"Das Jahr der Kugel" (2) - Feldzug gegen die Basis der Gesellschaft

"Das Jahr der Kugel" (2) - Feldzug gegen die Basis der Gesellschaft
Aussagen, die an Verrücktheit grenzen, sind daran zu erkennen, dass sie, Geisterdebatten auslösend, die Schwelle zur Diskussionstauglichkeit unterschreiten und selbst dann falsch sind, wenn sie zutreffen, weil schon in ihrer Formulierung eine irreführende Behauptung steckt. Die irreführende Behauptung ist jedoch kein zufälliger Fehler, sondern konstitutiver Bestandteil einer zur Geisterdebatte tauglichen Aussage, weil nur über diesen Weg die fehlende Substanz kaschiert und die Diskussion am Leben gehalten werden kann.
von Mark Rinasky
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Würde die irreführende Tendenz fehlen, wäre die Haltlosigkeit sofort entlarvt und die Diskussion zu Ende. Wir wollen im folgenden die Struktur der skizzierten Gesetzmäßigkeit untersuchen, indem wir uns einer Aussage zuwenden, die inzwischen seit so vielen Jahren durch unsere Medienwelt humpelt, dass kaum noch jemand sagen könnte, wann der Spuk eigentlich begann. Die Aussage, die selbst in konservativen Kreisen verbreitet wird, lautet: Ehe und Familie röcheln ihrem unvermeidlichen Ende entgegen.
Ende der Familie – Ende der Nation

Wenden wir uns zuerst der irreführenden Behauptung zu, wonach selbst bei einem Grundwert wie Familie ein Ende den Neuanfang von etwas anderem ermöglicht, denn von einem solchen Ende ist hier die Rede. Ansonsten müsste die Aussage modifiziert werden und lauten: Der Mensch röchelt seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Diese Behauptung wäre zwar immer noch, metaphysisch betrachtet, falsch, könnte aber wenigstens in sich als stimmig, also als formal richtig angesehen werden. Die grundlegende Manipulation besteht also darin, Mensch und Familie als isolierte Einheiten zu betrachten und somit vorauszusetzen, dass der Mensch ohne Familie existieren kann. Da dies weder möglich noch erwünscht ist, hätte lediglich die Aussage vom Ende der Menschheit (oder der Nation) Sinngehalt, da sie richtig oder falsch sein kann. Die durch die Medien geisternde Aussage hingegen, die ein Fortbestehen der Menschheit (der Nation) jenseits der Familie impliziert, kann weder als falsch noch als wahr eingestuft werden, da sie schon vom Grunde her fehlerhaft, also unsinnig ist.
Manipulative Manöver zur Meinungsbildung

Eine weitere Facette manipulativer Manöver zur Meinungsbildung basiert auf dem Phänomen, dass sich die Beweisführung für Bestehendes und Bewährtes dem Argument nach stets schwieriger gestaltet als die Beweisführung für das Neue oder Andre. Denn das Bewährte schöpft seine Argumente, in die Ursprünge zurückfragend, aus sich selbst und sperrt sich gegen populistische Vereinfachungen. Das Neue hingegen gewinnt seine Anziehungskraft als Antipode des Bestehenden – auf dessen Schultern es steht – gerade dort, wo es inhaltlos und leer bleibt, durch Verunglimpfung und Agitation. Solche Manöver wecken stets die Neugierde der Massen. Die populistische Negation lässt sich also, da es das Bewährte als Basis parasitär in Anspruch nimmt, stets leichter als Schlagzeile verkaufen als das Bewährte selbst, wo die Basis erst inhaltlich (wissenschaftlich) aufgerollt werden muss, was im öffentlichen, auf Kurzatmigkeit getrimmten Diskurs nur bedingt möglich ist ("Die Unwahrheit kann um die Welt rennen, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat." – James Watt). Genau diesen Umstand macht sich der Mainstream zunutze. Das anerkannt Gültige sucht das Argument, der Populismus verhöhnt es.
Pirouetten eines irregeleiteten Spielzeugs

Die populistischen Manöver unserer Zeit erfordern zwar, um am Leben erhalten zu werden, viel Geschick und psychologisches Fingerspitzengefühl sowie die unermüdliche Bereitschaft, die Wirklichkeit wie einen Kreisel im allerkleinsten Kreise tanzen zu lassen; aber die Wortführer sind routiniert und von einem unbändigen Willen beseelt. Dennoch scheint die Allianz politischer Strippenzieher und journalistischer Leichtgewichte erste Auflösungstendenzen zu zeigen, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass die meisten Menschen einfach müde geworden sind, den Pirouetten eines irregeleiteten Spielzeugs zu folgen. Eine zunehmende Anzahl von Menschen denkt, wie die FAZ unlängst berichtete, über vieles anders als in der Presse vielfach behauptet wird. Und das gilt auch für das Thema Familie.
Familie: Hort des Herzens und der Liebe

Auch wenn die Größe der Familie geschrumpft ist und ihr Zusammenhalt häufig mehr auf Nutzen als auf Liebe gegründet ist, so ist sie immer noch ein «Hort des Herzens und der Liebe, der Verlässlichkeit und der Loyalität», wie Christine Brinck vom Onlineportal der FAZ schreibt: «Die ständigen Nachrichten von Scheidungen und Alleinerziehenden lassen vermuten, dass die Familie zerfällt, doch fast drei Viertel aller Kinder wachsen in Deutschland in herkömmlichen Familien auf.» Die in der Familie herrschende Solidarität sei ihr auffälligstes Merkmal, was sie für alle, auch die Jugend, so anziehend mache. Selbst Allensbach oder Emnid bestätigen, dass eine intakte Familie und Partnerschaft für knapp 80 Prozent der Bevölkerung «sehr wichtig» ist, ja als «Quelle persönlicher Lebensqualität» gilt.
Abwehr neuzeitlicher Erziehungsmodelle

Gleich, welche Statistik zu Rate gezogen wird: Kinder aus intakten Familien sind erfolgreicher in der Schule und im Leben. Ehe und Familie sind nicht nur ein wirtschaftlich stabiler Ort, Verheiratete sind zufriedener als Unverheiratete. Zahlreiche Texte aus der Hip-Hop-, Punk- oder Rockszene sind in der Abwehr neuzeitlicher Erziehungsmodelle (Patchworkfamilie, Alleinerziehung und Fremdbetreuung) regelrechte Plädoyers für das traditionelle Familienmodell: Die Familie bleibt quer durch alle Schichten und Bevölkerungsgruppen für die meisten der «Verbund von Menschen, die einander helfen, auf die man bauen kann». In diesem Zusammenhang weist die FAZ auf die vom Grundgesetz formulierte Familienpflicht hin, wonach die Pflege und Erziehung der Kinder «das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht» darstellt. Ihre Familienpflicht ernst nehmend, wünschen sich zwei Drittel der Eltern Erleichterungen für junge Familien mit Kindern, insbesondere dass der zeitweilige Rückzug eines Elternteils aus dem Berufsleben ohne finanzielle Einbußen ermöglicht wird. Dass der Schwerpunkt für die Familienpolitik in der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf liegt, denken immerhin 78 Prozent der Eltern.
Gelebte Konstanz familiärer Grundwerte

Verlässlichkeit, Solidarität, Opferbereitschaft – die gelebte Konstanz der familiären Grundwerte zeigt sich auch bei der Pflege von Eltern und Großeltern. Nicht etwa 30 Prozent der zu pflegenden Alten, wie man, den Abgesängen auf die Familie folgend, glauben könnte, sondern 70 Prozent werden zu Hause betreut. Und: «Über Zweidrittel der pflegenden Angehörigen tun das ganz allein. Wäre die Familie ein Auslaufmodell, würde die Solidarität nicht die Jahre der Kleinkindbetreuung und die Jahre der Altenpflege überstehen», schreibt die FAZ, um abermals die Brücke zum Grundgesetz zu schlagen, wonach Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz des Staates, der auf das Funktionieren der Familie angewiesen ist, stehen. Doch bedeutet das nicht auch, dass dem Staat dieser Schutz lieb und teuer sein sollte?
Medien forcieren einen Kulturbruch

Junge Familien wünschen sich eine ideelle und finanzielle Anerkennung ihrer Familienarbeit, doch über Geldsorgen klagen fast 50 Prozent der Befragten. Warum ist das Doppelverdienermodell die Grundlage für die Existenzsicherung der Familie? Weshalb steht die dreijährige Elternzeit auf dem Prüfstand? Und wieso ist gerade in intellektuellen Schichten Familie ein Synonym für Hausfrauen-Ghetto? Wenn, wie immer wieder gesagt wird, vom Familienglück nicht nur alle Familienmitglieder profitieren, sondern die ganze Gesellschaft, ist es nicht nachvollziehbar, warum die Medien einen Kulturbruch forcieren mit dem Ziel, Ehe und Familie nicht mehr als der menschlichen Natur gemäße Institutionen anzuerkennen, sondern als soziale Konstruktion.
Vermeintliche Glückssuche von »hoher Hand» gelenkt

Warum also wird das Leitbild der lebenslangen Ehe zugunsten einer kritiklosen Akzeptanz der «seriellen Monogamie» (Neue Ordnung) verabschiedet, die es ermöglicht, jederzeit «unbefriedigende Verbindungen aufzugeben und nach besseren Perspektiven zu suchen»? Weshalb wird in Kauf genommen, dass die Folgen dieser Art der Glückssuche, insbesondere die Konsequenzen, die sich für die Kinder ergeben, das Gemeinwesen auffangen muss? Am Ende dieser Fragekette ergibt sich im Hinblick auf den ersten Teil dieses Artikels, wo der Sinngehalt von Aussagen, die das Ende der Familie beschwören, hinterfragt wurde, eine ganz andere Frage: Ist es vielleicht denkbar, dass sämtliche Prophezeiungen, die den Abgesang auf die Familie zum Inhalt haben, nur das vorwegnehmen, was von «hoher Hand» still und heimlich vorbereitet wird? Im Gewirr und Getöse unnützer, im Medienwind heißlaufender und den geistigen Abrieb fördernder Diskussionen, entsteht soviel Verwirrung und Konfusion, dass niemand bis ins Zentrum der Ursachen (und ihrer Urheber) vorzustoßen vermag. Es will auch kaum jemand. Selbst die notwendigen Fragen werden nicht gestellt. Wer weiß, wie die Antworten lauten würden. Wollen wir sie hören?
(wird fortgesetzt)

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