Zur Lage der Nation (heute: Kinderarmut)

 Kinderarmut)
Auf welcher geistig-moralischen Stufe eine Nation steht, lässt sich recht gut mit Blick auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft bestimmen, worunter jene Personen fallen, deren politische Mitbestimmung gegen Null tendiert: die Kinder. Ein anderes Mittel zur Positionsbestimmung ist die Bewertung des Diskussionsniveaus, mit dem zentrale Debatten geführt werden. Somit dürfte das Thema Kinderarmut, das mittlerweile zum Standardrepertoire deutscher Journalisten zählt, die besten Voraussetzungen erfüllen, um einen Bericht zur Lage der Nation zu verfassen.
von Mark Rinasky
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Wenige Wochen nach Veröffentlichung der Bertelsmann-Studie im April, wonach in Deutschland jedes sechste Kind als arm gilt, inszenierten führende Tageszeitungen und Online-Portale eine Gegenwelle mit entsprechenden Korrekturmeldungen («Kinderarmut nur halb so hoch wie gedacht»/«Forscher patzen bei Berechnung»/«Statistikpanne»). Abgesehen davon, dass die neuen Daten in bestimmten Kreisen als unglaubwürdig eingestuft werden und die Methode, die zur Anpassung herangezogen wurde, im besten Fall als umstritten gilt, bezog sich die Korrekturwelle nicht auf die Bertelsmann-Studie, sondern auf die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verbreiteten Daten aus dem Jahre 2009 (!).
Inszenierter Zusammengang

Obwohl die genannten Meldungen lediglich in der Grundthematik (Kinderarmut) eine Schnittmenge aufwiesen, entstand durch die zeitliche Nähe der Schlagzeilen bei den meisten Lesern der Eindruck eines sachlichen Zusammenhangs, als handelte es sich um dieselbe Erhebung, was auch dadurch möglich wurde, dass die Journalisten den Verweis auf die kürzlich publizierte Bertelsmann-Studie schuldig blieben. Ferner wurden beide Nachrichten mit demselben Eifer über mehrere Tage ins Zentrum gehievt und im Hinblick auf Platzierung und Gewichtung gleichwertig behandelt. Absicht oder Zufall? Vergesslichkeit oder Propaganda? Oder einfach nur die übliche Schlamperei des Tagesgeschäfts? Auf jeden Fall ein Beispiel, an dem sich sehr gut belegen lässt, wie unsere Medien arbeiten. Unseriös.
Bertelsmann-Studie vs. DIW-Studie

In der aktuellen, also noch gültigen Bertelsmann-Studie bezeichnet Kinderarmut den Anteil der unter 15-Jährigen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II beziehen: Besonders betroffen sind Berlin (35,7 Prozent) und Deutschlands Osten, aber auch andere westdeutsche Großstädte wie Hamburg (23 Prozent) oder Bremen (30 Prozent). In den westdeutschen Flächenländern ist die Kinderarmutsquote zum Teil deutlich niedriger mit der schon fast obligatorisch sinkenden Tendenz Richtung Süden: Nordrhein-Westfalen (17,2 Prozent), Hessen (14,6 Prozent), Rheinland-Pfalz (12,1 Prozent). In Baden-Württemberg und Bayern ist die Kinderarmut am niedrigsten: 8,3 bzw. 7,4 Prozent.
Die Berechnungsmethoden des DIW beruhen auf einer anderen Grundlage: als arm wird ein Haushalt definiert, wenn dieser über weniger als 60 Prozent des Zentralwerts (Medianeinkommen/Durchschnittseinkommen) des verfügbaren Haushaltseinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. «Erst wer diese 60 Prozent überschreitet, gilt nicht mehr als arm.» Die OECD verwendet hingegen eine 50-Prozent-Grenze des durchschnittlich verfügbaren Einkommens. Anstatt bei 16,3 Prozent, wie 2009 vermeldet, soll die Kinderarmut damals nur bei 10 Prozent gelegen haben (aktueller Wert: 8,3). Abgesehen vom ersten Versäumnis, die Verschiedenartigkeit der Studien betreffend, wurde der Begründungszusammenhang für die genannten Korrekturen, deren Richtigkeit beispielsweise der Statistiker Gerd Bosbach anzweifelt (siehe Link: Interview) nicht hinterfragt.
Stattdessen nutzten die Medien (wie stern- oder spiegel.de) die neuen Zahlen, um darauf hinzuweisen, dass die Kinderarmut in Deutschland «stets unter dem OECD-Schnitt von 12,3 Prozent» lag. Dass aber die OECD einen niedrigeren Schwellenwert (50 Prozent) bei den Berechnungen zu Grunde legt, so dass ein Vergleich der Werte gar nicht möglich ist (siehe Link: DIW-Pressemitteilung), wird nicht erwähnt. Wussten die Stern- und Spiegel-Redakteure nicht Bescheid? Oder sind die Dinge, über die wir hier schreiben, zu kompliziert? Und wieder muss gefragt werden: Absicht oder Schluderei? Was heißt journalistische Sorgfaltspflicht? Schon an diesem Punkt zählen wir drei schwerwiegende Versäumnisse in einem einzigen Artikel. Immerhin hat die FAZ kürzlich zumindest auf die unterschiedlichen Berechnungsmethoden des DIW und der OECD hingewiesen (Siehe Link: «Die Ware Zahlen»).
Armut ist sozialer Ausschluss

Doch selbst unter Zugrundlegung der Korrekturwerte sind Kinder und junge Erwachsene, wie nicht nur das DIW auf seiner Website betont, die am stärksten von Armut betroffene Gruppe in Deutschland. Dieser Befund und nicht die grundsätzlichen Zweifel am Wert von statistischen Erhebungen oder das Gerangel um den tatsächlichen Anteil der Betroffenen müssten, würden die Dinge wirklich ernst genommen, im Zentrum der Auseinandersetzung stehen. Und damit sind wir beim vierten Versäumnis.
In einer interessanten Analyse untersucht der ehemalige Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags, Daniel Kreutz, Art und Wirkungsweise der Mechanismen, die zur Kinderarmut führen (siehe Link: Armutsdefinitionen), ebenso den Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum, die amtlichen Methoden der Armutsmessung sowie mögliche Lösungsansätze zur Überwindung des Problems. In seinem Aufsatz «Armut und Reichtum in Deutschland und Nordrhein-Westfalen» zitiert er die Armutsdefinition des Europäischen Rates und liefert damit einen wichtigen Baustein für den Ausgangspunkt jeder Debatte, der in den von uns untersuchten Artikeln allerdings keine Erwähnung fand. Diskutieren ohne Grundlage. Das fünfte Versäumnis.
Nach dieser Begriffsbestimmung gelten Menschen als arm, wenn sie «über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist». Hier handelt es sich, wie Kreutz ausführt, um einen relativen, teilhabebezogenen Armutsbegriff («Armut ist sozialer Ausschluss»). Dieser mehrdimensionale Armutsbegriff berücksichtigt, dass es für die soziale Teilhabe nicht vordergründig ums Geld geht, dass es auch darauf ankommt, den rechten Zugang zur Bildung zu finden und ob man in ein tragfähiges familiäres oder sonstiges Netzwerk sozialer Beziehungen eingebunden ist und damit über bessere Möglichkeiten aktiver Lebensgestaltung verfügt – Voraussetzungen (des Glücks), die in einer Marktgesellschaft freilich maßgeblich vom verfügbaren Einkommen abhängen.
Materielle Armut – geistige Armut

Wenn ein größerer Prozentblock des schwächsten Teils der Bevölkerung, worunter Kinder zählen, von Armut betroffen ist, dann ist nicht so sehr die Frage relevant, wie groß der prozentuale Anteil der Betroffenen tatsächlich ist, ebensowenig die These von der Scheingenauigkeit von Studien, so berechtigt sie auch sein mag. Im konkreten Fall einer so hochsensiblen, in die Nervenzentren der Gesellschaft zielenden Angelegenheit dürfte erst einmal die Frage von Interesse sein, welche Mechanismen wirken, dass sich eines der reichsten Länder der Welt Kinderarmut überhaupt leistet.
Die Streitereien um die Korrektheit von Zahlenwerten laufen an dieser Frage vorbei mit einer Systematik, der etwas Methodisches anhaftet. Und so sehen wir in diesen Ablenkungsmanövern das sechste und vielleicht entscheidende Versäumnis, das von einer gewissen geistigen Armut zeugt. Ausweichen als Mittel zur Distanz. Denn wer lediglich im Namen von Zahlen streitet, führt Scheingefechte zur Verschleierung der eigentlichen Fragestellung und überlässt das Thema den publizistischen Organen des linken Spektrums. Warum wurde eine andere OECD-Studie nicht zitiert, wonach die Ungleichverteilung der Einkommen in den vergangen 20 Jahren so stark zugenommen hat wie in fast keinem anderen OECD-Mitgliedsland? Wenn der Anteil der Kinder, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, über Jahrzehnte deutlich ansteigt, kann die Brisanz der Situation kaum überschätzt werden. «Die Betroffenen werden Opfer einer umfassenden sozialen Ausgrenzung – von Chancengerechtigkeit kann mit Blick auf den weiteren Lebensweg» nicht mehr die Rede sein (siehe Link: «Kinderarmut in Deutschland»).
Armut ist immer an ihr Gegenteil gebunden: am Reichtum der anderen. Daniel Kreutz: «Während die Befassung mit Armut etwas Deprimierendes hat, finde ich die Befassung mit Reichtum eher inspirierend, weil sie einen Eindruck vermittelt von den ungeheuren Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft tatsächlich hätte.» Der Gesamtbesitz privater Haushalte in Deutschland wurde im Jahr 2003 auf 9.000 Milliarden Euro geschätzt. «Die Hälfte der Haushalte hatte an diesem Vermögen nur einen Anteil von insgesamt vier Prozent. Ein Zehntel der Deutschen hielt jedoch einen Anteil von 47 Prozent, und ein Prozent der Bevölkerung besitzt 25 Prozent des Geldvermögens. Diese Verteilung soll gerecht und das Ergebnis von Leistung sein?» (Oskar Lafontaine – «Politik für alle»).
Mit welcher Berechtigung zielt die staatliche Steuer- und Abgabenpolitik darauf, die sogenannten «Leistungsträger» zu entlasten, worunter vor allem die Bezieher von Kapital- und Vermögenseinkommen verstanden werden? Weshalb soll es in Deutschland nicht möglich sein, den Spitzensteuersatz, wie in Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, den Niederlanden und Schweden wieder über 50 Prozent zu heben? Warum treten die Reallöhne auf der Stelle, während die Unternehmergewinne stetige, zum Teil eskalierend hohe Zuwächse aufweisen? Wem dient die «politisch verordnete Deregulierung des Arbeitsmarktes, die zur Entgrenzung prekärer Beschäftigung und einer regelrechten Explosion des Niedriglohnsektors geführt hat», wie es in einem Positionspapier der Linken heißt. Oder sind dies nur Hirngespinste sozialistischer Sektierer? Wurden die Sozialeinkommen nicht systematisch immer weiter nach unten gedrückt? Ist es nicht alarmierend, dass selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung Deutschland «auf dem Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft» sieht? (siehe Link: «Eltern unter Druck»).
Die Beschwörung der Gefahr eines sozialistischen Europas bleibt inhaltslos und leer, wenn wir die Leitthemen der Linken nicht selbst in die Hand nehmen und entsprechende Antworten formulieren. Kaum noch ein Leser interessiert sich für die geschilderte Art von Scheingefechten über Zahlenwerte und Statistiken: diesem sinnlosen Rauschen und geisttötendem Geschnatter auf den Plattformen des finalen Stumpfsinns. Vielleicht thematisiert ja bald eine neue Popgruppe den Abgesang auf das nervtötende Geschacher mit den ewig gleichen Ziffern. Der Name des Ensembles könnte lauten: «Hundert Prozent». Refrain: «Herr Ober – bitte Zahlen!»
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Pressemitteilung DWI Berlin: Statistikdebatte: Kinder- und Jugendarmut ist nach wie vor das drängendste Problem
Gerd Bosbach (Interview): Die Daten sind hochgradig unblaubwürdig
FAZ: Die Ware Zahlen
Danie Kreutz: Armutsdefinitionen
Telepolis: Kinderarmut in Deutschland
Konrad-Adenauer-Stiftung (sozialwissenschaftliche Untersuchung): Eltern unter Druck
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