Meisten, nach dem Krieg irgendwie ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu führen, ohne Zeit mit Alpträumen und Erinnerungen an diese Zeit, die ihnen sicher nachgegangen sind, zu vergeuden.

Es gab vielmehr die Haltung des: „OK, das war‘s, es ist vorbei, jetzt geht’s zurück ins richtige Leben“, eine Haltung, die man heute wohl vergeblich sucht. Wir haben eine Generation herangezogen, die sich aufführt, als sei ihnen alles geschuldet, einfach weil sie existieren. Und wenn ihre armseligen Gefühle verletzt werden, lassen sie die Hölle in ihrem Umfeld losbrechen.

Der realen Welt ist es egal, ob Schneeflöckchen mit dem Ausgang einer Wahl unzufrieden sind, oder ob ihre Gefühle durch „mansplaining“ verletzt wurden. Diese Menschen wollen einfach nicht erwachsen werden. Sie benehmen sich wie Kleinkinder, die erwarten, dass die ganze Welt auf ihre Launen Rücksicht nimmt.

Als Frau musste ich selbst Diskriminierungen und üble Nachrede ertragen. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, indem ich denjenigen klar und deutlich ins Gesicht sagte, dass ich solches Verhalten nicht dulde. Ich habe keine Hotline angerufen und mich dort ausgeweint, weil jemand gefeuert werden müsse, der mich schlecht behandelt hatte.

Was das „mansplaining“ betrifft, so existiert diese „Übung“ zwischen Männern und Frauen schon seitdem es Menschen auf dieser Erde gibt. Frauen machen Männer in gleicher Weise herunter, wie Männer die Frauen und es gibt keine Hotline, bei der sich Männer über Frauen und ihre herabsetzenden Bemerkungen und Handlungen beschweren können.

Die wirklich wichtige Frage ist jedoch, wie wir es so weit gebracht haben? Wie haben wir eine Welt geschaffen, in der der Wahlverlust „meines“ Kandidaten bei mir einen kompletten hysterischen Zusammenbruch auslösen kann?

Die sozialen Medien haben da sicher keinen geringen Anteil. Facebook kam in die Welt, als der Gründer Mark Zuckerberg ein Programm zur Bewertung der Attraktivität seiner Kommilitonen an der Harvard University schrieb. Für viele ist Facebook das Werkzeug, mit Familienmitgliedern in der ganzen Welt, alten Freunden und Kollegen über ein Netzwerk Kontakt aufzunehmen und zu halten. Die hässliche Kehrseite von Facebook und Twitter ist allerdings, dass die große Mehrheit ihrer Nutzer sich als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit geriert, die jedermann zusetzen und mobben, der mit ihrem Weltbild nicht übereinstimmt.

Solche Schneeflocken sind der Überzeugung, dass ihre Meinung die einzig wahre und bedeutsame ist; wenn man ihnen widerspricht, schreien sie ganz laut FOUL! In den meisten Fällen heulen sie auch laut auf, Opfer blindwütiger Homophobie, von Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung oder beliebig anderer Ismen geworden zu sein. Sie machen also fröhlich selbst beim Mobbing mit, das sie anderen vorwerfen.

In den 1970ern bis etwa zur Mitte der 1990er Jahre, wuchs eine Generation von Kindern heran, die befanden, dass sie überhaupt nicht die Bedingungen mochten, unter denen sie aufgewachsen waren oder dass sie zumindest einmal zu oft geärgert worden waren. Als sie nun selbst Kinder bekamen, wollten sie es anders machen und sicher gehen, dass ihre kostbaren Babys niemals den Stachel der Ablehnung, oder den Schmerz einer Niederlage verspüren müssten, doch vergaßen sie, dass nicht immer zu gewinnen den Charakter formt und dass Niederlagen dabei helfen, innere Stärke aufzubauen.

Diese Kinder, jetzt die jungen Erwachsenen dieser Welt, schmelzen dahin, wenn sie realisieren, dass nicht jedermann nach ihrem Geschmack und ihren Wünschen agiert.

Barbara Lilley ist Schriftstellerin und Mutter von vier Kindern. Sie lebt in Ottawa, Canada.