Die Pädagogik ist sehr stark feminisiert

Die Pädagogik ist sehr stark feminisiert
Am 30. Januar 2013 wird das Bundesverwaltungsgericht darüber entscheiden, ob im Land Brandenburg eine Jungenschule errichtet werden darf oder ob alle Schulen koedukativ sein müssen, wie es das Bildungsministerium Brandenburg behauptet. Das Bundesverwaltungsgericht hatte nach der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berlin/Brandenburg, das eindeutig für die Genehmigung einer Jungenschule entschieden und keine Revision zugelassen hatte, der Beschwerde des Landes Brandenburg wegen "der grundsätzlichen Bedeutung" stattgegeben, und wird nunmehr selbst entscheiden. Da schon im Vorfeld das Presse-Interesse groß ist, dokumentieren wir ein Interview mit dem Geschäftsführer der Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft, Horst Hennert, in der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 27.10. 2012
von Horst Hennert
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Das Interview im Wortlaut
„Opus Dei“ will in Potsdam ein reines Jungengymnasium eröffnen / Horst Hennert setzt sich seit 2006 dafür ein
Die katholische Laienorganisation des Opus Dei will in Potsdam ein Jungengymnasium etablieren. Das Land ist dagegen, derzeit ist eine Klage beim Bundesverwaltungsgericht anhängig. Mit dem Opus-Dei-Mitglied Horst Hennert sprachen Ulrich Wangemann und Jürgen Stich über den Stand des Projekts.
Warum geht das Land so hart vor gegen ihren Plan?
Hennert: Das Land sagt, dass es in Brandenburg keine reinen staatlichen Jungen- oder Mädchenschulen gibt, also darf auch ein freier Träger solche Schulen nicht errichten. Die Regierung sagt, die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen – Koedukation – sei ein Erziehungsziel. Wir halten das aber lediglich für ein Erziehungsmodell. Außerdem führen wir selbst als Fördergemeinschaft seit über 40 Jahren ein Mädchengymnasium in Jülich mit großem Erfolg und mehr als 700 Schülerinnen.
Eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts hätte möglicherweise Auswirkungen auf alle derartigen Schulen in Deutschland?
Hennert: Das hängt vom Urteil ab. Aber wenn eine Entscheidung getroffen würde, dass monoedukative Schulen grundsätzlich nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind, dann würde das bundesweit gelten. Die bestehenden Schulen würden Bestandsschutz genießen, neue könnten aber nicht gegründet werden.
Wie viel Opus Dei würde in der Schule stecken?
Hennert: Es handelt sich nicht um eine Schule des Opus Dei. Ich möchte das mit unserem Mädchengymnasium in Jülich vergleichen. Dort wird der Religionsunterricht und die Seelsorge von zwei Priestern des Opus Dei wahrgenommen. Von den 56 Lehrern sind acht Mitglieder des Opus Dei. Ein ähnlicher Prozentsatz würde auch in Potsdam erreicht.
Es ist keine Voraussetzung, dass Lehrer beim Opus Dei sind?
Hennert: Nein. In Jülich haben wir sogar evangelische Lehrer. Alle Lehrer sollen auf einem Wertefundament stehen, das in Übereinstimmung mit unserer Erziehungs-Ausrichtung steht.
Es gibt Problemzonen wie den Aufklärungsunterricht – gäbe es eine Hauslinie, die sich von anderen Schulen unterscheidet?
Hennert: Die Ausrichtung am christlichen Menschenbild bedeutet eine sehr hohe Wertschätzung des Menschen und nicht einfach, ihn in Funktion von etwas zu sehen. Das heißt: Wenn ich Sexualaufklärung betreibe, kann ich es nicht dabei lassen, die biologischen Vorgänge wertneutral zu schildern, sondern ich muss ihre Finalität deutlich machen. Es gibt keine wertneutrale Sexualerziehung – wie es auch keine wertneutrale Unterrichtung gibt.
Die Voraussetzungen für die Gründung der Schule haben sich seit 2006 verändert: Wir haben jetzt eine rot-rote Landesregierung, die Vergütungen der freien Schulen sind verringert worden und es gibt jetzt ein katholisches Gymnasium in der Stadt. Wollen Sie trotzdem an Ihrem Projekt festhalten?
Hennert: Ja. Wenn man sich sechs Jahre durch die Gerichte gekämpft hat, macht man das nicht, um anschließend aufzugeben. Der Wille der Elterninitiative ist weiterhin da, obwohl es für deren Kinder meist zu spät ist – die machen bald Abitur.
Warum eigentlich Potsdam?

Hennert: Der Bedarf ist weiter vorhanden. Der Einzugsbereich nimmt Berlin mit in den Blick. Für ein solch spezielles Angebot braucht man ein sehr großes Einzugsgebiet. Das reicht für die Marienschule und für uns. Wir haben mit vielen Leuten gesprochen. Der Oberbürgermeister etwa war ganz dafür.
Überrascht Sie die Ablehnung, die Ihnen dennoch seit 2006 entgegengeschlagen ist?
Hennert: Das hängt sicher mit der Desinformation über das Opus Dei zusammen. Die Leute sagen: Vorsicht, hier kommt etwas Schlimmes in unsere Stadt! Wir müssen aufklären, was das Opus Dei ist – das wird noch ein weiter Weg.
Es wurden Flugblätter verteilt, die warnten: „Wollen Sie, dass Ihre Kinder ausgepeitscht werden?“ Besteht die Gefahr?
Hennert: Ganz und gar nicht. Wir streben eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Eltern an. Eltern wollen ihre Kinder ja auch nicht auspeitschen.
Opus Dei ist geheimnisumwoben. Es gibt ein für Sie wohl nicht besonders hilfreiches Buch von Dan Brown. Und es gibt ja tatsächlich beim Opus Dei den Gebrauch von Bußgeißel und Bußgürtel.
Hennert: Das ist keine Erfindung des Opus Dei. Das ist in der Tradition der katholischen Kirche ein Weg, sich mit dem Leiden Jesu Christi zu verbinden. Dabei fließt weder Blut, noch ist das schmerzvoll. Im Opus Dei verwenden dies ausschließlich die unverheirateten Mitglieder in Absprache mit ihrem geistlichen Leiter. Es ist eine sehr persönliche Ausprägung des Glaubens. Mit anderen Leuten hat das gar nichts zu tun. Ich werde oft gefragt: Wo kann ich so ein Ding kaufen? Auf jeden Fall nicht beim Opus Dei. Mit Schule hat es nichts zu tun. Es gibt übrigens wesentlich schwerere Opfer – zum Beispiel der Verzicht auf Zigaretten für Raucher, Verzicht auf Hobbys, um mehr für andere da zu sein. Die spielen auch im Opus Dei eine viel größere Rolle als diese völlig nebensächliche Tatsache, dass es Bußgeißel und Bußgürtel gibt. Nur: Die haben in der Vorstellungswelt und medialen Öffentlichkeit eine so große Bedeutung, weil man dem normalerweise nicht begegnet. Und weil das Verständnis dafür abhanden gekommen ist. Jeder versteht, wenn man sich in der Sauna mit Ruten traktiert, weil es die Blutzirkulation fördert. Aber wenn Sie etwas nur für Gott tun, sagen die Leute: Das darf nicht sein.
Wie würde die Schule reagieren, wenn ein Schüler erkennt, dass er homosexuell ist?
Hennert: Man würde versuchen, dem gerecht zu werden. Im Katechismus der katholischen Kirche steht, dass die Ausübung der Homosexualität gegen die göttliche Ordnung ist. Wenn ich jemandem sagen müsste: Du magst diese Neigung verspüren, aber die Ausübung wäre nicht in Ordnung.
Hätte er noch Platz in dieser Schule?

Hennert: Das wäre dann nicht gefährdet, wenn er nicht versuchen würde, seine Neigung in der Schule auszuüben.
Wäre die Schule offen für Kinder aller Konfessionen?
Hennert: Ja. In Jülich haben wir einen Anteil von 20 Prozent nicht katholischer Kinder. Wir hatten in Jülich sogar eine muslimische Schulsprecherin. Wenn man aber eine Schule prägen will, sollten mindestens 50 Prozent der Schüler katholisch sein.
Wenn ich mich als Lehrer bewerben würde, was würden Sie verlangen?
Hennert: Zunächst natürlich gute Zeugnisse.
Und wenn Sie beim Bewerbungsgesprächen alleinstehenden oder homosexuellen Lehrer vor sich haben?
Hennert: Wenn man den Wert auf Familie legt, ist der Vorbildcharakter der Lehrer wichtig. Wenn ein Vorbild gegeben würde, das Familie ausschließt – aus welchen Gründen auch immer – dann ist es schwierig. Wir werden niemanden diskriminieren. Aber wir werden Lehrer auswählen, die zu dieser Schule passen. In der katholischen Kirche ist es generell so, dass Angestellte, die sich scheiden lassen und wieder heiraten, dem Anstellungsvertrag widersprechen. Der Vertrag würde aufgelöst. Das ist kein Sondergut des Opus Dei, sondern die Lehre der katholischen Kirche.
Unterstützt das Bistum Ihr Projekt?
Hennert: Kardinal Sterzinsky sagte damals, er unterstütze die Schule, könne sich aber finanziell nicht beteiligen. Wir haben gesagt: Wir möchte den Segen des Bischofs, nicht sein Geld. Auch Kardinal Woelki weiß von dem Projekt, als Sekretär von Kardinal Meissner in Köln hat er viele Einrichtungen des Opus Dei kennengelernt. Er hat sich hier in seiner ersten Pressekonferenz so geäußert, dass er die Arbeit des Opus Dei schätzt, persönlich aber eine andere Spiritualität hat.
Wie sähe die Seelsorge aus?
Hennert: Dazu gehört zum Beispiel das Angebot einer wöchentlichen Schulmesse in der Schulkapelle. Wir denken aber, dass in Glaubensdingen Zwang schädlich ist. Man kann nur dafür werben.
Das klingt ein wenig weichgespült – als sei es eine Schule wie andere auch. Dann muss man aber eine solche Schule nicht gründen. Wie wollen Sie Ihr Menschenbild an den jungen Mann bringen?
Hennert: Es kommt immer die Frage: Gibt es eine katholische Mathematik? Diese Frage halte ich nicht für sehr intelligent. Die Wissenschaftlichkeit muss gesichert sein. Das Schulklima ist entscheidend, die Vorbildfunktion des Kollegiums.
Die Bibel sagt: Gott hat die Welt erschaffen. Wie würden Sie im Biologieunterricht mit der Evolutionslehre umgehen?
Hennert: Wie die katholische Kirche. Wir sind keine Fundamentalisten, die das Alte Testament eins zu eins übertragen wollen. Die Sprache ist bildhaft. Die Evolution ist auch in der katholischen Kirche akzeptiert. Was aber auch klar ist: Gott hat die Welt erschaffen. Aus dem Nichts kommt nichts. Am Anfang, irgendwo, steht Gott. Für einen Atheisten steht das Fragezeichen am Anfang.
Wird sich die Deutsch-Lektüre unterscheiden?
Hennert: Die Schulbehörde gibt einen bestimmten Lektüreplan vor. Ich weiß aber aus eigenem Unterrichten, dass man mit Bertolt Brecht so oder so umgehen kann. Man kann den Schülern verdeutlichen, was für eine Weltanschauung dahinter steht.
Warum wollen Sie Jungen getrennt unterrichten?
Hennert: Die katholische Kirche geht davon aus, dass der Mensch von Gott als Mann und Frau erschaffen wurde und nicht als Zwitter. Männer und Frauen ergänzen sich nicht nur biologisch. Das hat sehr viele andere Unterschiede zur Folge. Die gesamte Pädagogik ist aber in den letzten Jahren sehr stark feminisiert worden. Man sieht es daran, dass 57 Prozent eines Abiturjahrgangs Mädchen sind – das war vor 30 Jahren anders. Es gibt viel mehr Lehrerinnen als Lehrer. In Kitas und Grundschulen gibt es fast nur weibliche Kräfte – die Identifikation mit ihnen fällt Jungen schwer. Das Zappelphilipp-Syndrom betrifft zu 80 Prozent Jungen. Zwei Drittel der Sitzenbleiber sind männlich. Zum Beispiel haben Jungen einen viel stärkeren Bewegungsdrang als Mädchen – einfach wegen des Testosterons. Es fällt ihnen schwerer stillzusitzen. Mädchen sind viel pflegeleichter im Unterricht. Jungs tun sich schwerer mit Sprachen, sind aber in naturwissenschaftlichen Fächern stärker. Man kann all das in einer Schule berücksichtigen. Unter den besten 20 Schulen in Großbritannien finden sich nur drei, in denen Jungs und Mädchen gemeinsam lernen.
Wann könnte Schule an den Start gehen, wenn Sie gewinnen?
Hennert: Wir könnten frühestens im Sommer 2014 beginnen – wenn wir Personal, Haus und Finanzierung haben. Wir haben für den Antrag 2006 drei Jahre Vorlauf gebraucht. Jetzt haben wir ein bisschen mehr Erfahrung.
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