Der unentbehrliche Papa

Der unentbehrliche Papa
Wissenschaftlich erwiesen: Kinder brauchen nicht nur zwei Elternteile sondern eine Mutter und einen Vater - In den letzten Jahrzehnten wurden Väter entweder zu einem „optionalen Extra“ für alleinerziehende Mütter oder der „wichtige zweite Elternteil“ in bürgerlichen Familien, in denen die Mutter auch erwerbstätig ist. Aber ist es nur eine Frage ob überhaupt ein Elternteil die Erziehung übernimmt, oder tun Väter etwas für ihre Kinder, das nicht zu ersetzen ist? Dieses Interview von MercatorNet mit Professor David Eggebeen von der Staatlichen Universität von Pennsylvania gibt hier einige Antworten.
Übersetzung des Mercatornet-Interviews "The indispensable Dad" mit David Eggebeen. Ins Deutsche übertragen von Simone Rüssel.
---
MercatorNet (MN): Die Rolle der Väter bei der Kinderbetreuung und im Haushalt ist derzeit ein heißes Eisen, da so viele Mütter berufstätig sind. Aber gibt es nicht mehr Gründe dafür als nur „geteilte Elternzeit“?
David Eggebeen (DE): Sicherlich. Meine Arbeit beschäftigt sich mit Vaterschaft auf zwei verschiedene Arten. Erstens, wie es fast alle anderen auch tun: Was tut der Vater für die Kinder?
Wie wichtig sind Väter für das Leben der Kinder? Aber meine derzeitige Arbeit beschäftigt sich mit einer weiteren Frage: Tragen Väter etwas Einzigartiges zur Entwicklung der Kinder bei? Mit anderen Worten: gibt es etwas, das Väter auf den „Erziehungstisch“ bringen, was die Mutter nicht einfach ersetzen kann, und was ist davon zum Wohle des Kindes notwendig und kann nicht in gleicher Weise durch „beide Elternteile“ gegeben werden?
Anders gesagt: Brauchen Kinder sowohl Mutter als auch Vater? Man kann argumentieren, dass Väter wichtig sind für ihre Kinder, aber wenn Väter nur „mehr Zeit mit Eltern“ bringen, dann ist es egal, ob die Eltern männlich oder weiblich sind. Daher müssen wir herausfinden, ob Väter eine essentielle Rolle bei der Erziehung der Kinder spielen. Diese Frage gewinnt an Interesse.
Sie ist durchaus umstritten; was logischerweise an den Folgen hängt. Der Grund dafür, warum diese Frage umstritten ist, liegt natürlich darin, dass sie nicht nur beinhaltet, dass zwei Elternteile für Kinder am besten sind, sondern dass es den Kindern am besten geht, die sowohl Vater als auch Mutter haben. Dies hat Folgen für die drängenden Fragen wie „gleichgeschlechtliche Ehen“ und Adoption und die Folgen, wenn Kinder in solchen Familien aufwachsen.
MN: Und was zeigen Ihre Forschungsergebnisse?
DE: Meine jüngsten Forschungen zeigen, dass Kinder, sowohl Mädchen als auch Jungen, zusätzliche Vorteile durch ihren Vater haben. Väter setzen nicht einfach die Arbeit der Mutter fort, sondern es zeigt sich, dass Väter etwas Einzigartiges beitragen.
Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist, dass Väter eher mit ihren jüngeren Kindern – Babies und Kleinkindern – raufen oder toben, sie werfen sie in die Luft, kitzeln sie usw., oft ziehen sie sie auf bis es den Müttern manchmal zu viel wird. Entwicklungspsychologen sehen das positiv, weil es den Kindern hilft, ihre Emotionen besser zu regulieren, und das ist ein sehr wichtiger Schritt in der Entwicklung.
Wenn die Kinder etwas älter werden, werden sie mit vielen Situationen konfrontiert, in denen ihre Gefühle hochkochen und dieses Herumtoben bereitet sie darauf vor: wie beruhigt man sich wieder, wie kommt man wieder runter – all das ist wichtig, sobald die Kinder in die Schule kommen, denn dann müssen sie in der Lage sein, sich zu beruhigen und sich auf die Aufgaben zu konzentrieren, um gut lernen zu können. Das ist etwas, das Väter eher machen als Mütter.
Meine eigene Forschung zeigt, dass Väter ihre heranwachsenden Kinder auf einzigartige Weise beeinflussen. Wenn der Vater eine schwache Beziehung zu seinem Kind in diesem Alter hat und wenig mit ihm unternimmt, und wenn er noch dazu einen niedrigen Bildungsstand hat, kommt es häufiger vor, dass männliche und auch weibliche Jugendliche Anzeichen einer Depression zeigen – ungeachtet der Person und Stellung der Mutter. Es gibt einen ähnlichen Zusammenhang bei der Jugendkriminalität.
MN: Wie beeinflusst das Vatersein die Männer – werden sie besser?
DE: Ich habe mir diese Frage auch gestellt. Im ersten Teil meiner Untersuchungen habe ich eine Menge Daten zusammengestellt, die belegen, dass dem so ist; in meiner neueren Forschung habe ich mich mit den Gründen beschäftigt. Man kann z. B. einen Zusammenhang herstellen zwischen Vaterschaft und Kirchenbesuch. Aber ist das auf die Tatsache zurückzuführen, dass religiöse Männer häufiger Vater werden, oder führt das Vater werden dazu, dass die Männer eher ein religiöses Verhalten zeigen? Ich versuche das zu entwirren.
Ergebnisse? Grundsätzlich kann man sagen, dass es deutliche Unterschiede zwischen den Männern gibt, die Vater geworden sind, vor allem solchen, die sich sehr um ihre Kinder bemühen, und Männern, die keine Väter sind. Diese Unterschiede zeigen sich in ihrem Sozialleben. Männer, die keine Väter sind, organisieren ihr Sozialleben eher in Freizeitbeschäftigungen: sie treiben Sport, gehen in Kneipen, treffen ihre Freunde.
Väter – vor allem die engagierten – neigen eher dazu, die Zeit mit ihren Freunden oder in Kneipen zu reduzieren. Sie verbringen mehr Zeit in Kirchen und Einrichtungen, die ihren Kindern zugute kommen – Elternabende, Pfadfindergruppen; sie leiten Jugendgruppen oder trainieren eine Sportmannschaft, in der ihre Kinder sind. Sie verbringen mehr Zeit mit ihrer erweiterten Familie, d. h. mit eigenen und Schwieger-Eltern.
Sie verhalten sich auch am Arbeitsplatz anders – sie sind seltener krankgeschrieben, seltener arbeitslos, und gewöhnlich sind sie bessere Mitarbeiter. Das kann darauf zurückgeführt werden, dass sie sich sagen: „Ich bin Vater, ich muss verantwortungsvoller sein.“ Und da sie oft die Hauptverdiener sind: „Ich muss mich mehr um meine Familie kümmern, ich muss mehr verdienen.“ Diesen Effekt nennen die Wirtschaftswissenschaftler „Gehaltsbonus“. Der Gehaltsbonus für verheiratete Männer gegenüber ledigen Männern ist bekannt, aber es scheint noch einen zusätzlichen Bonus für Väter zu geben.
MN: Einige Forschungen zeigen, dass das allgemeine Wohlbefinden der Eltern steigt, wenn ein Kind unterwegs ist. Können Sie bestätigen, dass sich die Väter dann wirklich besser fühlen?
DE: Wir haben einige Parameter des subjektiven Wohlbefindens untersucht, mit dem Ergebnis, dass es wirklich keinen Unterschied gibt zwischen Männern, die Väter sind und solchen, die kinderlos sind. Wenn sie die Männer fragen: „Sind sie alles in allem zufrieden mit ihrem Leben?“ antworten diese beiden Gruppen nicht wirklich unterschiedlich. Andere Wissenschaftler, die eine genauere Statistik führen, können Unterschiede feststellen, dahingehend dass Väter glücklicher sind.
Meine Interpretation meiner eigenen Daten ist, dass es eine Mischung aus positiven und negativen Veränderungen für einen Mann gibt, sobald er Vater wird. Einige Dinge werden anstrengend und andere wiederum tun ihm gut, und so gleichen sie sich wieder aus. Interessant ist jedoch die Tatsache, dass Väter von schlechterer Gesundheit sind als kinderlose Männer. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass der Vater eine zusätzliche Verantwortung trägt und die finanzielle Belastung mit Kindern höher ist.
MN: Man kann also sagen, dass Väter einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung ihrer Kinder leisten. Nun gibt es aber einen ideologischen Ruck in Richtung einer „symmetrischen“ Verteilung der häuslichen Aufgaben, in der Männer und Frauen sich alle Arbeiten gleichmäßig teilen. Bedeutet das nicht einen Verlust der speziellen Begabung jedes einzelnen?
DE: Die Erwartungen der bürgerlichen Familien in den USA, wie wohl auch in Europa, an die Väter haben sich von einer engen Rolle als Brötchenverdiener zu einem größeren Engagement für die Kinder gewandelt – sowohl was das Spiel mit ihnen, aber auch die Verantwortung für sie angeht. Sie sollen sich um ihre Gesundheit kümmern und zu Elternabenden gehen, um die schulische Umgebung ihrer Kinder kennenzulernen. Sie sollen nicht einfach sagen: „Darum kümmert sich meine Frau.“
Beweise dafür können sie überall finden: Sie gehen auf eine Herrentoilette und finden dort einen Wickeltisch vor. Vor 20 Jahren hätte das keinen Sinn gemacht. Sie können heute in die konservativste Kirchengemeinde gehen und dort die Kinderbetreuung besuchen und werden dort Väter mit ihren Kindern antreffen – vor 20 Jahren hätte man nur Frauen gebeten, sich um die Kinder zu kümmern.
Die sozialen Veränderungen und Erwartungen sind sehr weit greifend und haben soziale Gruppen erreicht, die ziemlich immun gegen derartige kulturelle Kräfte schienen.
Die Veränderung ist ungleich und komplex. Ungleich in dem Sinne, dass es bei den Männern jene gibt, die sich um die Kinder aus ihrer Ehe kümmern und jene, die sich von ihrer Frau scheiden lassen und ihre Kinder verlassen. So gibt es zwei Gruppen von Vätern – Männer, die sich sehr um ihre Kinder bemühen und Männer, die sich nicht für ihre Kinder verantwortlich fühlen.
Aber selbst jene Männer, die sich bemühen, sind nicht in gleicher Weise eingebunden wie die Mutter; es gibt viele Ähnlichkeiten in der Art ihrer Erziehung aber auch Unterschiede in der Art und Weise Dinge zu tun und der dafür aufgewendeten Zeit.
Derzeit gibt es Berichte über Väter, die weniger arbeiten oder ihren Beruf aufgeben und Hausmänner werden, aber es wird über sie berichtet, weil es noch unüblich ist und nicht weil sie Vorreiter einer sozialen Veränderung sind.
So bleiben viele Männer dabei, in erster Linie das Geld zu verdienen, wobei sie sich trotzdem für ihre Kinder engagieren, oft auf Kosten ihrer Freizeit. Aber ihre Frauen sind meistens diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, selbst wenn sie noch wenigstens teilweise berufstätig sind. Untersuchungen haben ergeben, dass diese „Anpassungsstrategie“ am weitesten unter den verheirateten Paaren mit kleinen Kindern verbreitet ist.
---
David Eggebeen ist Privatdozent für menschliche Entwicklung im Fachbereich Menschliche Entwicklung und Familie an der Staatlichen Universität Pennsylvania. Seine Forschungen beschäftigen sich mit Aspekten zum Thema Familie.
Das Originalinterview finden Sie hier: The indispensable dad
Taxonomy upgrade extras: