Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung

Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung
Wir bringen im folgenden eine Zitatensammlung zur "Forschungslage zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung" - aus einem vom Bundesfamilienministerium geförderten Gutachten.
von Thomas Otten
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„Die Effekte vorschulischer Bildungseinrichtungen werden seit Jahren kontrovers diskutiert. Obwohl Konsens darüber herrscht, dass das Elternhaus den wichtigsten Einflussfaktor auf die kindliche Entwicklung darstellt, ist mittlerweile deutlich geworden, dass institutionelle vorschulische Betreuung ebenso substantielle Auswirkungen hat […].
Die große Diversizität an außerfamiliären Betreuungstypen, Unterschiede in der Persönlichkeit des Kindes und die komplexe Vielfalt an familialen Lebensverhältnissen macht eine universelle, klar positive oder negative Wirkung von Kindertageseinrichtungen jedoch unwahrscheinlich. Die Forschung konzentriert sich auf das Ausmaß, die Art und Qualität der Betreuung sowie das Eintrittsalter des Kindes ebenso wie auf die kombinierten Auswirkungen dieser Faktoren auf Kinder mit unterschiedlichen familialen Hintergründen. Zwei Faktoren werden in den Studien verfolgt: zum einen die Spezifität und zum anderen die Dauerhaftigkeit der Effekte.
Die hauptsächlich im US-amerikanischen Raum durchgeführten Langzeitstudien der Wirkungsforschung, z. B. die „Early Childhood Longitudinal Study“ (ECLS), das Panel des „National Institute of Child Health and Human Development“ (NICHD Study) oder die „Study of Cost, Quality and Child Outcomes in Child Care Centers“ (CQO) zeugen von einer intensiven Forschungsarbeit in den letzten 20 Jahren. Die NICHD-Studie liefert den bislang detailliertesten und umfangreichsten Blick auf Kinderbetreuungseffekte. Ihre Ergebnisse sind allerdings nicht ohne weiteres zu generalisieren, da Familien mit niedrigem sozio-ökonomischem Familienhintergrund in der Studie unterrepräsentiert sind.
In einer großen Spanne von Studien zeigten sich deutliche positive Effekte der institutionellen Betreuung im Vergleich zur häuslichen Betreuung auf die Bereiche Kognition und Sprache […]. Inwiefern diese Effekte allerdings langfristig überdauern, wird weiterhin kontrovers diskutiert. Während einige Studien lang andauernde Effekte mindestens durchgehend bis zum Ende der Grundschulzeit feststellen […], zeigen andere, dass die Effekte nach den ersten Schuljahren verblassen […].
Belsky (2007) führt an, dass Zusammenhänge zwischen Betreuungserfahrung und Kindesentwicklung allgemein mit der Zeit dissipieren. Insbesondere die Einflüsse der Kindergartenerfahrung und der mitwirkenden Schulumgebung, wie z. B. die Unterrichtsmethoden oder die Lehrer-Schüler-Beziehung auf die Dauerhaftigkeit der Effekte sind weiterhin umstritten. Die Relevanz der Qualität der Betreuung wird immer wieder betont. Die Ergebnisse der NICHD-Studie zeigen, dass die Qualität der Kinderbetreuung die kognitive Entwicklung mitbestimmt […].
Die Forschungsergebnisse in Bezug auf die Wirkung des Besuches einer Kindertageseinrichtung auf das Sozialverhalten sind uneinheitlich. […] Die Zusammenhänge sind komplex, es zeigt sich ein noch weitreichender Forschungsbedarf. Auch die Ergebnisse bezüglich des Einflusses der Dauer von außerfamiliärer Betreuung sind inkonsistent. Andersson (1992) stellt fest, dass Kinder, die bereits im ersten Lebensjahr außerfamiliär betreut wurden, im Alter zwischen 8 und 13 Jahren bessere Schulleistungen und eine höhere Sozialkompetenz zeigen als Kinder, die erst später in den Kindergarten gingen oder ganz zu Hause betreut wurden. […] Vandell und Corosonati (1990) dagegen zeigen auf, dass Kinder mit extensiver Betreuungserfahrung vom jungen Alter an im Vergleich zu Kindern mit Teilzeitbetreuung oder Hauskindern in Bezug auf Sozial- und Arbeitsverhalten und emotionaler Gesundheit von ihren Lehrern deutlich schlechter eingeschätzt werden, zudem zeigen sie schlechtere akademische Leistungen. Auch Belsky, Burchinal, McCartney et al. (2007) bestätigen dies und berichten von deutlich höheren externalisierten Verhaltensstörungen der Kinder, die mehr Stunden in der Betreuung verbrachten. Honig und Park (1993) stellen einen direkten Zusammenhang zwischen Kindergartenbesuchsdauer und physischer und verbaler Aggressivität fest. […]
In Deutschland existieren bis dato kaum aus Langzeitstudien gewonnene Daten zu den Effekten des Kindergartenbesuchs auf die Kompetenzen und den späteren langfristigen Schulerfolg. Die einzige spezifisch in diesem Bereich angesiedelte deutsche Langzeitstudie […] von Tietze, Rossbach und Grenner (2005) betont v. a. die positiven Auswirkungen einer qualitativ guten und die negativen Auswirkungen einer qualitativ schlechten Fremdbetreuung auf die Entwicklung der Kinder.
Für Deutschland ist daher im internationalen Vergleich ein erheblicher Nachholbedarf bei der Erforschung der Effekte institutioneller Kindertagesbetreuung festzustellen. Dies gilt umso mehr, als die Ergebnisse der amerikanischen Studien nur mit Einschränkungen auf Deutschland übertragen werden können. Die amerikanischen „programs“ sind nicht mit der flächendeckenden Kindertagesbetreuung in Deutschland gleichzusetzen. Programme wie Headstart oder Abecedarian sind erheblich intensiver und teurer als die normale Kindertagesbetreuung hierzulande.
Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass trotz extensiver Forschungsarbeit die generellen Ergebnisse über Effekte institutioneller Kinderbetreuung bislang noch immer uneinheitlich und zum Teil widersprüchlich sind. Die Mehrzahl der Studien deutet auf eine positive Wirkung der frühkindlichen Kinderbetreuung auf kognitive und sprachliche Fähigkeiten – zum Teil auch mit Auswirkungen auf den langfristigen Schulerfolg – und gleichzeitig negative Auswirkungen auf soziale Kompetenzen hin. Eine zunehmende Zahl von Studien verweist auf die entscheidende Bedeutung der Qualität der Kinderbetreuung (Erzieherausbildung, Erzieherrate, Zuwendungszeit, Gruppengröße, Curriculum u. a.) im Hinblick auf die Effekte einer institutionellen Kindertagesbetreuung auf die Kompetenzen der Kinder.“
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Quelle: Hüsken, Katrin/Seitz, Katharina/Tautorat, Petra/Walter, Michael/Wolf, Karin (2008): Kinderbetreuung in der Familie. Abschlussbericht. München, S. 19-22. Die Publikation steht auf der Homepage des Deutschen Jugendinstituts München zum Download bereit: Deutsches Jugendinstitut München.
Anmerkung: Bei dieser Publikation handelt es sich um den Abschlussbericht des Forschungsprojekts „Kinderbetreuung in der Familie“, das vom Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund an der Technischen Universität Dortmund in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut durchgeführt und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wurde. In diesem Forschungsprojekt wurde – wie es im „Executive Summary“ heißt –untersucht, „aus welchen Gründen Eltern sich dafür entscheiden, ihr Kind in der Familie zu betreuen und es nicht in eine Kindertageseinrichtung zu geben. Erstmalig für Deutschland wird ein vertiefter Einblick in die Begründungsmuster der Familien gewährt, deren Kinder keine Kindertageseinrichtung besuchen, und werden Angaben zur quantitativen Verteilung dieser Begründungsmuster gemacht“ (Ebenda S. 9).
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