Lektüretipp zum Reformationsjubiläum

von Martin Eberts
---

Seit meiner Studienzeit beschäftige ich mich immer wieder mit der Reformation – einem faszinierenden, manchmal beunruhigenden Kapitel der Kirchen- und Profan-Geschichte. Da ist es überraschend, nach so langer Zeit und so viel Fachlektüre noch einmal auf ein Buch zu stoßen, das verblüfft und begeistert. So ging es mir unlängst mit dem kleinen Buch von Peter Blank über „Luther und seine Zeit“. Der Autor wirft – fern jeder Heldenverehrung und ohne konfessionelle Vorurteile – einen nüchternen, zugleich kritischen und offenen Blick auf die Gestalt des Reformators, gewissermaßen „von außen“, jedoch mit Empathie und intellektueller Redlichkeit.

Peter Blank gelingt es, hinter das „Phänomen Luther“ und durch den Mythos hindurch auf den Menschen und seine Beweggründe zu schauen. Er ordnet Luthers Persönlichkeit und seine phänomenale Wirkung mit Fairness und mit überzeugenden Belegen in den historischen Kontext ein. Allein schon die Einführung, in der er knapp und treffend die Lage der Kirche und ihre Entwicklung seit dem Hochmittelalter skizziert, macht die Lektüre des Buches lohnenswert – besonders empfehlenswert für Schüler und Studenten, denen noch allzu oft Luther wie ein deus ex machina erscheint, weil sie eben die Vorgeschichte und den historischen Kontext nicht verstehen. Ich habe selten eine so gelungene Zusammenfassung gelesen!

Im Weiteren wird die Gestalt Luthers im besten Wortsinne vermenschlicht: Jenseits von konfessionellen Klischees zeigt Peter Blank, dass Luther weder ein neuer Messias, noch der Antichrist war – letzteres ein Schimpfwort, das Luther gern für den Papst benutzte –, sondern ein Kind seiner Zeit: Mit tiefem persönlichem Glauben und doch oft einsam und sehr subjektiv in der Wahrnehmung der Kirche seiner Zeit, immer weiter getragen von einem Sturm, den er weder planen noch kontrollieren konnte und ab einem bestimmten Punkt auch nicht mehr bremsen wollte. So wird in dieser kompakten Darstellung geradezu mit Händen greifbar, wie es dazu kommen konnte, dass aus dem tief subjektiven inneren Ringen eines einzelnen Mannes nicht nur ein jahrhundertelanges kirchliches Schisma entstehen konnte, sondern auch eine geradezu weltpolitische Umwälzung.

Sehr verdienstvoll und quasi eine willkommene Zugabe zur gelungenen historischen Darstellung ist auch Peter Blanks „ökumenischer Ausblick“ am Ende des Buches, in dem er kenntnisreich und einfühlsam die theologischen Kernthemen aufgreift, die den wirklichen Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus noch heute ausmachen – jenseits der längst überholten Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts und der folgenden 500 Jahre Kirchengeschichte.

Alles in allem ist Peter Blanks Buch aus meiner Sicht gewissermaßen eine Pflichtlektüre zum Reformationsjubiläum!

---
Peter Blank: Luther und seine Zeit. Ein Überblick.
Kisslegg-Immenried 2017. 190 Seiten. 6,95 Euro
ISBN: 978-3-7171-1278-5