Wer früher philosophiert, ist länger weise…

Wer früher philosophiert, ist länger weise…
Im Kindergarten ist ein Raum irgendwie feierlicher als die anderen. Heute sogar mit leiser Hintergrundmusik. Auf dem Boden liegen 13 Kissen, im Kreis angeordnet, in der Mitte ein umgestülpter Korb. Die 12 Kinder kommen still herein und nehmen auf den "Philosophenkissen" Platz. Sabine Meier, die Erzieherin, deutet stumm auf den Korb. Ein leises Ticken geht von ihm aus. Zögerliche Stille. Dann beginnt das Raten, was unter dem Korb versteckt ist...
von Roswitha Wiesheu
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"Kinder philosophieren" – eine bayerische Initiative

"Ein Wecker!" Frau Meier holt ihn hervor und fragt reihum: "Wozu brauchst Du einen Wecker?" – "Um pünktlich in den Kindergarten zu kommen", sagen einige. "Manchmal wünsche ich mir, daß es keine Uhr gibt. Dann könnte ich draußen spielen, bis es dunkel wird", fügt dann Florian hinzu. "Aber dann würdest du am nächsten Morgen so müde sein", wendet Anne ein, "dass du zu spät zum Kindergarten kommst." Die Kinder zählen Vor- und Nachteile eines nach der Uhr geregelten Lebens auf. Dabei stellen sie fest, daß sie sich ein Leben ohne Uhren gar nicht vorstellen können. Was ist die Zeit? An der Frage haben sich schon große Denker abgearbeitet.
Zweite Runde: Die Kinder haben Bilder gemalt, die sie jetzt reihum erklären. Thema: Wie stellst du dir dein Leben vor – vom Anfang bis zum Ende? Auf einem Bild ist ein Baby zu sehen, auf einem anderen ein Kind mit Schulsack, auf einem dritten ein alter Mann.
Dann dritte Runde: Alle schließen sie die Augen und sollen sie nach einer Minute wieder öffnen und aufzeigen. Die Kinder erleben, daß die Minute für den einen kürzer und für den anderen länger dauert. "Warum", wird schließlich gefragt, "vergeht einem die Zeit manchmal langsam und manchmal schnell?" Lisa: "Wenn man auf Weihnachten wartet, vergeht die Zeit ganz langsam." Lion fällt ihr ins Wort: "Wenn ich mit meinem Freund spiele, vergeht sie ganz schnell."
Diese Szenen in München spielen sich so oder ähnlich zunehmend in bayerischen Kindergärten und Grundschulen ab. "Kinder philosophieren" heißt das Programm. Initiator ist das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e.V. Es hat 2004 die Akademie Kinder philosophieren ins Leben gerufen, die das Programm inhaltlich entwickelt, praktisch erprobt und qualitätsgesichert in Kindertagesstätten, Horten und Schulen umsetzt. Ihr Motto: "Kind sein. Sinn erfahren. Werten lernen." Wann aber fängt man damit an?
Kinder stellen die großen Warum-Fragen. Wer aber hört ihnen heute noch ernsthaft zu? In der öffentlichen Diskussion über Ganztagesbetreuung, möglichst schon ab dem Kleinkindalter, ist immer wieder die Rede vom „Wohl der Kinder“. Was genau darunter zu verstehen ist, bleibt aber vage und unbestimmt.
Da ist es eben leichter, über Kindheit und Kinderbetreuung quantitativ, strukturell und finanziell zu sprechen. Man verschweigt nicht einmal, dass hierbei wirtschaftliche Interessen und egoistische Betroffenheit im Vordergrund stehen. Die Lebenswelt der Kinder und deren ureigene Bedürfnisse finden erst nachrangig Aufmerksamkeit. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., die das Programm finanziell unterhält, denkt da anders: Eine nachhaltig zukunftsfähige Gesellschaft braucht lebensstarke, seelisch gesunde und selbstbewusste junge Menschen, die um eine verantwortliche Lebensplanung und Lebensgestaltung wissen.
Die Grundlagen dafür werden in der frühen Kindheit gelegt, zuerst im Elternhaus, dann auch in Kindertagesstätten- und im Schulalltag. Will man dem „Wohl der Kinder“ gerecht werden, wird man nicht umhin kommen, auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen im Rahmen einer ehrlichen Klärung und Erhellung der Werte kritisch zu prüfen.
Die Akademie Kinder philosophieren stellt das „Wohl der Kinder“ in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie versteht ihr Programm als Anleitung zur praktischen Lebensführung. Kinder sollen Kind sein dürfen, einen Sinn im Leben erfahren und lernen, sich an lebensgerechten Wertmaßstäben auszurichten. Kinder wollen wissen, „wie Leben geht“. Ihnen wohnt noch eine ursprüngliche Liebe zur Wahrheit und Weisheit inne. Sie sind kleine Philosophen. Kinder philosophieren über die Fragen, die Kinder bewegen, und über die Ansichten, die sie äußern.
Die Akademie versteht Kinder philosophieren als Bildungs- und Erziehungsprinzip. Die Auseinandersetzung der Kinder mit sich selbst, dem Anderen und der Welt regt das Begreifen von Werten an, bildet die Fähigkeit zum Dialog heran, führt so ins Erleben von Demokratie ein, unterstützt sie ganzheitlich in ihrer Persönlichkeitsbildung.
Die Aufgaben der Akademie bewältigt ein Team von fünf festen Mitarbeiter/innen, einem wissenschaftlichen Berater und mehreren freien Mitarbeiter/innen. Ein begleitender Arbeitskreis und ein Beirat stehen beratend zur Seite, ergänzt um ein enges Netzwerk zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Mehrere bayerische Hochschulen sind Partner der Akademie, die ferner zusammenarbeitet mit den Staatsinstituten für Frühpädagogik (IFP), für Schulpädagogik und Bildungsforschung (ISB) sowie mit mehreren Bildungsträgern und Stiftungen.
In einer sehr erfolgreichen Pilotphase (2005/06) wurde ein integratives Modell zur Sinnorientierung, Wertebildung, Persönlichkeitsentwicklung und Demokratieerziehung entwickelt und an 12 Modellstandorten in Kindertagesstätten und Schulen eingeführt. In den Schulen beschränkte sich Kinder philosophieren nicht nur auf Fragen der Fächer Religion oder Ethik ("Wieso bin ich einzigartig?"; Ist es gerecht, wenn alle das Gleiche bekommen?"; Was bedeutet Vertrauen?"; "Wer bin ich?"; Was bedeutet Sterben?"). Philosophiert wurde auch in den Fächern Deutsch ("Wozu brauchen wir eine Sprache?"; "Warum haben Dinge einen Namen? Was wäre, wenn der Tisch nicht Tisch, sondern Auto hieße?") , Heimat- und Sachkundeunterricht ("Wann ist nie?"; "Warum gibt es Geld?"; "Bin ich noch der, der ich früher einmal war?"), Kunst und Mathematik ("Wozu braucht man Zahlen? Gibt es Zahlen wirklich?"; "Wieviel ist unendlich?" oder "Was bedeutet das Wort gleich? Was ist gleicher?"). Kinder philosophieren ist kompatibel sowohl mit dem Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan als auch mit den Lehrplänen unterschiedlicher Jahrgangsstufen.
Im September 2007 startet eine zweijährigen Modellphase in 32 weiteren Kindertages-einrichtungen, Grund- und Hauptschulen. An der Ausbildung der Ausbilder nehmen je Einrichtung zwei pädagogische Fachkräfte teil. Ihre Fortbildung wird staatlich anerkannt. Am Ende erhalten sie ein Zertifikat als Multiplikatoren für Kinder philosophieren.
Gewiss stellt sich die Frage: Können Kinder überhaupt philosophieren? Sie muss unbedingt bejaht werden. Kinder suchen nach Orientierung im Leben, sie wollen wissen, wer sie sind und stellen existentielle Fragen.
In einer Augsburger Grundschule haben die Kinder auf ihren Philosophenkissen soeben gespannt der Geschichte vom buntkarierten Elefanten Elmar gelauscht. Elefanten sind grau, nur Elmar ist bunt. Die anderen Elefanten lachen über Elmar. Elmar ist das leid und suhlt sich so lange im Matsch, bis auch er grau aussieht. Er fällt nicht mehr auf. Kein Lachen mehr. Die anderen Elefanten nehmen nicht mehr Notiz von ihm. Er spürt, wie er in der Masse untergeht. Da meldet sich Lukas ud sagt: "Über mich lachen manchmal andere Kinder auch, aber ich mag das nicht." Carla meint, es gebe doch immer wieder Kinder, die anders sind, aber nicht darauf achten, was andere denken. Die Lehrerin orientiert das Gespräch: "Jeder Mensch will so angenommen werden, wie er ist. War denn Elmar, als er nun elefantenfarben war, genauso wie die anderen?" Darauf Selina sofort: "Nein, nur von außen, aber unter der Matschfarbe war er bunt." Nach und nach kommen die Kinder auf die Frage: "Warum sind nicht alle Kinder gleich?" Niko zögert und meint dann: "Das wäre langweilig, auch wenn ich manchmal gerne so schön schreiben würde wie Katharina". Darauf Katharina lächelnd: "Dafür kannst Du gut Fußball spielen." Langsam festigt sich der Verdacht, daß die Welt auch eher grau als bunt wäre, wenn alle Menschen gleich wären. Am Ende der Geschichte wollte tatsächlich auch Elmar wieder bunt sein. Ein Schlusswort erlaubt sich Tobias: "Elmar hätte sich gar nicht anmalen müssen, denn die anderen Elefanten mochten ihn schon vorher."
Kinder sind noch frei im Denken. Um diese Freiheit zu erhalten, gilt es ihren Wissensdrang ernst zu nehmen und sie auf der Suche nach Antworten zu begleiten. Es gilt, eine ebenso kritische wie wertschätzende Auseinandersetzung mit sich, dem Anderen und der Welt zu fördern. Philosophieren ist eine natürliche Fähigkeit des Kindes. Damit Kinder philosophieren können, müssen sich Erwachsene auf die Fragen der Kinder einlassen, genau hinhören und sie verstehen wollen. Die Themen entspringen ihrem Alltagsleben und ihrer Erfahrungswelt.
Philosophieren beginnt mit dem Staunen und Zweifeln. Das Staunen über alltägliche Phänomene und die Neugierde des Kindes sind das Tor zur Philosophie. Kinder lassen sich noch fesseln von der Rätselhaftigkeit der Welt und stellen noch die Fragen, denen sich Erwachsene häufig schon verschlossen haben. Schlimm genug, wenn diese gar keine Antwort mehr suchen auf Fragen, mit denen alles Philosophieren immer schon begonnen hat, wie: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?
Kinder gehen zuerst spielerisch mit spontanen Einfällen und aufgeschnappten Begriffen um. Nach und nach setzen sie sich dann nachdenkend mit ihrer Lebenswelt auseinander. Das fordert und fördert ihre Denkfähigkeit. Sie müssen eigene Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Das schult ihre Sprachfähigkeit. Im gemeinsamen Gespräch lernen sie gegenseitigen Respekt. Sie entwickeln eine Haltung der Verständigung, des Friedens und der Freundschaft, vertrauen aber auch auf eine Trotzmacht des Geistes, wenn es darum geht, eine Überzeugung zu verteidigen. So bilden sie die eigene Persönlichkeit.
Im gemeinsamen, noch angeleiteten Weiterdenken erfahren die Kinder Orientierung, lernen werten, entwickeln ein Gespür für Werte, die schließlich nicht mehr in Frage zu stellen sind – bis hin zur Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und vor kultureller Identität. Ein Anliegen von Kinder philosophieren ist die Herausbildung eines moralischen Urteilsvermögens als Voraussetzung für verantwortliches Handeln in einer demokratischen Gesellschaft. Im Landshuter Kinderhort beginnt Kinder philosophieren gleich mit der doppelten Frage: "Darf man lügen? Was ist überhaupt eine Lüge?"
Philosophische Einheiten beginnen in der Regel mit einem geeigneten Einstieg. Das kann eine Geschichte, ein Bilderbuch, eine Kinderfrage oder ein Film sein. Kriterien für die Auswahl sind entweder das Thema, die Gesprächssituation der Gruppe oder der Entwicklungsstand der Kinder. In einer Grundschule in Peißenberg etwa ging es um Themen wie "Die Entstehung der Welt – verschiedene Erklärungsmuster"; "Hört Zeit irgendwann auf?"; "Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft"; "Freundschaft – Was ist ein Freund?"; "Was ist gerecht?". Der Einstieg erregt die Aufmerksamkeit der Kinder und weckt ihre Neugierde. Am Ende steht oft eine Aktion. Nach "Was brauche ich, um glücklich zu sein?" z.B. malt jedes Kind seine sehnlichsten Wünsche. In der Aktion veranschaulichen die Kinder ihre Gedanken und Erkenntnisse aus den Gesprächen und lassen für sich lebendig werden, was sie bewegt.
Kinder fragen anders, als dies in der Regel Erwachsene tun. Nicht jede kindliche Frage ist schon eine philosophische Frage. Philosophische Fragen sind keine Wissensfragen, die mit ja oder nein zu beantworten sind. Es gibt oft mehrere mögliche Antworten. Sie hängen von den Überzeugungen und Wertvorstellungen des Einzelnen ab. Philosophische Fragen lassen Widersprüche zu und fordern immer eine persönliche Auseinandersetzung heraus. Im philosophischen Gespräch ist eine philosophische Frage immer ein Wegweiser für das Streben nach Wahrheit.
Hauptaufgabe der Akademie Kinder philosophieren ist die philosophische (und kindgerecht didaktische) Aus- und Weiterbildung derjenigen, die professionell mit der Kinderbetreuung unmittelbar befasst sind: Philosophisch geschulte Lehrkräfte, Erzieher/innen und Sozialpädagogen/innen. Die Kunst dieser pädagogischen Fachkräfte besteht darin, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ein Kind mit Freude bekannte Dinge neu entdecken, Selbstverständliches hinterfragen, eigene Beurteilungen überdenken, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden lernt. Dabei wird das Kind den Mut entwickeln, selbst zu denken. Nach und nach kommt dann hinzu: Begriffe (er)klären, Begriffe bewusst verwenden, Teilaspekte eines Problems erkennen, Erkenntnisse für andere nachvollziehbar formulieren, interpretieren, verstehen wollen, etwas aus mehreren Blickwinkeln betrachten, nach dem Sinn einer Sache fragen.
Etwas ganz Neues hat die Akademie Kinder philosophieren an der Orterer-Schule in Wörth
ausprobiert. Sie lud als erste auch die Eltern ein, mit den Kindern zu philosophieren. Gleich zum Einstieg über das Thema Erziehung: "Was heißt für dich Erziehung?"; "Kann man einen Menschen überhaupt erziehen?"; "Welche Rolle hat ein Vater/eine Mutter?" Auf das Experiment ließen sich anfangs nur einige Mütter ein. Die waren dann aber höchst überrascht über die klaren Vorstellungen, die Kinder über die Rollen von Mama und Papa äußerten.
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Roswitha Wiesheu, Diplom-Volkswirtin und Erwachsenenpädagogin für Philosophie, leitet seit 1991 den „Zollinger Kinderstüberl e.V.“ (Ganztagesbetreuung deutscher und ausländischer Schulkinder). Sie startete die Initiative Kinder philosophieren und leitet seit Januar 2007 die Akademie Kinder philosophieren im Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e.V.
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