Gesundheitsschäden durch übermäßigen Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen

Gesundheitsschäden durch übermäßigen Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen
Wegen der schädigenden Auswirkungen auf Psyche und Körper ist der übermäßige Medienkonsum inzwischen auch Thema für Kinderärzte und Jugendpsychologen. Die Forschung hierüber steckt noch in den Anfängen und die Symptomatik wurde noch nicht als klinische Diagnose allgemeingültig definiert. Erste Studien belegen jedoch bereits den Zusammenhang zwischen Medienmissbrauch und körperlichen und psychischen Symptomen bei Kindern und Jugendlichen.
Kinder und Jugendliche haben in Schule, Beruf und Freizeit freien Zugang zu den modernen Medien. Sie beherrschen deren Technik oft besser als ihre Eltern. Es fehlt ihnen aber häufig die Kompetenz zum sinnvollen Umgang damit.
So kommt es immer häufiger zu Medienmissbrauch, sowohl was den zeitlichen Umfang der Beschäftigung damit betrifft, als auch bezüglich der Auswahl von Programmen mit Jugend gefährdendem Inhalt.
Im Deutschen Ärzteblatt (Heft 38) berichten Ärzte der Kinder-Reha-Klinik „Am Nicolausholz“ in Bad Kösen über ihre Erfahrung mit dem Problem.
Üblicher Medienbesitz und -konsum von Kindern und Jugendlichen
Während bis 1994 die Fernsehdauer bei Kindern und Jugendlichen kontinuierlich zunahm, stagniert diese seitdem zugunsten einer rasant ansteigenden Beschäftigungsdauer mit Internet und Spielkonsole.
Viele Heranwachsende verbringen inzwischen ebenso viel Zeit vor dem Bildschirm wie in der Schule. 2005 hatte ein Viertel der Kinder bei der Einschulung ein eigenes Fernsehgerät im Zimmer, bei den Jugendlichen waren es bereits zwei Drittel (Jungen deutlich häufiger als Mädchen).
Ein eigenes Fernsehgerät steigert die tägliche Fernsehdauer um eine Stunde und verdoppelt den Konsum von die Entwicklung beeinträchtigenden Filmen.
Die Internetnutzung von Jugendlichen stieg zwischen 1997 und 2006 von durchschnittlich 6,3 auf 97 Minuten pro Tag.
Der Besitz einer Spielkonsole (Jungen 38,1%, Mädchen 15,6%) führt zu einem vierfach höheren Konsum von entwicklungsbeeinträchtigenden Filmen.
25% der Acht-, 75% der Zwölf- und 90% der 14-jährigen sind bereits Handybesitzer.
Ursachen für zunehmenden Medienkonsum
Der Gebrauch der modernen Medien ist zunächst verlockend wegen der Fülle und Aktualität der sofort abrufbaren Informationen. Darüber hinaus vermittelt er Spannung und die Erfahrung von Kontrolle und ungestörter Selbstbestimmung; er ermöglicht die Vermeidung von Frustrationen durch Flucht aus der Realität. Interaktivität und Ausbau eines „virtuellen Ich“ lassen Beziehungen in Familie und Schule mit ihren realen Problemen verblassen.
Konkurrierende Programmgestalter und Entwickler von Computerspielen haben immer neue Ideen, um die jungen Verbraucher an sich zu fesseln.
Eltern und Lehrern fehlt oft Fachkompetenz und Interesse (Zeit), um zu erfassen, welchen Gefahren die Kinder sich aussetzen und ihnen überzeugend zu raten, den Konsum einzuschränken.
Folgen für die Psyche

Aggressives Sozialverhalten

Exzessive Nutzung interaktiver Medien führt bei Kindern häufig zu aggressiver Verhaltenweise. Sie identifizieren sich auf Dauer mit gewalttätigen Personen und übernehmen deren Verhaltensmuster, auch bezüglich eines verbal aggressiven Verhaltens.
Sozialer Rückzug und Selbstbildstörung

Des weiteren kommt es zu Defiziten in der sozialen Integration. Die für die Medien benötigte Zeit fehlt für Aktivitäten mit Gleichaltrigen und Familienangehörigen. Konfliktbewältigung wird durch Flucht in eine Scheinwelt vermieden. Die Persönlichkeitsentwicklung stagniert. Die Kinder haben kaum mehr die Möglichkeit, sich selbst zu kennen und an sich zu arbeiten. So trauen sie sich einerseits im wirklichen Leben immer weniger zu; andererseits übernehmen sie unangepasst das Imponiergehabe oder die Affektivität der Helden in den Computerspielen, mit denen sie sich eher identifizieren als mit ihren Eltern.
Unrealistisches Körperbild und Essstörung

Das in den Medien propagierte Körperbild ist unrealistisch: untergewichtige weibliche Models und body building Kerle lassen den eigenen Körper unzulänglich erscheinen. Das Selbstwertgefühl sinkt; für Mädchen ist das Schlankheitsideal der Medien oft der Beginn einer Essstörung.
Aufmerksamkeitsdefizit und Verzögerung der Sprachentwicklung

Vermehrter Internet- und Videospielkonsum korreliert mit einem Aufmerksamkeitsdefizit.
Während ausgewählte pädagogisch wertvolle Filme und Fernsehsendungen im Vorschulalter mit einer günstigen Entwicklung im Jugendalter korreliert sind, hat der Konsum von Gewalt betonten Sendungen und nicht jugendfreiem Inhalt ein Zurückfallen der schulischen Leistungen zur Folge. Dies betrifft vor allem die Jungen.
Steht ein Fernsehgerät im Kinderzimmer, ist das korrelierte Risiko für eine Sprachentwicklungsverzögerung bei Vorschulkindern um 45% erhöht.
Folgen für den Körper

Übergewicht

Der Bewegungsmangel reduziert die körperliche Fitness und fördert Übergewicht.
Ein hoher Anteil an Fernsehwerbung in Kinderprogrammen betrifft Lebensmittel, die ernährungsphysiologisch ungeeignet sind für Kinder (Fast Food; Süßigkeiten, süße Getränke und fettige Snacks).
Über 30 Querschnittsstudien ergaben eine direkte Korrelation zwischen Fernsehkonsum und Übergewicht. In dessen Gefolge finden sich später auch gehäuft Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen.
Augenbeschwerden, Kopf- und Rückenschmerzen

Videospielen verursacht wie Bildschirmarbeit eine objektivierbare Ermüdung der Augen. Auch Kopfschmerzen und Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen sollten an einen übermäßigen Mediengebrauch denken lassen und verschwinden oft nach dessen Reduzierung.
Schlafstörung und Schlafmangel

Statt rechtzeitig zu Bett zu gehen wird oft bis tief in die Nacht hinein ferngesehen oder am Computer gespielt.
Exzessives Fernsehen ist mit Ein- und Durchschlafproblemen assoziiert. Computerspiele bewirken Einschlafstörungen und eine Reduzierung der REM-Phasen im Schlaf (für die Erholung notwendige Traumphasen).
Kriterien für das Vorliegen von Medienmissbrauch oder Mediensucht

Wie weit bereits das schädigende Agens elektronisches Medium Leben und Gesundheit einer Person bestimmt, lässt sich an Hand der angeführten Kriterien für das Vorliegen von Medienmissbrauch und –Sucht überprüfen.
Medienmissbrauch liegt vor wenn:

- der Medienkonsum täglich mehr als vier Stunden beträgt (chronisch übermäßiger Konsum);
- der Konsum regelmäßig länger als vorgesehen erfolgt und Versuche der Reduktion erfolglos bleiben (Kontrollverlust);
- wichtige Aktivitäten zugunsten des Mediums reduziert oder aufgegeben werden ( Einengung des Verhaltensraumes);
- der Medienkonsum trotz offensichtlicher negativer Folgen aufrechterhalten wird (körperl. oder psych. Schäden, Schulversagen).
Von Mediensucht spricht man,

- wenn immer mehr Zeit für das Medium aufgewendet werden muss, um die gleiche Wirkung auf die Stimmungslage zu erzielen (Toleranzentwicklung)
- und wenn bei Unterbrechung der Nutzung ein psychisches Verlangen nach dem Medium mit Befindlichkeitsstörung auftritt (Unruhe, Nervosität, Unzufriedenheit, Aggressivität).
Prophylaxe

Eltern sollten unbedingt den Überblick haben über die Art der Medien und die damit verbrachte Zeit ihrer Kinder. Jugendschutzgesetze oder Internetfilter reichen keinesfalls und werden immer wieder unterwandert.
Nur wenn Eltern die Videospiele ihrer Kinder selber kennen, können sie mit ihnen darüber reden. Dasselbe gilt für Videofilme und das Fernsehprogramm aller Kanäle.
Hier ist es auch erforderlich, selbst Vorbild zu sein und manchmal auf Internetstunden oder den Lieblingsfilm zu Gunsten der Familie zu verzichten. Das „Programm“ in der Familie sollte anziehender sein als die Medienprogramme. Dabei sollten die Medien keinesfalls rigoros „verdammt“ werden, sondern gemeinsam ausgewählt und oft auch gemeinsam benutzt werden.
Nachweislich haben Kinder von Eltern, die ihnen Zeit widmen, einen deutlich niedrigeren schädlichen Medienkonsum.
Bei Verdacht auf oben genannte Gesundheitsschäden oder Verhaltensstörungen sollten Eltern als erste Maßnahme den Medienkonsum ihrer Kinder überprüfen und wirksam reduzieren.
Ein Fernsehapparat gehört nie ins Zimmer von Kindern und schulpflichtigen Jugendlichen.
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