Mutters family-report. - Ein Weihnachtsbrief

Mutters family-report.  - Ein Weihnachtsbrief
Ihr Lieben, noch zwei Wochen bis zum Weihnachtsfest! Wir atmen ganz ruhig und tief aus. Leider haben wir vieles noch nicht im Griff und sind auch nicht völlig entspannt. Und ihr? Ihr habt euer Haus noch nicht im neuesten Trend Silber, Lila oder Naturtöne dekoriert? Meine Kinder befinden sich in der psychologischen Fest-Notfallambulanz. Sie müssen verkraften, dass ihre Mutter sich nur mäßig weihnachtlich einbringt. Aber keine Sorge: wir freuen uns trotzdem auf diese wunderbaren Tage, deren Botschaft wir oftmals zu vergessen scheinen vor lauter Organisation, Perfektion und dem Wahn, Haus, Hof, Familie und Job durchgestylt unter den Weihnachtsbaum zu packen.
von Judith Andreae
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Am liebsten hätte ich, wie ich bekenne, in diesem Jahr auf Gezier verzichtet und stattdessen – wie ich es mir am Sonntag erlaubte – nur noch auf dem Sofa liegend verbracht, Wolldecke um mich geschlungen, Plätzchen essend, um das traditionelle Weihnachtsmärchen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ (von 1973) schluchzend zu schauen. Ehrlich! Welche Wonne, Vergnügen, Balsam für Seele und Wohlbefinden! Lästert ruhig - ich stehe dazu. So ein bisschen „schlampert“ sein zwischendrin tut so gut. Klar klappt alles auf den letzten Drücker. Nun höre ich aber auf, schlechten Einfluss auf euch auszuüben... Ach ja, bevor ich es vergesse: uns geht es gut. Wir sind allesamt gesund und genießen unser Dasein.
Romy (7), frisiert sich zum offiziellen Klaviervorspiel die Haare, die daraufhin recht grottig und zottelig am Kopfe baumeln. Die Mutter schlägt diplomatisch, freundlich vor, daraus eine richtige Frisur zu knüpfen, Doch mit der ihr eigenen Souveränität und Selbstsicherheit meint Romy nur: „Nein – meine Haare sind gut!“ OK – dem kann ich zähneknirschend nichts hinzufügen. Über die Schule erfahren wir von ihr auch nicht viel. Frau Wiese-Nagel, diese begnadete Pädagogin, bekräftigt Romy. „Frau Andreae, ich melde mich, wenn etwas nicht in Ordnung ist, sonst noch Fragen?“ Glücklich sind wir, dass unsere Jüngste mit Begeisterung schwimmt. Ich zur gleichen Zeit auch – im Elternbecken. Bald wird Romy schneller sein. Netterweise erklärt sie ihrer Mutter abends ein paar technische Kniffe. Highlight der Woche ist für sie nach wie vor die Malstunde bei Peter Tutzauer.
Wir hatten schwer gehofft, dass Louis (14) - seit September in seinem englischen Internat St. Bede´s - sich zum kleinen Lord mausert. Stattdessen hat er sich zum Business-Mann entwickelt. Neben Sport ist „Business-Studies“ sein Lieblingsfach. Das beherrscht er nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Die von uns geschickten Haribotüten - damit der Junge nur ja nicht verhungert - setzt er für Tauschgeschäfte ein oder versteigert sie meistbietend an den hungrigsten Mitschüler mit dem größten Portemonnaie. Ich schäme mich ein wenig, wie ich zugebe. Denn das ist nicht gerade christlich, nach Louis Meinung aber durchaus sozialmarktwirtschaftich verträglich. So tauschte er gegen eine Tüte Gummibärchen und eine Stange Maoam ein paar astreine, neue Fußballschuhe ein. Dem Klassenkameraden waren sie angeblich zu klein. Ich versank beim Skypen im Boden und flehte ihn an, doch bitte noch einen Schokoladennikolaus „oben drauf zu legen“. Einem unterzuckerten Mitschüler muss man doch ohne Gegenleistung etwas zu essen anbieten. Mein Gott, was hat der Junge bloß bei uns gelernt? „Nein“, befindet Louis, „die geben mir alle gerne und freiwillig Sachen und Geld.“ Jetzt höre ich lieber auf mit Geschichten aus Englands freier Marktwirtschaft. Ansonsten lernt er aber sehr fleißig und macht unermüdlich Sport. Er stellt uns in Aussicht, ein Scholarship zu bekommen. Wahrscheinlich hat er den verantwortlichen Lehrer bereits mit Haribo bestochen.
Unsere Katja (17) ist seit dem Sommer wieder bei uns. Drei Stunden nach ihrer Rückkehr dachte ich, sie sei nie weg gewesen. Erst nach Monaten wurde mir klar, wie sehr Amerika sie verändert hat, wie erwachsen sie geworden ist, wie sehr sie sich von uns gelöst hatte, um dann doch wieder zurückzufinden in den Familienschoß. Alles in allem kein einfacher Prozess: Entdecken, wie vielfältig, aufregend und bereichernd andere Welten sind, und spüren, dass die Prägungen durch Familie und Heimat immer bestehen bleiben.
„Wir haben erst ausgelernt, wenn alle Finger der Hand gleich lang sind!“ Den Spruch habe ich bei meiner Grundschulreligionslehrerin Schwester Regia gelernt und bis heute nicht vergessen. Ab und an hat mich diese Weisheit gefrustet. Aber immerhin stellt sie uns auf die gleiche Stufe mit den Kindern: Wir müssen ALLE unser Leben lang lernen – ätschi! Katja lernt sehr gern und saugt alles auf wie ein Schwamm. Natürlich hat sie Präferenzen, die da heißen Geschichte, Deutsch und alle Sprachen. Bei Mathe und Naturwissenschaften lässt die Wissbegierde etwas nach. Sie schlägt sich aber wacker. Sie spielt wieder Tennis bei Grün-Weiß. Das Saxophon hat sie seit USA noch nicht aus der Ecke geholt. Stattdessen aber ihre Liebe zum Klavier reaktiviert. dank Nikola Dimitrov, dem Pianisten bei der jüngsten Ausstellung in meiner "Kunstvilla".
Bei Gesine (19) sind die Talente anders gelagert. Witzigerweise hat sie ein Faible für alles Mathematische. Sie trägt sich mit dem Gedanken, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und BWL zu studieren. Halt – ich vergaß: Erstmal will sie die Welt erkunden. In der 11. Klasse hatte sie dazu noch keine Lust. Sie steuert jetzt sicher auf das Abi zu. Stressattacken sind für uns bislang nicht sichtbar geworden. Sie arbeitet vor sich hin und wir nehmen gern die guten Noten zur Kenntnis. Seit einem Jahr fährt sie unfallfrei meine alte Rostbeule, spielt nach wie vor gerne Volleyball und trifft sich ausgiebig mit Freunden, seit kurzem vor allem mit Freund Tim. Während Katjas Abwesenheit hat sie mich toll in der Kunstvilla unterstützt. Genau wie Katja kümmert sie sich liebevoll um die kleine Schwester, wenn Mutter mal wieder in Sachen Kunst unterwegs ist.
Tobias, mein trauter Gatte (kaum graue Haare), ist in diesem Jahr glücklich bei der Firma in Bochum gelandet. Mitarbeiter und Geschäftsführungskollegen sind kompetent, nett und teamfähig. Die Fahrerei ist nicht amüsant. Nach langen Arbeitstagen steht dort eine kleine Bude zur Verfügung, die unser väterliches Familientier mit Stalldrang allerdings höchst ungern bewohnt. Zudem „lockt“ ihn ja auch die Arbeit im Presbyterium der Erlösergemeinde, wo der Gatte gut und gerne Zeit verbringt – mit Engagement (wobei er mein gelegentliches Meckern überhört). Auch die Kinder wissen: Dass Papas Auto in der Woche vor der Türe steht, heißt noch nicht unbedingt, dass er den Abend zu Hause verbringt. Aber wie meine dänische Freundin Lis sagen würde: Schwamm drüber! Ansonsten muss mein Mann sich zwangsweise ab sofort im Fitnessstudio betätigen. Mehr als Tobias' Geist verlangt der schwache Rücken danach. Ich bin überzeugt, er versetzt demnächst sein Umfeld mit einem beeindruckenden Six-Pack in Erstaunen ("in Extase" will ich nicht sagen).
Judith (Berichterstatterin) arbeitet fleißig in und um die Kunstvilla. Die Galerie bekannt zu machen, habe ich mich bemüht. Sollte noch jemand von euch die Kunstvilla nicht kennen, packe ich sofort ein. Jedoch steht der Entschluss fest, zum Jahresende die Galerietätigkeit aus unserem Privathaus auszulagern. Die Ausstellungen und Aktivitäten im Haus sind für die Familie nicht immer einfach zu tragen und plagen mein schlechtes Gewissen. Also sind wir alle auf der Suche nach einer coolen Kunstvilla-Bleibe anderswo – natürlich für kleines Geld, beste Lage, bester Zustand. Wer von einer solchen Location hört, bitte her mit den Infos.
Meine sportlichen Aktivitäten beschränken sich – leider, Zeit ist knappes Gut – aufs Gassigehen. Yoga und Schwimmen schreien nach mehr. Nach meinem letzten Geburtstag kam mir die Idee (typisch kreativer Wassermann), ein Netzwerk für Frauen zu gründen. Über dessen Geburt bin ich besonders glücklich. Gemeinsam mit Friederike – sie baut nicht wie ich Luftschlösser, sondern betreibt ein reales Traumhotel mit Stern – basteln wir im Team mit Tatjana und Dorothee an der Vervollkommnung und der perfekten Organisation. Mittlerweile sind wir 119 Frauen – Tendenz steigend. Ihr dürft beeindruckt sein!
Lennie, unser Vierbeiner, ist nach wie vor unser und aller Villenviertelbewohner, Kottenforst-Spaziergänger und Basteipark-Anrainer Liebling. Die Liste der Leute, die ihn gerne mal wochenendweise oder für die Ferien buchen möchten, wird immer länger. Ich gebe zu, dass ich nach wie vor oftmals fluche, wenn ich gerade an sehr hektischen Tagen den Gassigang gemeinsam in den knapp bemessenen Tag einbauen muss. Dann habe ich festgestellt, dass es sich im Wald ganz wunderbar telefonieren lässt. So werden denn viele Gespräche in gesündester Umgebung geführt.
Was hat unser Leben noch zu bieten? In unserer „Hütte“ ist es – trotz funktionierender Heizung – derzeit "moppig kalt". Pullover, Jogginghose, Wärmflasche und die Kaschmir-Decke gehören zum derzeit abendlichen „Winter-Erotik-Programm“. Da kommt echt Stimmung auf. Davon abgesehen ist mein größter Glücksmoment, wenn ich abends im Bett liege (nein, nicht das was ihr jetzt denkt) und ich weiß, dass alle zu Hause sind. Dann denke ich: Danke, lieber Gott, dass alles in Ordnung ist, alle gesund und beisammen sind. Häufiger treten diese Momente unbeschwerter Glückseligkeit erst am frühen Morgen ein, wenn ich nach unten gehe und sehe, dass unsere Zeitungen schon drinnen liegen. Da hat mal wieder jemand die erste Bahn aus Köln nach Hause genommen und ist zu Hause gelandet. Na, immerhin heil angekommen.
Der Sommer in Holland: Die Zeit war schön, aber im nächsten Jahr werden wir südliche Gefilde vorziehen. Über die Ziele sind wir uns nicht einig. Wie es aussieht, wollen aber alle mit. Gesines Geburtstagsgeschenk zum 18. – eine Woche New York – lösten Tobias und ich alleine mit ihr ein. Es war eine gigantische Zeit und gerade für die Landpomeranze Judith („In der Eifel ist es doch auch schön!“) offenbarten sich neue Horizonte. Trotz Flugangst und genereller Reiseunlust möchte ich so schnell wie möglich wieder nach NY – schließlich wohnt dort meine neueste Künstlererrungenschaft, der Fotograf J. Henry Fair.
Über alles und jedes wird im Hause Andreae zu jeder Mahlzeit heftigst diskutiert, debattiert, verhandelt, gemault und beschlossen. Die Eltern werden aufs Korn genommen, kritisiert, gescheucht. Manches Mal denke ich: „Ein Königreich für ein Schweigekloster!"
Mahlzeiten! Das Thema ist bei uns generell intensiv besetzt. Allgemeines Lästern über meinen Hackenporsche (Modell „Oma“). Mit dem Dienstags-, Donnerstags- und Samstagsmorgens bereits um 8:15 Uhr auf dem Rückzug vom Markt, mit der Brötchentüte unterm Arm und einem Strauß Blumen in der letzten freien Hand (ich gönne mir halt auch was), um für meine stets hungrige Familie die Obst-, Gemüse-, Fleisch- und Käserationen aufzufüllen. Lennie trabt brav nebenher, von den netten Marktleuten gestärkt mit Wurst und unzähligen Karotten. Zuhause wird dann gekocht, was das Zeug hält. Zuerst bin ich gefrustet, weil ich auch mal eine Küche betreten möchte, die so aussieht, als ob man nie darin arbeiten würde. Bei uns laden aber mittlerweile die Kinder zahlreiche Gäste zum Kochen oder Brunchen oder Waffelbacken ein. Rücksichtsvoll vorab die rhetorische Frage: Ihr wolltet doch heute Abend weggehen, oder?“ Wie liebe ich dann spät abends die Küche, wenn alles so richtig klasse klebt und pappt. Im übrigen läuft die Spülmaschine ununterbrochen und immer ist einer da, der sich beklagt, dass überhaupt gar nichts Gescheites zum essen da ist. Höchste Zeit, meinen Einkaufsporsche wieder vorzufahren.
Ja, ihr Lieben: Das Leben kann schön sein. Man muss nur alle Augenblicke ins richtige Licht zu setzen wissen. Dabei verlassen wir uns auf die Unterstützung der Familie, unserer Freunde und auf ganz viel Segen von oben, auf den wir vertrauen.
Ganz besonders denken wir alle in diesen Tagen an Tobias´ Bruder Philipp, der im April nach einer schweren Zeit bei seinen Freunden im Wohnheim der Lebenshilfe ganz still eingeschlafen ist. Seine Eltern haben seinen größten Wunsch erfüllt, neben seinem geliebten Opa Max begraben zu werden. In das Gedenken schließen wir die Freunde ein, die in diesem Jahr für immer von uns gegangen sind.
Wir wünschen euch von Herzen eine frohe, gesegnete Weihnacht, innere Zufriedenheit, Zuversicht und Gesundheit im Neuen Jahr.
Eure Judith
mit Tobias, Gesine, Katja, Louis, Romy – und Hundewunder Lennie
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Judith Andreae, 47, verheiratet, 4 Kinder (19/17/14/7), Gartenarchitektin und inzwischen Galeristin der "Kunstvilla" in Bonn, soweit nicht gerade als Familienmanagerin im Einsatz.
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