Öffentlich finanzierte Kinderbetreuung: Der Staat greift nach den Kindern

 Der Staat greift nach den Kindern
Frage an Albert Wunsch: Sie fordern eine Reduzierung von öffentlicher Erziehung - das durch den Deutschen Bundestag verabschiedete Gesetz zum Ausbau der Tagesbetreuung für 0-3-jährige Kinder macht aber nun genau das Gegenteil von dem, sorgt nämlich für den weiteren Ausbau, der sowohl fachlich wie auch politisch quer durch alle Parteien dem Grunde nach unbestritten ist. Muss Sie diese Entwicklungen nicht geradezu erzürnen?
von Albert Wunsch
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Meine Reaktion ist eine Mischung aus Bedauern, Erzürnen und Ratlosigkeit. Ich begreife es nicht, wenn der Vertreter der Bischofskonferenz in Berlin sagt, das Konzept sei nur deshalb fragwürdig, weil die Finanzierung nicht gesichert sei. Damit sagt er doch, dass es dem Grunde nach richtig sei. Große Familienverbände äußern sich teilweise auch so, wobei manche Frauen in verantwortlichen Funktionen leicht in die Gefahr geraten, in einer solchen Position nicht Familien- sondern Frauenpolitik zu betreiben. Auch da gibt es einen gewissen Unterschied. Ich kann diese politischen Initiativen wirklich nicht nachvollziehen.
Wir haben vor Jahrzehnten ein braunes Erziehungssystem und in der Ex-DDR ein sozialistisches Erziehungsmodell überwunden und verdeutlicht, dass die Eltern in der Erst-Verantwortung für das Aufwachsen ihrer Kinder stehen. Und jetzt wird auf einmal wiederum aus eher populistischen Gründen eine Öffentliche Erziehung eingeführt. Dass ein solches Konzept der Bundesregierung mit der Überschrift „Es geht um das Kindeswohl“ angekündigt wird, indem 20% der unter Dreijährigen mit einem Krippenplatz beglückt werden sollen, attackiert nicht nur den im Grundgesetz geregelten elterlichen Erziehungsauftrag, sondern macht alle verantwortlich handelnden Eltern gleichzeitig zu Unholden, welchen möglichst lange – zum Wohle des Kindes – der Nachwuchs vorenthalten werden soll.
Das Argument, dass die berufstätige Frau auf die Sicherheit der Kinderbetreuung bauen können müsse und wir deshalb mehr Tagesbetreuungsplätze besonders für die unter 3-Jährigen benötigen - auch im internationalen Vergleich -, um mehr Kindern eine Chance des Geborenwerdens zu geben, wird jedoch durch die unterschiedlichsten Fakten eindeutig widerlegt.
Zu viele Politiker ignorieren dies jedoch gezielt
Im Hinblick auf die Betreuungsplatzsituation in der Ex-DDR, wo immerhin für fast alle Kinder ein Betreuungsplatz existierte, äußerte schon vor Jahren Prof. Herwig Birg, dass schon in den achtziger Jahren in der DDR mehr Sterbefälle als Geburten auszumachen waren. Heute haben wir dort, bei einem gut 30fach höheren Angebot an Krippenplätzen, eine Kinderzahl von 1,2 Kind pro Frau, während im Bundesdurchschnitt 1,4 Kindern pro Frau geboren werden.
Auf dem Hintergrund dieser Fakten kann niemand behaupten, dass vorhandene Betreuungsplätze Eltern animieren, mehr Kinder in die Welt zu setzen. Auch die Allensbach-Studie zum Thema: ‚Kinderwünsche der Deutschen’ bringt das Gleiche zum Ausdruck: Im Beruf kein Risiko eingehen wollen, Selbstverwirklichung, Konsumverzichts-Sorgen und sich die Erziehungsaufgabe nicht zuzutrauen, werden als Gründe angegeben, keine Kinder bekommen zu wollen, selbst wenn genügend Betreuungsplätze vorhanden wären.
Wer die Augen vor diesen Fakten nicht verschließt und ergänzend zur Kenntnis nimmt, dass Baden-Württemberg die höchste Geburtenrate und gleichzeitig den geringsten Betreuungsschlüssel in der Bundesrepublik hat, dann frage ich mich ernsthaft, wo Vertreterinnen der Position: ‚Mehr Krippen gleich mehr Kinder’ diese Annahmen herleiten. Auch wenn ich für die ersten 3 Lebensjahre eine Erziehung durch die eigenen Eltern favorisiere, wird es in einer modernen Gesellschaft bzw. in einem demokratischen Staat unumgänglich sein, Krippenplätze und Nachmittagsbetreuung für Schulkinder zu schaffen.
Aber wieso wird ein solches Angebot gleichzeitig zu 80 % von der öffentlichen Hand finanziert? Und dann wird auch noch gesagt, es würde um einen wichtigen Bedarf gehen. Wenn das Volk riefe, es wolle zu 80% subventioniertes Benzin haben, würde der Staat sagen, das sei Unfug. Ruft das Volk, wir brauchen mehr Betreuungsplätze, wird nicht nach dem Kindeswohl oder wichtigen Rahmenbedingungen gefragt sondern sofort festgehalten, dass dies ein wichtiger Bedarf sei und die öffentliche Hand habe ihn sicher zu stellen.
Vor einiger Zeit plädierte ein Wirtschaftwissenschaftsprofessor aus Münster in einem Artikel dafür, man solle die Eltern mit einem Gutschein ausstatten, der dann in einer privaten oder öffentlichen Kindertagesstätte eingelöst werden kann. Die Kinder können dann dorthin geschickt werden, wo die beste Förderung angeboten wird. Das besondere dabei: es würden alle Eltern diesen Gutschein bekommen.
Schon in meinem Buch: „Abschied von der Spaßpädagogik“ habe ich ausgeführt, dass nicht eingelöste Betreuungs-Schecks dann im weiteren Verlauf mit Leistungen eines Nachmittagsangebotes an Schulen oder als Ausbildungszuschuss verrechnet werden können und mögliche Restsummen der persönlichen Rente zugeschlagen werden. Dann würde endlich die durch Eltern erbrachte Erziehungsleistung aus ihrer Benachteilungs-Ecke herausgeholt. Denn wenn man sich vor Augen führt, dass ein Krippenplatz die öffentliche Hand durchschnittlich 1.200 € pro Monat kostet, entsteht eine dermaßen große soziale Ungerechtigkeit, dass Doppelverdiener gleichzeitig auch ein stattliches Zusatzkindergeld von 1.200 € vom Staat erhalten, während diejenigen, die sich um die Kindererziehung in der eigenen Familie sorgen (müssen) dabei ausgegrenzt werden.
Das ist ein direkter Verfassungsbruch, denn das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1999 hat deutlich unterstrichen, dass die Chancengleichheit der Wahlfreiheit darin besteht, dass Eltern, die sich eine Kinderbetreuung wünschen oder auch nicht wünschen, finanziell in den Leistungen des Staates gleichgestellt sein müssen. Das allerdings wird von diesem System massiv konterkariert. Hier gilt es gegenzusteuern. Und um den starken finanziellen Druck von manchen Eltern zu reduzieren, benötigen diese für die ersten drei Lebensjahre ein angemessenes Eltern-Erziehungsgeld, welches dann – in echter Wahlfreiheit - zur nicht vorab subventionierten Krippe getragen werden kann oder im eigenen Haushalt verbleibt.
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Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
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