Deutschlands Defizit, oder: Menschenrechtsbildung ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft

 Menschenrechtsbildung ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft
Die Erziehung junger Menschen zu Bürgern, die ihre Rechte kennen und die Rechte anderer achten, steht im Zentrum jeder Pädagogik. Ganz besonders gilt dies für die elementaren Menschenrechte. Menschenrechtsbildung gehört auf den Stundenplan.
von Josef Bordat
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Das Weltprogramm der Vereinten Nationen für Menschenrechtsbildung
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte riefen die Vereinten Nationen ein „Weltprogramm für Menschenrechtsbildung“ (2005-2015) aus (UN Press Release GA/1010317), das sich durch eine höhere Verbindlichkeit auszeichnet und sich insoweit von der vorangegangenen „Dekade für Menschenrechtserziehung“ unterscheidet. Beim „Weltprogramm“ gibt es nun „Mindestanforderungen“, die jedes Mitgliedsland der VN erfüllen muss. Am 2. März 2005 legte der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, den Aktionsplan des „Weltprogramms“ vor (UN-Doc. A/59/525/Rev. 1). Im Mittelpunkt steht demnach die Menschenrechtsbildung in der Primar- und Sekundarschule, die unter folgenden fünf Aspekten gestaltet werden soll:
  • 1. Die Entwicklung einer partizipativen, menschenrechtsorientierten Bildungspolitik, die der Bildung der Lehrer und Ausbilder den Vorrang gibt, soll vorangetrieben werden;
  • 2. Dazu sollen Fortbildungsmaßnahmen ergriffen werden, die geeignet sind, Lehrern und Ausbildern das menschenrechtliche Wissen, aber auch das nötige Verständnis und die Kompetenz zu vermitteln;
  • 3. Die Realisierung und Implementierung bildungspolitischer Innovationen soll unter Beteiligung aller Akteure stattfinden;
  • 4. An den Schulen soll ein solidarisches, an den Menschenrechten orientiertes Klima herrschen, in dem Schülerinnen und Schüler frei ihre Meinung sagen dürfen und an den Entscheidung demokratisch beteiligt werden und
  • 5. Menschenrechtszentrierte Lehr- und Lernprozesse sollen durch die Entwicklung von entsprechenden Lehrplänen und Unterrichtsformen sowie die Bereitstellung geeigneter Mittel (insbesondere Lehrbücher) gefördert werden. Ob das „Programm“ erfolgreicher sein wird als die „Dekade“ bleibt abzuwarten. Und zu hoffen.

Menschenrechtsbildung an deutschen Schulen
Zahlreiche Studien der letzten Jahre weisen hierzulande gravierende Defizite in bezug auf das Thema Menschenrechtsbildung auf. Nach dem PISA-Schock scheint nun – in gewisser Weise konsequent – die bittere Erkenntnis zu stehen, dass das „Land der Dichter und Denker“ auch in der Menschenrechtsbildung nur noch zweitklassig ist. In ihrer empirischen Studie zur Menschenrechtsbildung kommen Claudia Lohrenscheit und Nils Rosemann zu dem erschreckenden Ergebnis, dass Deutschland diesbezüglich „etwa zehn Jahre hinter der internationalen Entwicklung zurück“ liegt (Claudia Lohrenscheit / Nils Rosemann: Perspektiven entwickeln. Menschenrechtsbildung in Deutschland. 2003, S. 17).
Erhebliche Defizite wurden hinsichtlich der Lehrmittel festgestellt. Eine Schulbuchanalyse in Baden-Württemberg, durchgeführt von Volker Druba, offenbart zahlreiche Mängel. So komme die Menschenrechtsthematik, wenn überhaupt, überwiegend als fakultativer, nicht als verpflichtender Lerninhalt vor (Volker Druba: Menschenrechte in Schulbüchern. Frankfurt 2006). Anja Mihrs Analyse der „Dekade für Menschenrechtsbildung“ (eine UN-Initiative für die Jahre 1995 bis 2004) zeigt, dass diese im Grunde spurlos an Deutschland vorbeiging, da es keinen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Initiative gegeben habe. Wenn es überhaupt Bildungsmaßnahmen zu Menschenrechten gebe, so Mihr, dann werden diese in der Regel nicht staatlicherseits organisiert, sondern von Nichtregierungsorganisationen (Anja Mihr: Die UN-Dekade für Menschenrechtsbildung. Eine Bilanz. In: Siegfried Frech / Michael Haspel [Hrsg.]: Menschenrechte. Schwalbach/Taunus 2005, S. 189-209).
Klassenziel nicht erreicht
Es wird klar, dass die Bundesrepublik das Klassenziel der „Dekade“ nicht erreicht hat. So verwundert es nicht, dass die Marburger Psychologen Gert Sommer und Jost Stellmacher zusammen mit ihrem Leipziger Kollegen Elmar Brähler zu dem Ergebnis kommen, dass Menschenrechte in Deutschland zwar als sehr wichtig angesehen werden, dass aber das Wissen über Menschenrechte und die Bereitschaft zum Engagement für Menschenrechte in der deutschen Bevölkerung gering sind (Gert Sommer / Jost Stellmacher / Elmar Brähler: Menschenrechte in Deutschland: Wissen, Einstellungen und Handlungsbereitschaft. In: Siegfried Frech / Michael Haspel [Hrsg.]: Menschenrechte. Schwalbach/Taunus 2005, S. 211-230).
Ohne Zweifel: Diese Resultate sind alarmierend, weil „mangelnde Menschenrechtsbildung die Gefahr erhöht, dass Menschenrechtsverletzungen hingenommen und Menschenrechte für bestimmte Interessen instrumentalisiert und missbraucht werden“ (Gert Sommer / Jost Stellmacher: Menschenrechtsbildung – eine gesellschaftspolitische Aufgabe. In: Wissenschaft und Frieden, Jg. 25 [2007], Nr. 2, S. 34-37, hier: S. 37). Menschenrechtsbildung, bei der Wissensvermittlung, gezielte Unterstützung von menschenrechtsfokussierten Einstellungen und Bewertungen sowie die Erhöhung der Handlungskompetenzen untrennbar zusammen gehören, ist ein zentraler Aspekt des Menschenrechtsschutzes, eine wichtige Aufgabe, die nicht einige Nichtregierungsorganisationen alleine bewältigen können, ganz nebenbei und mit geringen Finanzmitteln. Es wird deutlich, dass Menschenrechtsbildung eine „zentrale gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist“ und nicht nur „für die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen“ Bedeutung hat, sondern auch „für die Stärkung von Demokratie und Frieden“ (ebd.). In diesem Sinne ist der Menschenrechtsbildung zukünftig mehr Beachtung zu schenken. Nicht nur im Klassenzimmer.

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