„Die verratene Familie“ – Jürgen Liminskis Streitschrift gegen eine „Politik ohne Zukunft“

„Die verratene Familie“ – Jürgen Liminskis Streitschrift gegen eine „Politik ohne Zukunft“
Sein neues Buch „Die verratene Familie – Politik ohne Zukunft“ versteht der Journalist und vielfache Familienvater Jürgen Liminski als „Kampfansage“ an eine „einseitig Erwerbs- und Wirtschaftsinteressen“ verfolgende Gesellschaftspolitik. Er will Ideen und Ideologien enttarnen, die der Familie und damit auch dem einzelnen Menschen und letztlich der Gesellschaft Schaden zufügen. Die Fragen, die eine vorrangig am Leitbild der vollberufstätigen Mutter orientierte Politik aufwirft, analysiert Liminski deshalb nicht nur im Blick auf die Eltern und das Wohl der Kinder, sondern auch hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die wirtschaftliche und kulturelle Innovationsfähigkeit der Gesellschaft.
von Stefan Fuchs
---
Jürgen Liminski, Die verratene Familie – Politik ohne Zukunft, Sankt Ulrich Verlag Augsburg 2007, 176 Seiten, Preis 18,90 €
> Link zum Bücherstore des Ulrich Verlags

Die Familie als „Magd“ der Wirtschaft? Arbeitsmarktpolitik vs. Familienleben und Kindeswohl
Die „Einmütigkeit“, mit der „heute auch Wirtschaftsverbände und Ökonomen“ die „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf fordern würden, mache sie „misstrauisch“ schrieb Susanne Gaschke, Redakteurin der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, in ihrem 2005 erschienenen Essay über „Die Emanzipationsfalle“. Im Blick auf die „fortschrittliche Familienpolitik“ der SPD-Ministerin Renate Schmidt äußerte sie die Befürchtung, dass die „familienpolitische Debatte bei uns eine rein ökonomistische Wendung nimmt“ (1).
Tatsächlich hat das Bundesfamilienministeriums schon im Jahr 2005 verkündet, dass der „neue Charme der Familie“ vor allem „ein ökonomischer Charme“ sei (2). In ihrer Stellungnahme zum 7. Familienbericht (2005) kündigte die Bundesregierung dann einen „Paradigmenwechsel“ an: Das zentrale Ziel der Familienpolitik ist demnach nicht mehr die Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf, sondern die „kontinuierliche Erwerbstätigkeit beider Eltern“ (3). Die Einführung des Elterngelds 2007 sowie der Beschluss der Bundesregierung bis zum Jahr 20013 750.0000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bereit zu stellen (4), sind Meilensteine dieser neuen, auf möglichst ununterbrochene „Erwerbsverläufe“ beider Eltern, insbesondere auch der Mütter kleiner Kinder, abzielenden Politik.
Sein neues Buch „Die verratene Familie – Politik ohne Zukunft“ versteht der Journalist und vielfache Familienvater Jürgen Liminski als „Kampfansage“ an diese „einseitig Erwerbs- und Wirtschaftsinteressen“ verfolgende Gesellschaftspolitik. Er will Ideen und Ideologien enttarnen, die der Familie und damit auch dem einzelnen Menschen und letztlich der Gesellschaft Schaden zufügen. Die Fragen, die eine vorrangig am Leitbild der vollberufstätigen Mutter orientierte Politik aufwirft, analysiert Liminski deshalb nicht nur im Blick auf die Eltern und das Wohl der Kinder, sondern auch hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die wirtschaftliche und kulturelle Innovationsfähigkeit der Gesellschaft.
Zunächst geht er auf einige „Deutungen und Denkfehler“ ein, die dieser Politik als Begründung dienen. So wird die neue „Familienpolitik“, mit der Mütter möglichst umfassend in die Berufstätigkeit gedrängt werden sollen, häufig mit dem Argument gerechtfertigt, dass „die Frauen heute eben arbeiten wollen“. Dieser eindimensionalen Sichtweise stellt Liminski die vielfältigen Anliegen moderner Frauen gegenüber. Zu diesen gehören eben nicht nur Betreuungsangebote, sondern auch flexiblere Arbeitszeiten und Modelle, die den Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Familienphase ermöglichen. Auch wenn feministische Meinungsführerinnen die Teilzeitarbeit immer wieder als eine angebliche „Falle“ für Mütter abqualifizieren: Nach einschlägigen Meinungsumfragen und soziologischen Studien möchte eine Mehrheit der Frauen „sich neben einer Teilzeitarbeit oder sogar vollständig der Familie widmen“ – wie kürzlich auch Christa Müller in einem Interview mit dem „SPIEGEL“ darstellte.
Wie Liminski analysiert, vernachlässigt die Politik systematisch jene Frauen, die ihre Zeit und Energie zuvörderst in Kinder und Familie investieren wollen. Diese Frauen habe man „einfach nicht auf dem Schirm“. Ebenso wenig „auf dem Schirm“ hat diese Politik das Wohl der Kinder. Unter den vom Bundesfamilienministerium definierten Kriterien für eine „moderne“ Familienpolitik ist das Kindeswohl jedenfalls nicht zu finden (5). „Kinder dürfen nicht länger ein Hindernis für Beruf und Karriere sein“.
Diesem Postulat aus der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU haben sich die Bedürfnisse der Kinder offenbar unterzuordnen. Vernachlässigt werden dabei grundlegende Erkenntnisse der Psychologie und Neurobiologie über die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern. Dies, obwohl namhafte Bindungsforscher immer wieder betonen, wie wichtig die Fürsorge mindestens eines Elternteils in den ersten Lebensjahren für den späteren Erfolg der Kinder in Schule, Ausbildung und Beruf ist (6). Liminski verweist darüber hinaus auch auf neue Erkenntnisse der Gehirnforschung. Sie verdeutlichen, wie bedeutsam der enge und intensive Kontakt zu ihrer „primären Bezugsperson“ für die emotionale und kognitive Entwicklung kleiner Kinder ist. Gerhard Roth, Leiter des „Instituts für Gehirnforschung“ an der Universität Bremen, stellte hierzu in einem Interview fest: „Das unbewusste Selbst lässt sich die Regie nicht mehr aus der Hand nehmen, wenn das Kind mit etwa drei Jahren sein Kleinkindverhalten ablegt“. Damit es sich zu einem „offenen Menschen“ entwickeln könne, müsse sich das Kind in einer „guten frühkindlichen Bindung geborgen“ fühlen (7).
Solche Erkenntnisse über die Bedeutung der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren haben es – wie Liminski anhand verschiedener Beispiele darlegt – oft schwer, „durch den Filter der begrenzten Ideenwelt“ der Medienvertreter hindurch Zugang zur Öffentlichkeit zu finden. Dieses Wahrnehmungsproblem führt er darauf zurück, dass für viele Medienvertreter Familienleben allenfalls noch als „Kindheitserinnerung“ existiere. Die ihr Denken bestimmende Lebenswelt sei dagegen geprägt durch das Büro, das Podium und nicht zuletzt den „Platz vor der Kamera“. Zusammen mit den Wortführern der Politik bildeten die „Alphatiere des Medienberufs“ ein „politisch-mediales Establishment“. Dieses Establishment verbreite im Blick auf Kinder und Familie eher „Schnellurteile“ als gründlich recherchierte Erkenntnisse. Deshalb würde an den „Verbindungsstellen“ zwischen Wissenschaft und öffentlicher Meinung „der ansonsten so breite Informationsfluss“ nicht selten zum „Rinnsal“.
Plakate oder Darstellung der Wirklichkeit? Das „politisch-mediale Establishment“ und die Lebensrealität von Familien
Familienpolitische „Schnellurteile“ einflussreicher Medien stellt Liminiski anhand der Diskussion um das Betreuungsgeld dar. So war in der Presse wie im Rundfunk von einer „Herdprämie“ die Rede, die „völlig falsche Anreize“ setze und die frühe „Förderung“ von Kindern verhindere. Für nicht-erwerbstätige Eltern gebe es schon mehr als genug „Vergünstigungen“ und generell würden die Familien vom Staat mit 184 Mrd. € im Jahr großzügig „gefördert“.
Die Tatsache, dass ein Betreuungsgeld von 150 € im Monat für das zweite und dritte Lebensjahr des Kindes vielen Eltern gerade einmal den Verlust ausgleichen würde, den sie durch die Elterngeldreform erlitten haben, blieb unbeachtet. Noch merkwürdiger ist, dass die vom Bundesfamilienministerium in die Welt gesetzte Zahl von 184 Mrd. € „Familienförderung“ kritiklos übernommen und weiter verbreitet wurde. Zumindest einigen Journalisten hätte auffallen können, dass von diesen angeblichen „Familienleistungen“ allein über 50 Mrd. € Ausgaben für Schulen und Hochschulen waren. Dies, obwohl viele Journalisten immer wieder betonen, wie wichtig es sei, im rohstoffarmen Deutschland in „Humankapital“ zu investieren und von der Politik mehr Engagement für die „Bildung“ fordern.
Der Beitrag von Eltern zur Heranbildung des „Humankapitals“ wird von ihnen gering veranschlagt. So wurde in der Diskussion um das Betreuungsgeld unterstellt, dass Kleinkinder nur in Krippen und Kindertagesstätten kognitive und soziale Kompetenzen erwerben könnten. Jürgen Liminiski analysiert Polemiken verschiedener Medien gegen das Betreuungsgeld, die immer dieselbe Sichtweise zu suggerieren versuchten: „Eltern sind erziehungsunfähig und missbrauchen das Geld; Sprachförderung oder soziale Kompetenz erfahren die Kinder nur im Kollektiv“. Die pauschale Diskriminierung von Eltern geht nach Liminskis Beobachtung über den sonst „üblichen Zynismus in den Redaktionen hinaus“. Nach seiner Auffassung ist sie symptomatisch für die Weltsicht eines „bunten Blocks“ von „Familiengegnern“, dessen Vertreter „vermummt aus der sicheren Deckung des medialen Mainstreams ihre Steine auf die Familie werfen“.
Die in den Medien weit verbreitete Aversion gegen „traditionelle“ Familien und Mütter, die ihre Kinder selbst erziehen („Hausfrauen“), ist Liminski zufolge durchaus verständlich. Denn unter Journalisten sei die Trennungs- und Scheidungsrate überdurchschnittlich hoch und Kinderlosigkeit sehr verbreitet. Zur „Welt von Kindern“ hätten sie deshalb oft keine „persönlich-unmittelbare Lebensbeziehung“. Engagement und spezifische Kenntnisse im Bereich „Familie“ seien zudem für eine Karriere im Medienberuf nicht förderlich: „Ein Experte in der Thematik Familie wird höchst selten Chefredakteur“. So sind die meisten Journalisten, „die sich mit dieser Materie befassen, aus eigener Betroffenheit darauf gestoßen“. Jürgen Liminski, von Hause aus Spezialist für Außenpolitik, spricht hier aus Erfahrung: Er selbst sei „durch die Schwierigkeiten, die eine Familie mit zehn Kindern in dieser Republik erfährt, zum Einäugigen in seiner familienblinden Zunft geworden“.
Diese „familienblinde Zunft“ zeige im familienpolitischen Diskurs „mehr Plakate als Darstellungen der Wirklichkeit“. Zwar gebe es in den Medien eine „Meinungsvielfalt“. Doch sei sie eingezwängt in einen „Meinungskorridor“, der beim „Thema Familie nicht sehr weit“ sei. Deshalb werde „die Ehe zum Auslaufmodell“, Kinder zum „Störfaktor für Eltern“ und „die intakte Familie zum Ausnahmefall“ stilisiert. Schlichte Tatsachen, wie die, dass die meisten Kinder immer noch bei verheirateten Eltern aufwachsen, oder dass die Mehrheit der Eltern sich bemüht ihre Kinder angemessen zu erziehen, werden häufig übersehen.
Besser in das Weltbild des „medial-politischen Establishments“ passen tragische Fälle grober Vernachlässigung von Kindern. „Mal mitleidig, mal vorwurfsvoll“ wird dann die fehlende Erziehungsfähigkeit von Eltern beklagt (8). Dass nach der amtlichen Kriminalstatistik nur etwa 0,07 Prozent der Kinder von grober Vernachlässigung betroffen sind (9) und die Zahl der Kindstötungen in den letzten Jahren sogar gesunken ist (10), bleibt unbeachtet. Stattdessen wird suggeriert, dass immer mehr Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert seien. Daraus wird nicht selten die Schlussfolgerung gezogen, dass das im Grundgesetz verankerte Erziehungsrecht der Eltern einzuschränken sei. Der Staat müsse Kinder auch „gegen den Willen ihrer Eltern fördern“ können. Dies fordert etwa die SPD-Fraktionsvizechefin Christel Humme (11). Während man den Eltern pauschal keinerlei Erziehungskompetenz zutraut, sieht man in Vater Staat eine Kontrollinstanz, in die man unbegrenztes Vertrauen setzen könne. Liminski erkennt darin eine „Obrigkeitshörigkeit“, die in Deutschland „Geschichte“ hat.
Für die Betriebsblindheit maßgeblicher Medien in Sachen Familie ist nach seiner Analyse ein „Block autonomer Familiengegner“ mitverantwortlich. Diese „Familiengegner“ bemühten sich nicht um eine sachliche Berichterstattung, sondern trachteten danach, ideologisch bestimmte Meinungen zu propagieren. Recherchiert werde oft nur so lange, „bis die eigene Meinung bestätigt oder der Coup perfekt ist“. Er zitiert den französischen Publizisten Jean-Francois Revel, der die Lüge als „die stärkste aller Kräfte, die die Welt beherrschen“ bezeichnet hat. Nicht dass Liminski seinen Kollegen vorsätzliche Falschaussagen unterstellen würde. Das Problem seien vielmehr Halbwahrheiten und Verzerrungen. Denn Nachrichten würden oft nicht mehr nach ihrem Wahrheitsgehalt, sondern nach ihrer Eignung einem bestimmten „Interpretationssystem“ zu dienen, beurteilt.
Maßgeblich für das „Interpretationssystem“ der veröffentlichten Meinung in Sachen Familie ist das Ideal der vollberufstätigen Mutter. Aufschlussreich war in dieser Hinsicht die Berichterstattung über die World-Vision-Kinder-Studie im vergangenen Herbst: Die Sorge, dass die Berufstätigkeit beider Eltern zu Zuwendungsdefiziten führe, sei unbegründet. Berufstätige Mütter könnten ihrem Nachwuchs genauso viel oder sogar mehr Zuwendung geben als nichtberufstätige Mütter – so lautete allgemein der Tenor (12). Als vermeintlicher Beleg hierfür dienten die Aussagen von Kindern arbeitsloser Eltern. Diese klagten häufiger über eine mangelnde Aufmerksamkeit ihrer Eltern als Kinder aus Familien, in denen beide Eltern in Vollzeit erwerbstätig waren.
Völlig ignoriert wurde, dass Kinder aus „traditionellen“ Familien mit einer nichterwerbstätigen Mutter am zufriedensten mit der Fürsorge und Zuwendung ihrer Eltern waren. Verglichen mit diesen bemängelten die Kinder der beiderseitig vollerwerbstätigen Eltern fast drei Mal so häufig, dass ihre Eltern zu wenig Zeit hätten . Im Blick auf dieses zentrale Untersuchungsergebnis war der sonst so „breite Informationsfluss“ nicht bloß zum Rinnsal geworden, sondern vollständig ausgetrocknet.
Zeit für Kinder und Familienleben – zentraler Maßstab einer innovativen und zugleich menschlichen Politik
„Die Schleusen der Ideologie und der Ignoranz lassen nur durch, was dem Mainstream des medial-politischen Establishments gefällt.“ Mit diesem harten Urteil fasst Liminski seine Erfahrungen mit der Berichterstattung medialer „Meinungsführer“ zur Familien- und Kindheitsforschung zusammen. Doch gibt es durchaus kritische Journalisten, die sich aus dem „Mainstream“ frei schwimmen und einen nüchternen Sinn für die Realität bewahren.
So warf z. B. Susanne Gaschke in ihrem Buch „Die Emanzipationsfalle“ die Frage auf, „welchen Spielraum der Nichteffizienz“ die gegenwärtige Politik den Familien noch einräume. Zu der Sicherheit, die Familien bräuchten, gehöre auch das Gefühl, „genug Zeit für Kinder zu haben“: „Das Zeitproblem kann keine Kinderbetreuung vollkommen aus der Welt schaffen, denn sie findet ihre Grenzen in den Kindern selbst: Auch wenn sie gern zur Tagesmutter oder in den Kindergarten gehen, reichen acht oder zehn Stunden Gruppenspiel, um noch das fitteste Kind zu erledigen. Irgendwann müssen Dreijährige schlafen, und dann muss jemand zu Hause sein. Vertraute Bezugspersonen sind, zum Beispiel bei Krankheit, nicht beliebig austauschbar – Kinder funktionieren einfach anders als der total flexibilisierte Arbeitsmarkt“ (14).
Auch der 2005 veröffentlichte 7. Familienbericht der Bundesregierung erkannte dieses grundsätzliche Problem: „Sorgezeiten sind körpergebunden, unkalkulierbar sowie prinzipiell endlos: Kinder haben Bauchweh auch in der Nacht, sie wollen auch am Wochenende versorgt sein und Hausarbeit wie Wäschewaschen und Essenkochen, fällt, kaum ist sie verrichtet, bereits von neuem wieder an.“ „Körperliche und emotionale Bedürfnisse“ richteten sich nicht nach den effizienzorientierten Zeittakten der „Erwerbsrhythmen entlang der Uhrenzeit“. Das „Ausbalancieren“ dieser „Sorgezeiten“ erforderte deshalb ein „hohes Maß“ an „Zeitkompetenzen“, die sich weniger an „rigider, effizienzorientierter Pünktlichkeit“ denn an „situationsadäquater Flexibilität“ auszurichten hätten. Die „Zeitlogik von Sorgearbeit“ weiche deshalb „in vielen Aspekten von der Zeitökonomie der Erwerbsarbeit ab“ oder stehe sogar „im Widerspruch zu ihr“ (15).
Was diese andere „Zeitlogik der Sorgearbeit“ für die Erziehung kleiner Kinder praktisch bedeutet, erläutert Martine Liminski, Mutter von zehn Kindern und Ehefrau von Jürgen Liminski, anhand eines alltäglichen Beispiels: „Wenn der vier- oder fünfjährigen Tochter beim Spielen eine Frage in den Sinn kommt, wird sie diese Frage stellen wollen, und zwar in der Regel der ersten Bezugsperson, der Mutter. Ist die Mutter nicht da, wird das Kind kaum auf die Idee kommen, die Frage aufzuschreiben oder abzuspeichern, um sie erst am Abend zu stellen. Kinder stellen ihre Fragen aus der Situation heraus. […] Um diese Mitteilungen zu bestätigen, zu korrigieren oder auch zu kommentieren, müssen sie erst einmal wahrgenommen werden.“ Die Präsenz zu Hause sei konstitutiv für die Erziehung, denn „ohne physische Präsenz läuft die Spontaneität ins Leere“.
Erziehung setzt also Zeit für Beziehung und Kommunikation voraus. Viel Zeit könnte – so Jürgen Liminski – gewonnen werden durch eine finanzielle Anerkennung der Erziehungsleistung von Eltern. Das 2007 eingeführte Elterngeld zielt dagegen auf die rasche Rückkehr von Eltern in den Beruf. Liminiski zitiert hierzu den Rechtswissenschaftler Dieter Schwab: „Die Begründung der Bundesregierung zum Elterngeldgesetz gibt der Minimierung elterlicher Zuwendung erstaunlich klar Ausdruck: Das Elterngeld – so heißt es da – „trägt dazu bei, dass sie (die Eltern) in diesem Zeitraum selbst für ihr Kind sorgen können“ – in anderen Zeiträumen ist das offenkundig nicht der Fall und nicht notwendig.
Für die Begegnung zwischen Kindern und Eltern bleibt dann maximal ein zeitlicher Rest, der frühe Abend bis zum Zubettgehen der Kinder, an dem alles stattfinden soll, was das Familienleben und die Erziehung ausmacht, einschließlich der Organisation des Haushalts und der Hilfen für die Schule. Man fragt sich, woher der Gesetzgeber die Erfahrung nimmt, dass die Erziehung und Pflege von Kindern und die damit verbundene Organisation eines Mehrpersonenhaushalts mit relativ wenig Zeitaufwand zu erledigen sind“. Liminski vergleicht deshalb das „politische Personal“ mit den „grauen Männern“ in den Romanen von Michael Ende: „Es klaut den Eltern die Zeit. Damit klaut es die Gelegenheit zur Liebe, zum Glück.“
„Glück“ wird im allgemeinen Bewusstsein immer noch sehr häufig mit „Familie“ assoziiert. Denn Familie ist der Ort in der Gesellschaft, in dem das menschliche Grundbedürfnis nach Geborgenheit und Zuwendung erfüllt werden kann. Die Kompetenz der Familie, solidarisches Verhalten zu erzeugen und damit zur Humanisierung der Gesellschaft beizutragen, ist – wie Jürgen Liminski resümiert – „durch nichts zu ersetzen“. Dafür bräuchten Eltern und Kinder aber gemeinsame Zeit, „Zeit für die Liebe“.
Politik und Wirtschaft hätten den Eltern diese Zeit zu geben, „nicht als Geschenk, sondern aus eigenem Interesse.“ Denn es sei „die Natur der Liebe, die Kreativität schafft, Integrität, Innovationskraft, Ausdauer – kurz das Humanvermögen“. Dies zeigten die neuesten Erkenntnisse der Neurologie, der Entwicklungsbiologie und der psychologischen Bindungsforschung. Für Liminski bestätigen die modernen Wissenschaften damit „die alte Lehre vom Gelingen des Menschseins“ der antiken Philosophen und mittelalterlichen Theologen. Zu hoffen bleibt, dass diese familienpolitische Streitschrift von Jürgen Liminski auch viele Leser findet, die „alten Lehren vom Gelingen des Menschseins“ gegenüber eher skeptisch sind. Dann könnte dieses Buch dazu beitragen, dass sich aus der bisher oft als Monolog geführten familienpolitischen Debatte ein fruchtbarer Dialog entwickelt.
---
Anmerkungen
(1) Vgl.:Susanne Gaschke: Die Emanzipationsfalle, München 2006, S. 160.
(2) Vgl.:Malte Ristau: Der ökonomische Charme der Familie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24, 2005, S. 18-23.
(3) Vgl.:Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – Drucksache 16/1360, S. XXIII-XXX.
(4) Vgl.: Startzentrum: Breiter Rückhalt für von der Leyen, http://www.startzentrum.de/nachrichten/ artikel/34854. Im Interview in der FAZ vom 19.3.07 hat die Bundesfamilienministerin jetzt gesagt, „dass mindestens ein Drittel der 500.000 Plätze bei Tagesmüttern“ geschaffen werden soll. Die wiederholt vom Ministerium verkündete Zahl von 750.000 Krippenplätzen ist aber nicht zurückgenommen worden.
(5) Vgl.:Malte Ristau: Der ökonomische Charme der Familie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24, 2005, S. 18-23.
(6) Auf die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung im Kleinkindalter hat zum Beispiel die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung nachdrücklich hingewiesen.
Vgl.: Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV): Krippenausbau in Deutschland - Psychoanalytiker nehmen Stellung, Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung vom 12.12.2007.
(7) Vgl.: SPIEGEL-GESPRÄCH: „Das Ich ist eine Einbahnstraße“, in: DER SPIEGEL, Nr. 35 vom 27.8.2007, S. 124-125.
(8) Vgl.: Stefan Dietrich : Spirale nach unten, in : Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Dezember 2007 .
(9) Vgl.: Familiennetzwerk Deutschland: Pauschale Diskriminierung der Eltern ist willkürlich, Pressemitteilung vom 6. Juni 2007.
(10) Vgl.: Axel Wermelskirchen: Kriminalstatistik: Weniger Kindstötungen in Deutschland.
(11) Vgl.: Dorothea Siems: Mehr Staat hilft Kindern nicht, WELT ONLINE vom 19. Dezember 2007.
(12) Die FAZ ergänzte später ihre Berichterstattung und formulierte etwas vorsichtiger: „Die Sorge, dass die Berufstätigkeit beider Eltern zu Zuwendungsdefiziten bei Kindern führe, scheint dabei nur zum Teil begründet.“
Vgl.: Uta Rasche: Wem hilft mehr Kindergeld? Zwei Studien zur Lage von Kindern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6.11.2007.
(13) Vgl.: Familiennetzwerk Deutschland: Schwere Manipulation wirft das Familiennetzwerk Deutschland den Autoren der World-Vision-Kinder-Studie vor, Pressemitteilung vom 6. November 2007.
(14) Vgl.: Susanne Gaschke: Die Emanzipationsfalle, München 2006, S. 162.
(15) Vgl.: Sachverständigenkommission Siebter Familienbericht: Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine Lebenslaufbezogene Familienpolitik, München 2005, S. 361- 362.

Taxonomy upgrade extras: