Psychologie des Alltags (23): Einfachheit

 Einfachheit
Die Aufforderung, „nur bescheiden sein“, wie sie wiederholt vorgebracht wird, erweckt den Eindruck einer gewissen tugendhaften Anspruchslosigkeit, Mäßigkeit und Einfachheit, die dem Durchschnittsmenschen eines „kleinen neutralen Landes“ wesentlich zu eigen sind. Wenn man aber die persönlichen Umstände, die solch einen gutherzigen, gemütlichen Spruch umrahmen, vorurteilslos betrachtet, fällt das Philisterhafte, Tugendboldmäßige, Opportunistische fast schmerzlich in die Augen. Nicht Einfachheit wird durch dieses Verlangen nach Bescheidenheit ausgedrückt, sondern lediglich Bequemlichkeit und Flucht vor jeder Forderung des Geistes und vor jedem Extremismus der Liebe.
von Johannes B. Torelló
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Die falsche Einfalt dieser immer wieder gepriesenen Bescheidenheit entwickelt sich im Rahmen eines gekünstelten Humanismus unseres starren Establishments. Schon Thomas Mann hat jene verbreitete Einstellung gebrandmarkt, für die „Vernunft gleich Tugend gleich Glück ist. Aus Vernunft ist man tugendhaft, schwört zur Fahne des Fortschritts, fördert als strammer Ritter der Zeit ‘die natürliche Entwicklung der Tatsachen“‘.
Und doch sehnt sich unser Zeitalter nach Einfalt, auch wenn durch turbulente, wirre und sogar gewalttätige Jugendbewegungen. Es handelt sich um Einfalt, die sich nicht selten in Richtung des Rousseauschen „Zurück zur Natur“, des Musilschen „Mannes ohne Eigenschaften“ oder des Eichendorffschen „Taugenichts“ bewegt, die alle drei im Grunde unvermeidlich Krankhaftigkeit, Dämonie oder Exzentrizität heraufbeschwören - Dinge also, denen die wahre Einfachheit spontan entflieht. Das Philistertum der etablierten Einfalt wird - auf mehr oder weniger verwickelten intellektuellen Umwegen - durch die Entfesselung des Primitiven ersetzt.
Die Vereinfacher

Menschliche Einfachheit ist freilich auch nicht billige Vereinfachung - jene große Vereinfachung der Eltern, Erzieher, Politiker und Seelsorger angesichts der Probleme des einzelnen und der Gesellschaft. Man will sich verständlich, annehmbar, liebenswert machen, sich nie als rückständig blamieren und daher, dem alten - ganz platonisch verstandenen - Schlagwort gemäß „unters Volk gehen“. Unters Volk wie jene alten Könige, die von Zeit zu Zeit, in Lumpen gekleidet, durch die Straßen zogen, oder wie jener Diktator, der heuchlerisch darauf bedacht ist, sein Image von einfachen Gefühlen und häuslichen Gewohnheiten geprägt zu sehen, oder jene „weltbejahenden“ Geistlichen, die ihre Ferienzeit mit den besten (und ziemlich naiven) Absichten in einer Fabrik als Arbeiter verbringen, um sich in die Probleme dieser Welt hineindenken zu können....
Aus verschiedenen Gründen will man sich um jeden Preis „vereinfachen“, mit dem fast zwangsläufigen Ergebnis barocker oder romantischer Verwicklung, die nur noch mehr Verwirrungen stiftet. Nur die wahre Einfalt stellt sich vor, wie sie ist, die Einfalt der großen Geister, der echten Weisen, der besten Dichter, der demütigen Heiligen.
Eltern, die zusammen mit ihren Kindern schreien, Professoren, die sich dem studentischen Protest sofort beugen, Politiker, die durch Mästen der Bäuche und Verdummung der Köpfe - die Zeichen des Wohlstandes - Ruhe und Frieden bewahren wollen, Geistliche, die im Fernsehen das fragwürdige Lächeln der Toleranz aufsetzen und die ungebundenen Phrasen der „Erneuerung“ dreschen, sind typische Beispiele werbender Vereinfachung.
Über die Albernheit vieler Kleriker unserer Zeit, die (dies nur als Beispiel) vor kurzem erst den Wert der Sexualität erkannt haben und nun die Theologie der Ehe mit der pseudowissenschaftlichen Mentalität eines Van de Velde, Mantegazza oder gar eines Oswald Kolle „verarbeiten“ und überall über die Liebe blöken oder gurren, gäbe es viel zu schreiben und viel zu lachen, wenn die Konfusion, die sie mit solchen Vereinfachungen in unserer ohnedies schon genug erotisierten Welt erfolgreich verbreiten, nicht so peinliche Folgen hätte.
Aus den nun „mündigen“ Christen, den weiland alten Kerzenschluckern, möchten die neugebackenen aufgeklärten Priester Pillenschlucker machen, damit sie die „vollkommene Ehe“ erleben und aus dem Kadaver-Gehorsam in tumorhafte personale Gewissenhaftigkeit überwechseln können. Von der Vereinfachung des alten Klerikalismus schwenkt man hinüber zu dieser anderen Vereinfachung einer amtlosen, in die neuentdeckte Luft des allgemeinen Priestertums verflüchtigten, eheliebes-durstigen Geistlichkeit.
Warum muß der weltliche Gläubige nach Ansicht der Kleriker immer etwas „schlucken“? Zuerst klerikal, taubstumm, kastriert; jetzt, als mündige, weltbejahende, verantwortliche und erneuerte (wie hohl klingen diese Worte nach so viel Aufschneiderei!) Götzendiener engstirnigsten Fortschrittsglaubens.
Die Einfachheit, die dringend wieder zu lernen ist, schließt jede Naivität ebenso aus wie jeden Schwachsinn und jede Unwissenheit. Sie überwindet Bequemlichkeit und künstliche Bescheidenheit, entzieht sich aber gleichzeitig jeder Kompliziertheit des Verstandes und des Herzens. Menschen, die das Herz immer mit verwickelten Gefühlen beladen haben, an allerlei Komplexen leiden, bei allen Fragen Haarspaltereien betreiben, sich nie offenherzig zeigen, sondern im Gegenteil alles einer mißtrauischen und pedantischen Prüfung unterziehen möchten, weil sie nirgendwo die ersehnte absolute Sicherheit finden; labyrinthische Herzen und Hirne, die nur Umwege gehen, sich nur schwer ausdrücken können und hinter jeder Kleinigkeit ungeheure Probleme entdecken - sie müssen sich bekehren, völlig umgestalten, um die Einfachheit wahrer Menschlichkeit zu gewinnen, um - sagen wir es frei heraus - die Einfachheit der Gotteskinder zu erreichen.
Einfach, weil eins

Eine recht gesinnte Erziehung, die den Reifungsprozeß fördert, besteht größtenteils darin, daß sich der Mensch von jeder Kompliziertheit freimacht, in einer fortschreitenden Entwirrung aller psychischen und geistigen Verwicklungen. Dies bedeutet aber weder banausenhafte Banalisierung der menschlichen Fragen und Schwierigkeiten noch spießerische Tugendmitte zwischen unangenehmen Gegenpolen, sondern ein Sich-Erheben auf den Gipfel einer einheitlichen, geordneten, persönlichen und kollektiven Wertskala, in der jedes Ding, jede Situation, jedes Schicksal anschaulich das ihr eigene Gewicht, die eigene Größe, die eigene Freude und den eigenen Schmerz zeigt und trägt.
Diese Einfalt nimmt teil an der göttlichen Einfachheit, die eben höchste, blendende Weisheit ist. Deshalb übersieht echte Einfachheit keinesfalls die Schwierigkeiten unserer existentiellen Fragen, bremst keinen menschlichen Einsatz, erspart uns kein mühevolles Forschen und verfällt nicht - volles Vertrauen in den letzten Grund des Lebens hindert sie daran - in hamletartiges Schwanken, in ewiges Alles-in-Frage-Stellen jener neurotischen Gemüter, die alles für tief und höchst intellektuell halten, was kompliziert ist, und als inspiriert und genial bezeichnen, was nach Pirandello-Haltung und trüber Gesinnung aussieht.
Die Einfachheit der Grundeinstellung und unseres Verhaltens, der Vernunft und des Herzens bildet einen Aspekt der Lebenseinheit, die jede Zersplitterung und Zerstreuung vermeidet. Wenn das Dasein Sinn und Ziel der eigenen Grundstruktur nicht nur erkennt, sondern vor Augen behält, ist es imstande, sich von einer Menge falscher Bedürfnisse loszusagen - es vollzieht sich die Einswerdung aller menschlichen Dimensionen: Simplex quia unus - einfach weil eins, wie die Alten sagten.
Da entsteht echte Anspruchslosigkeit, welche Freiheit ist, nicht Ichhaftigkeit, nicht geballte Selbstbeherrschung, sondern vielmehr Schlichtheit, die das große Theater der Welt und das Doppelleben des Tugendboldes mit all seinen Kompliziertheiten verbannt und die - auf bloß menschlicher Ebene - die Verwandte jener Kindlichkeit ist, der vom Gottmenschen versprochen wurde, daß sie die Tür des Himmels öffnen wird.
Daher drückt sich Einfachheit auch in Aufrichtigkeit aus, die sich nicht von Schnörkeln der Erwachsenenlügen verführen läßt, sondern dem Übel ins Auge sieht, das die reine Wahrheit mit sich bringen kann. Nicht selten erweisen vereinfachende Mythologisierungen und futuristische theologische Reden ihre enge Verwandtschaft durch einen furchtsamen Mangel an Aufrichtigkeit, durch den „Törichtes“ und „Ärgerniserregendes“ am Glauben verschleiert werden soll zugunsten jener jüngst errungenen Weltoffenheit, die einen ehrlichen, engagierten Atheisten nie überzeugen wird, wie Hans Urs von Balthasar in seinem erfundenen Dialog „Wenn das Salz dumm wird“ scharfsinnig und schwermütig beschrieben hat.
Für die exponierte, klare Einfalt der menschlichen Weisheit und gegen die tödliche Naivität eines in weltliche Vergänglichkeit opportunistisch verstrickten Fortschrittsglaubens haben sich nicht nur die größten Gestalten des Christentums eingesetzt, sondern alle Meister menschlichster Menschlichkeit, von Lao-Tse bis Rainer Maria Rilke, der eines Tages schrieb:
„... sie sagen: mein

zu allen Dingen, die geduldig sind.

Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift,

und sagt: mein Baum.

Sie merken kaum

wie alles glüht, was ihre Hand ergreift.“
Aufrichtige, eindeutige, lebensnahe Einfachheit könnte sich die Worte des dänischen Denkers Jensen zu eigen machen: „Nie hat ein Moloch Sklavenseelen so in Zucht gehalten wie der moderne Kommandoruf Fortschritt. Selbst die Angelsachsen, von denen der Begriff common sense doch stammt, beugen sich willig der Peitsche; denn man will lieber nackt über die Straße gehen als dumm sein, gerade wie der liebe alte Kaiser im Märchen.“
(© Johannes B. Torelló)
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Zum Autor

Johannes B. Torelló wurde 1920 in Barcelona geboren. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Promotion in Theologie. 1967 übersiedelte Prof. DDr. Torello nach Wien, wo er nunmehr als österr. Staatsbürger auf Wunsch von Kardinal Dr. König heute als Rektor der Kirche St. Peter in Wien tätig ist.
Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen).
Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.:
Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.
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