Rico, Oskar und die Tieferschatten

von José García
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Der „tiefbegabte“ Rico (Anton Petzold) lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Tanja Doretti (Karoline Herfurth) in der Berliner Dieffenbachstraße. Mit Zahlen, Straßenschildern oder Dingen wie rechts und links kommt Rico zwar nicht besonders klar. Dafür hat er eine ausgeprägte Fantasie. Als er den hochbegabten Oskar (Juri Winkler) kennenlernt, der zwar ein Mathe-Ass ist, aber immer einen Helm trägt, weil er vor allen möglichen Dingen Angst hat, erleben sie zusammen nicht nur Abenteuer.

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Filmische Qualität: 4,5 von 5 Punkten
Regie: Neele Leana Vollmar
Darsteller: Anton Petzold, Juri Winkler, Karoline Herfurth, Ronald Zehrfeld, Ursula Monn, David Kross, Axel Prahl, Milan Peschel
Land, Jahr: Deutschland 2014
Laufzeit: 93 Minuten
Genre: Kinderbuch-Verfilmung
Publikum: alle
Einschränkungen: --
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Sie lösen sogar das Geheimnis um den Entführer „Mister 2000“. Dieser wird so genannt, weil er kleine Kinder entführt, die er dann für dieses geringe Lösegeld frei lässt. Auf der Suche nach ihm enthüllen Rico und Oskar auch noch das Rätsel der „Tieferschatten“. Vielleicht finden sie sogar im neuen Nachbarn Westbühl (Ronald Zehrfeld) einen neuen Vater für Rico …

Mit-Drehbuchautorin und Regisseurin Neele Leana Vollmar gelingt es, den gleichnamigen Roman von Andreas Steinhöfel zu einem Film zu adaptieren, der nicht zuletzt wegen des herausragenden Schauspieler-Ensembles (außer den bereits genannten spielen Axel Prahl, David Kross, Milan Peschel sowie in Gastrollen Katharina Thalbach und Anke Engelke mit) gleichermaßen Kinder und Erwachsene überzeugt. Die insgesamt unauffällige Kameraführung von Torsten Breuer schafft es auch, Ricos phantasievolle Gedankenwelt in bewegte Bilder umzusetzen – so etwa wenn sich in seinem Kopf die Bingokugeln drehen. Stets aus kindlicher Perspektive erzählt, hält „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ perfekt die Balance zwischen lustigen und ernsthaften Augenblicken, ohne dafür auf Slapstickeinlagen oder aber auf übermäßig sentimentale Momente zurückgreifen zu müssen.

Interview mit Regisseurin Neele Leana Vollmar und Darstellerin Karoline Herfurth zum Film „Rico, Oskar und die Tieferschatten“

In Ihrem Film „Friedliche Zeiten“ (2008) spielten zwar Kinder eine wichtige Rolle, aber „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ ist Ihr erster eigentlicher Kinderfilm. Wie kam es dazu?

Neele L. Vollmar: Es liegt einfach an dem tollen Roman von Andreas Steinhöfel. Nach meinem letzten Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ habe ich viel gelesen. Mir ging es darum, zu sagen: Dieser Roman berührt mich, der spricht mich an. Bei einer Reise durch Argentinien mit meinem Mann haben wir uns die drei Romane über Rico und Oskar gegenseitig vorgelesen. Sie haben uns zum Lachen gebracht, aber auch gerührt. Mir war es klar: Das ist mein nächster Film.

Wie haben Sie Anton Petzold und Juri Winkler für die Rollen des Rico respektive des Oskar gefunden?

Neele L. Vollmar: Wir haben uns etwa 800 Kinder aus ganz Deutschland angeschaut. Die beiden sind hineingekommen, haben eine Szene gespielt. Uns war es total klar, dass sie es sind. Sie waren so textsicher. Ich glaube, Juri konnte das gesamte Drehbuch inklusive Regieanweisungen auswendig. Deshalb brauchten wir nicht viel zu proben.

Wie kamen Sie an die Rolle der Tanja Doretti?

Karoline Herfurth: Ich bin durch den Castingprozess gegangen, was ich allerdings immer mache, weil ich es sinnvoll finde. Diese Rolle war ja ein Wagnis für beide Seiten, weil ich eine sehr junge Mutter spiele. Dies ist zwar nicht außergewöhnlich, aber für mich war es eine Herausforderung. Deswegen haben wir es gegenseitig ausprobiert.

Bei „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ führen Sie erstmals als Mutter Regie. Spielt dies eine Rolle etwa bei der Beziehung zwischen Rico und seiner Mutter?

Neele L. Vollmar: Ja, ich glaube, das macht man automatisch. Diese Muttergefühle kann man sich vorher nicht vorstellen.

War dies für Sie etwas Besonderes, erstmals eine Mutterrolle zu spielen?

Karoline Herfurth: Ich bin sehr froh darüber, weil ich den Eindruck habe, dass die Rollen mit mir mitwachsen. Ich war total stolz, dass mir diese Rolle zugetraut wurde.

Wie würden Sie Tanja Doretti charakterisieren?

Karoline Herfurth: Ich glaube, Eltern haben es heutzutage nicht einfach. Ich halte Tanja Doretti für eine beeindruckende Mutter, die zwar nicht superintelligent oder gebildet ist, aber es einfach aus dem Herzen heraus macht. Sie schafft es mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrem Kind ein gutes Zuhause anzubieten. Sie stellt das Kind nicht infrage sondern die Maßstäbe, die ihn klassifizieren wollen: Für sie ist er nicht „tiefbegabt“, sondern etwas Besonderes. Sie tut alles dafür, ihr Kind zu beschützen und selbstbewusst zu machen. Sie nimmt ihr Kind ernst, kommuniziert mit ihm sehr erwachsen, und trotzdem bleibt sie Mutter.

Viele Zuschauer und auch Kritiker meinen, dramatische Rollen seien schwieriger zu spielen als komödiantische. Sie kennen sowohl die einen als auch die anderen. Was ist schwerer?

Karoline Herfurth: Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, es sind unterschiedliche Anforderungen. Es kommt auch auf den Schauspieler an. Es gibt verschiedene Präferenzen oder Talente. Ich finde es schön, Unterschiedliches auszuprobieren. Menschen zum Lachen zu bringen, ist wahnsinnig schwer. Im Drama habe ich die Zeit, etwas zu entwickeln. In einer Komödie muss ich es in einer bestimmten Zeit auf den Punkt bringen. In einer Komödie muss ich aber die Figur genauso ernst nehmen und genauso ernst spielen wie in einem Drama.

Im Roman wie im Film spielt ein Ausdruck eine besondere Rolle: „Tiefbegabung“. Was ist damit gemeint?

Neele L. Vollmar: Wir haben uns auch gefragt, was das bedeutet. Ist er behindert oder dumm? Nein, das ist Rico nicht. Er ist einfach anders. Oskar ist der Rationale, der viel mit Zahlen und Statistiken zu tun hat. Ihm mangelt es aber an emotionaler Wärme, weil er mit seinem Vater lebt, der an Depressionen leidet. Seine Mutter ist sehr früh weggegangen – er kann sich nicht mehr an sie erinnern. Das bekommt er dann von Rico. Denn Rico hat durch seine Mama eine wunderbare Emotionalität auf den Weg bekommen.

Wie dicht bleibt der Film am Roman?

Neele L. Vollmar: Ich glaube, es gibt Filme, die sich von der Romanvorlage entfernen müssen. Bei anderen sind die Dialoge so großartig, dass man am Roman dicht bleiben möchte. Das war bei uns der Fall. Natürlich weiß ich, dass sich beispielweise Andreas (Steinhöfel) Frau Dahling ganz anders vorgestellt hatte. Aber jetzt ist er mit Ursela Monn sehr zufrieden. Andererseits war es zum Beispiel wichtig, dass Oskar einen Kopf kleiner als Rico ist – das haben wir beim Casting berücksichtigt.

Wie war die Zusammenarbeit zwischen den Kindern und den erwachsenen Schauspielern?

Neele L. Vollmar: Mit Kindern drehen ist schon anders. Wenn man mit Erwachsenen dreht, wird zunächst über die Szene geredet, es wird geprobt ... Mit Kindern kann man keinen vorgefertigten Plan haben. Es fängt schon damit an, dass sie höchstens fünf Stunden pro Tag am Set sein dürfen. Die erwachsenen Schauspieler müssen sich darauf einlassen. Aber Kinder bringen eine Leichtigkeit und eine Euphorie mit, dass es einen beflügelt. Es tut uns allen gut, dass wir es nicht so ernst nehmen. Es gab Tage, da haben sie sich die Kinder mit den Erwachsenen gezofft, an anderen Tagen haben sie sich geliebt ...

Karoline Herfurth: Die Jungs haben es unglaublich professionell gemacht. Für Anton, der den Rico spielt, war es eine Herausforderung, jeden Tag am Set zu sein. Denn er ist in so gut wie jeder Szene zu sehen. Dass Kinder höchstens fünf Stunden am Tag am Set sein dürfen, stellt gewisse Anforderungen an die anderen Teammitglieder dar. Andererseits ist es ein Vorteil, weil man einen kurzen Drehtag hat. Wenn aber die Kinder am Set sind, ist man sofort auf Hochtouren, weil man versucht, ihnen einen Abenteuerspielplatz zu bauen, damit sie einen guten Drehtag haben.

Nun werden der zweite und der dritte Teil auch gedreht ... Sie hatten bislang sehr unterschiedliche Rollen in verschiedenen Genres gespielt. Jetzt drehen Sie „Fack Ju Göthe 2“ und „Rico, Oskar und ... 2“. Bedeutet dies nicht, ins andere Extrem zu fallen?

Karoline Herfurth: Bislang habe ich weder zwei Mal mit demselben Regisseur gearbeitet noch einen zweiten Teil gedreht. Ich bin sehr gespannt, wie es sein wird. Ob ich der Rolle treu bleibe und mit genauso viel Energie daran gehe. Bis jetzt hatte ich Glück, dass ich in sehr unterschiedlichen Genres spielen konnte. Ich hoffe und glaube, dass es so bleibt. Zunächst werde ich die zwei zweiten Teile drehen. Mehr weiß ich noch nicht.