Wohin steuert jetzt die Schulpolitik in NRW?

Wohin steuert jetzt die Schulpolitik in NRW?
Die vor gut 35 Jahren an einem katholischen Mädchengymnasium abiturierte Sylvia Löhrmann hat kurz nach ihrem Amtsantritt klar und deutlich gesagt, was sie als Schulministerin künftig vor hat. Nur wenige Tage nach Beginn ihrer Ministerzeit startete sie eine verbale Attacke auf die derzeit beliebteste Schulform Deutschlands: Das Gymnasium. Damit riskiert sie, 40 000 Lehrer und knapp 600 000 Schüler allein in Nordrhein-Westfalen, ihrem Heimatland, vor den Kopf zu stoßen.
von Heinrich Mellein
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Das Gymnasium im Visier

Die Provokation ist wohl überlegt. Mit Widerspruch muss sie kaum rechnen. Denn der Abgesang aufs Gymnasium ist nicht nur im Koalitionsvertrag der rot-grünen Düsseldorfer Minderheitsregierung angestimmt worden, sondern schon seit langer Zeit auch im Wolkenkuckucksheim der überwiegend links gerichteten Bildungswissenschaftler. Dumm nur, dass sich viele Eltern und Schüler – und deren Interessen stehen ja im Vordergrund – diesem obrigkeitsstaatlichen Zugriff widersetzen. Jüngst wurde das in Hamburg eindrucksvoll bewiesen. Dass die fast ausnahmslos links gerichteten Medien diesen Ausdruck bürgerlichen Engagements und elterlicher Freiheitsliebe als „Gucci-Aufstand“ diffamieren, zeigt lediglich, für wie dumm diese Meinungsmacher das einfache Volk halten.
Der Koalitionsvertrag von Rot – Grün in NRW sieht die sukzessive Einführung der Einheitsschule vor, sowie die Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre. Begründet werden diese Schritte mit der längst widerlegten Behauptung, dass in diesen Lernumgebungen besser auf die einzelnen Schüler eingegangen werden könne, und so keiner zurück bleibe. Beides ist Unsinn, wie die gern außer Acht gelassene Realität zeigt.
Der "Karawanen-Effekt"

De facto bestimmen immer die Schwächeren das Lerntempo (der sogenannte „Karawanen-Effekt“), de facto sind die tonangebenden Kinder und Jugendlichen nicht die kognitiv und sozial intelligentesten, sondern bei den Jungen die (halb-) stärksten und bei den Mädchen die „beliebtesten“. Jeder, der selber einmal Schüler war oder als Lehrer tätig ist, kann dies bestätigen. Die Folgen des längeren „gemeinsamen Lernens“ (was für ein unsinniger Begriff!) sind die weitere Reduktion des Lerntempos, der weitere Leistungsabfall bei nahezu allen Kindern und der weitere Disziplinverlust in nach wie vor viel zu großen Klassen.
Die Attraktivität des Lehrberufs wird unter solchen Umständen weiter abnehmen. Fragt man heute an Studienseminaren, wovor sich die Referendare am meisten fürchten, so erhält man von fast allen die Antwort: „Dass ich meine Klasse nicht im Griff habe“. Diese Ängste sind nicht unbegründet, wenn man die Augen öffnet und die Realität nicht zugunsten ideologischer Traumvorstellungen hintan stellt. Keinem normal denkenden und empfindenden Menschen wird man es dann verübeln können, wenn er sich solchen Umständen nicht aussetzen will. Angenehmer und prestigeträchtiger geht es in der Wirtschaft oder anderen Beamtenstellen zu.
Der wirklichkeitsfremde Traum von der gleichen Begabung

Linke Utopien speisen sich in der Regel aus falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit und aus falschen Hoffnungen, wie man die Ungerechtigkeiten dieser Welt beseitigen könnte. Ein hyper-optimistisches Menschenbild geht in guter aufklärerischer Tradition davon aus, dass alle glücklich werden können, wenn sie nur entsprechend gebildet würden. Das Ziel der SPD-Grünen-Politik ist die drastische Erhöhung der Akademikerzahlen, da ihrer Ansicht zufolge das Arbeiterdasein unerträglich sei. Glück durch Bildung! Parolen, die sich gut anhören, aber in die Irre führen.
Was ist eigentlich so schlimm daran, einen Beruf zu ergreifen, der keinen hohen Bildungsabschluss erfordert? Wieso sind die Menschen denn alle von Natur aus unterschiedlich (begabt)? Was wollen wir denn mit all den vielen Juristen, Medizinern und Ingenieuren, wenn uns keiner mehr das Auto reparieren oder eine Mauer hochziehen kann? Die Diversität der Begabungen und Interessen ist überlebensnotwendig für jede Gesellschaft. Anerkennung und Wertschätzung müssen dem einzelnen Menschen und seinen Leistungen zukommen – nicht seiner Bildung oder seinem monetären Status. Oder wie es meine resolute Französischlehrerin schon vor 20 Jahren sagte: Mir ist ein fleißiger Hauptschüler zehn Mal lieber als ein fauler Gymnasiast. Und mir ist ein gegliedertes Schulsystem lieber, das von der Unterschiedlichkeit der Begabungen ausgeht als ein sozialistischer Einheitsbrei, der so tut, als seien alle Menschen gleich.
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