„Outgesourcte“ Elternschaft in Schweden

„Outgesourcte“ Elternschaft in Schweden
Ist dieses Land wirklich ein Modell guter Familienpolitik?Während einer Reise nach Kanada lernte ich, dass viele Kanadier mein Heimatland Schweden als ein Modell guter Familienpolitik ansehen. Sicher hat Schweden ein allen zugängliches, steuerfinanziertes Kindertagesstättensystem, was eine OECD-Studie 2006 mit einem ersten Platz auszeichnete, während Kanada sich mit dem letzten Platz begnügen musste. Tatsächlich wird das schwedische Modell international gepriesen, ermöglicht es doch umfassende und erschwingliche Tagesbetreuung, Geschlechtergerechtigkeit und einen hohen Anteil Frauen in Arbeitsverhältnissen, doch das ist nur die halbe Story.
von Jonas Himmelstrand ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Die andere Seite der Medaille

Es stimmt, dass die Elternzeit in Schweden mit 16 Monaten großzügig bemessen ist. Es gibt keine Säuglinge in Tagesbetreuung. Wenn jedoch die Elternzeit endet, werden praktisch alle (92%) Kinder zwischen 18 Monaten und fünf Jahren in die Tagesbetreuung übergeben. Die Kosten hierfür sind rein symbolisch, der Staat unterstützt die Betreuung mit ca. $20,000 pro Kind und Jahr. Die Besteuerung in Schweden zählt zur höchsten weltweit, das Steuersystem wurde so gestaltet, dass beide Elternteile gezwungen sind, sich Arbeit zu suchen.
Studien weisen aus, dass die meisten Schweden gern eine Unterstützung hätten, die ihnen erlauben würde, ihre Kinder bis zum vierten oder fünften Jahr zu Hause zu betreuen. Die 2006 gewählte Mitte-Rechts-Koalition hatte dies im Wahlkampf versprochen. Nach der Wahl jedoch führten politische Kompromisse zu einer Unterstützung, die gering, schwierig zu beantragen und nicht durch einen Rechtsanspruch gesichert war; lokale Behörden entscheiden, ob sie gewährt wird oder nicht. Nur etwa 30% der schwedischen Gemeinden bieten sie an.
Es stellt sich auch die Frage nach dem sozialen Tribut, den das System einfordert. Schweden bietet seit 1975 ein umfassendes Betreuungsangebot an; seit den frühen 1990er Jahren nimmt man in punkto Gesundheit und Benehmen vermehrt Negativeffekte bei Kindern und Heranwachsenden wahr. Wiewohl eine direkte Kausalität schwer zu belegen ist, sehen viele Kinderärzte in Schweden die mangelhafte Einflussmöglichkeit der Eltern nach den ersten 16 Monaten als Hauptursache. Psychosomatische Funktionsstörungen und psychische Probleme eskalieren bei Jugendlichen in Schweden schneller, als bei Vergleichsgruppen in anderen europäischen Staaten. Bei den Mädchen haben sich die Störungen im Lauf der letzten 25 Jahre verdreifacht. Bildungserfolge schwedischer Schulen, die vor 30 Jahren noch die Liste der OECD anführten, sind nun im unteren Mittelfeld angesiedelt. Verhaltensauffälligkeiten in schwedischen Klassenzimmern zählen zu den Schlimmsten in ganz Europa.
Die Folgen der Tagesbetreuung

Dies ist keine Überraschung. Wenn eine ganze Generation ohne Erziehung heranwächst, verflüchtigen sich die Fähigkeiten eben. Eine von der EU geförderte Studie zeigte, dass vielen Eltern der Mittelschicht die Fähigkeit mangelt, Grenzen zu setzen und sie kein Gespür entwickeln, welche Bedürfnisse ihre Kinder haben.
Kürzlich untersuchte eine Rundfunkanstalt die Situation der Tagesbetreuung in Schweden. Eltern, Psychologen und Betreuer zeigten sich tief besorgt. Trotz bester Finanzierung wachsen Gruppengröße und Kind-/Betreuer-Verhältnis an. Ein erfahrener Vorschullehrer erinnerte daran, dass 1980 eine Gruppe von 10 Kleinkindern von vier Erwachsenen betreut wurde. Bei älteren Kindern lag das Verhältnis bei fünf Kindern pro Betreuer. Nach der schwedischen Finanzkrise vor 20 Jahren verschlechterte sich die Situation. Heute kommen im Schnitt 17 Kinder auf drei Betreuer, bei den älteren Kindern liegt das Verhältnis bei 10:1. Krankheitsbedingte Ausfälle werden nicht ersetzt. „Wir können heutzutage keine qualitätsvolle Betreuung sicherstellen“, so die klare Aussage eines Lehrers. Nur eine Person behauptet noch, dass das schwedische Modell höchste Qualität sicherstellt: die schwedische Ministerin für Integration, Erziehung und Geschlechtergleichstellung, Nyamko Sabuni.
Die geschilderten Probleme sind nicht durch Armut oder soziale Spannungen verursacht. Schweden ist reich, der Reichtum ist gleichmäßig verteilt, Kinderarmut ist niedrig, Kindersterblichkeit ist die Geringste weltweit und das Land lebt seit 1809 im Frieden. Die Probleme haben ihre Ursache in einer Familienpolitik, die den Eltern weder genügend Zeit, noch Energie und Gelegenheit lassen, mit ihren Kindern stabile und gesunde Beziehungen aufzubauen.
Staatlich organisierte Kindererziehung lässt sich nicht als Erfolg bezeichnen. Einfach gesagt, sind Eltern durchaus bereit, mehr Opfer für die eigenen Kinder zu bringen als eine Regierung, für die Erziehung nur ein Budgetposten ist. Die Kanadier sollten sich angesichts aller verfügbaren Fakten gut überlegen, ob Schweden wirklich ein so gutes Modell für Kinderbetreuung darstellt.
Dieser Beitrag wurde in der National Post: Präsentation am 5. Mai 2011 über schwedische Familienpolitik von Mr. Himmelstrand auf der Konferenz des HYPERLINK "" Instituts für Ehe und Familie in Kanada publiziert.
Kurzinterview mit Jonas Himmelstrand

MercatorNet stellte dem Autor noch einige Fragen zum Zusammenhang zwischen Regierungspolitik und Niedergang der Ehe in Schweden:
MN: Ein kürzlich veröffentlichter OECD-Report zeigt, dass in Schweden über 50% der Kinder außerhalb familiärer Beziehungen geboren werden. Wächst der Anteil unehelicher Beziehungen weiterhin in Ihrem Land?
Himmelstrand: Die mir vorliegenden Zahlen zeigen, dass die Eltern von Kindern im Alter von 0-17 Jahren, die zu Hause leben, zu 56% verheiratet sind. 23% der Eltern leben ohne Trauschein, 15% sind allein erziehende Mütter und 3% allein erziehende Väter. Tatsächlich sind Eheschließungen durchaus im Trend, doch im säkularen Schweden bedeutet das wenig. Einige Ehepaare haben ihre eigene Interpretation des Eheversprechens und Scheidung ist sehr einfach durchzusetzen.
[Anmerkung des Verfassers: Forschungen von Professor Brad Wilcox und anderen in den USA zeigen, dass religiöse Praxis einen starken Einfluss auf Qualität und Stabilität der Ehe hat.]
MN: Beziehungen ohne Trauschein sind meist weniger dauerhaft als Ehen. Trifft dies auch für Schweden zu?
Himmelstrand: Wiederum bezogen auf die Gruppe der Kindern im Alter 0-17 Jahren, die zu Hause leben, beträgt die Trennungsrate bei verheirateten Paaren 2,48% und 4,76% bei Paaren, die ohne Trauschein zusammen leben. In der Tat, unverheiratete Paare trennen sich etwa zweimal häufiger; dies gilt im Übrigen für alle Jahre von 2005 bis 2008.
MN: In welcher Weise ist die Schwächung der Familie in Schweden mit der Rolle des Staates bei der Kinderbetreuung in Verbindung zu bringen?
Himmelstrand: Ehen sind heute weniger stabil, weil der Staat ihnen einen großen Teil der Verantwortlichkeit abgenommen hat. In diesem Sinn ist das umfassende System der Kinderbetreuung Ursache für die familiäre Entwicklung in Schweden. Ohne starke Eltern-Kind-Beziehungen entwickelt sich eine Familie anders, als da, wo diese Beziehungen ausgeprägt sind. Ich bin überzeugt, dass Familienbande dort stärker sind, wo Familien zusammenleben und weniger stark, wo Kinder einer Tagesbetreuung überantwortet werden, habe allerdings kein Zahlenmaterial, dies zu belegen.
Jonas Himmelstrand ist Autor und Gründer des Mireja Institute.
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