Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (4)

Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (4)
Fakt ist: Je schwieriger die Lebensumstände sind, je differenzierter und qualifizierter sind Kinder auf diese vorzubereiten. Und das Training beginnt - bildlich gesprochen - am ersten Lebenstag. Denn durch die alltäglichen Abläufe lernen Kinder, ob Durcheinander oder Ordnungs-Prinzipien existieren. Wenn Kinder z.B. mit einer Nuckelpulle als Rundum-Beipack heranwachsen, entwickeln sie sich zu Dauertrinkern.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
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>Teil3

Stark fürs Leben durch eine Erziehung zwischen Strenge und Selbstüberlassung!
Haben sie nicht ab dem 5. - 7. Lebensmonat die Chance, sich innerhalb eines abgegrenzten Raumes für 1 – 2 Stunden pro Tag mit sich selbst zu beschäftigen, erwarten sie zeitlebens den Service eines Unterhaltungsprogramms. Werden sie dauernd herumgetragen, wird dies die Kraft und Ausdauer einer eigenständigen Fortbewegung unterminieren. Erhalten sie überwiegend Weich-Nahrung, sind Kau-, Ess- und Kieferprobleme vorprogrammiert. Wer zu lange ein Kleinkind-Kauderwelsch akzeptiert, verhindert die Laut- und Sprach-Entwicklung.
Ein Handeln nach dem Motto: „Das spätere Leben ist schwer genug, daher soll die Kindheit so leicht wie möglich sein“, verhindert Zukunft. Wer in der Erziehung Konsequenzen nicht zulässt, jeden Wunsch - möglichst sofort - erfüllt, Kinder überbehütend in Watte packt und Unangenehmes von ihnen fernhält, raubt ihnen die Chance, eigenverantwortliche Persönlichkeiten zu werden. Aber autoritäres Gebaren hilft genauso wenig. Stattdessen sind ihnen bewusst Herausforderungen zuzumuten, ohne sie dabei sich selbst zu überlassen.
Dazu gehört auch, dass Rechte Pflichten voraussetzen und Erfolg auf Können baut. Wenn wohlwollend klare Orientierung geboten, Grenzen verdeutlicht und Konsequenzen zugelassen werden, können die uns anvertrauten Kinder wirklich Lebensmut entwickeln. Dieser Aufgabe haben sich Eltern – in partnerschaftlicher Kooperation mit Kindergarten und Schule – zu stellen.
Je verlockender die Angebote einer Spaß-Konsum-Gesellschaft sind, je stabiler müssen Kinder und Jugendliche werden, um in ihr nicht unter zu gehen: Entweder, um durch das Erbringen von Leistung kräftig mithalten zu können, oder um sich den verschiedenen Verlockungen gegenüber resistent verhalten zu können. Egal ob Mithalten oder Abgrenzung das Ziel ist: Wer Kinder und Jugendliche sich selbst überlässt oder sie verwöhnend in Watte packt bzw. mit Konsumgütern zuschüttet, der provoziert den Crash. Dieser findet täglich statt, eher unbemerkt in Versagen, Misslingen und Aufgeben, manchmal auch als öffentlicher Gewalt-Exzess. Weiterführend ist es, einen auch in der Erziehung seit Jahrzehnten verpönten Grundsatz neu in den Blick zu nehmen:
Je mehr sich Jemand etwas leisten will, je umfangreicher muss seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Erbringung von Leistung ausgeprägt sein.
Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es „Zeit ist, von den Pflichten zu sprechen!“ So Altkanzler Helmut Schmidt im ZEIT-DOSSIER vom Oktober 1997 in seinem Beitrag zur ‚Wiedergeburt der Verantwortlichkeit’. Das wirkt in einer verwöhnten und spaßfixierten Überfluss-Gesellschaft fast wie Aufruhr. Denn „eine weitgehende permissive Erziehung orientierte sich allzu einseitig an den Grundrechten, von Grundpflichten ist kaum die Rede. Rücksichtslose egoistische ‚Selbstverwirklichung’ erscheint als Ideal, Gemeinwohl dagegen eher als bloße Phrase.“ So hat jeder Menschen eine primäre Selbstsorgepflicht, haben Eltern eine Erziehungspflicht, Kinder eine Lernpflicht, alle Familienangehörige - je nach Alter differierend - eine Mitsorgepflicht, Erwerbstätige eine Arbeitspflicht, Betriebe eine Fürsorgepflicht, alle eine Mitgestaltungs-Pflicht gegenüber der Gemeinschaft und letztlich hat die Solidargemeinschaft eine Hilfepflicht in Notlagen. Ein Fazit: Wer Freiheit ohne die Pflicht zur Eigenverantwortung lebt, produziert Dekadenz, ob sich diese nun als Gewalt oder Ohnmacht äußert.
Daher ist neu in den Blick zu nehmen, was Kinder zum Erwachsenwerden brauchen:
- Werte, die mit Verantwortung und Umsicht in ein eigenständiges Leben führen,
- Eltern, die Zeit für positive Zuwendung einbringen und personale Kompetenz vermitteln,
- Funktionsfähige Schulen, die qualifiziert und motiviert Können ermöglichen,
- Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, welche die Erziehung in der Familien gezielt fördern.
Kinder brauchen starke Sparringspartner und keine ständig nachgebenden Weichlinge. Denn Auseinandersetzung ist die Basis, um Grenzen auszutesten und eigene Standpunkte zu entwickeln. Auch lässt sich elterliche Zuwendungs-Zeit nicht mit Konsum und Geld ausgleichen. Wer sich jedoch an den Lustkriterien einer Spaß-Gesellschaft orientiert, deformiert sich selbst nicht nur zum Rundum-Animateur sondern gaukelt dem Nachwuchs auch vor, eine optisch nette Fassade sei ein stabiles Lebenskonzept.
Raus aus der Misere durch einen gesellschaftspolitischer Kurswechsel!
„Wir brauchen mehr Kinder, um den demografischen Faktor im Rentensystem auszugleichen,“ so der Ruf vieler Politiker. Fast über die Parteigrenzen hinweg scheint der Königsweg in einer Ganztagsbetreuung gesehen zu werden. Wer jedoch die außerhäusige Versorgung von Kleinst- und Schulkindern gleichzeitig auch noch weitestgehend öffentlich finanziert, fördert nicht nur die Entsorgungstendenz elterlicher Erziehungsverantwortung sondern tritt gleichzeitig auch all jenen Eltern kräftig vor das Schienbein, welche sich den staatserhaltenden Luxus leisten, die eigenen Kinder selbst zu erziehen.
Dagegen wird vom Verfassungsgericht im „Kinderbetreuungsurteil“ vom 19.1.1999 ausdrücklich die Schaffung der "Wahlfreiheit für Eltern bei der Art der Kinderbetreuung in ihren ‚tatsächlichen' Voraussetzungen" gefordert.
Wahlfreiheit heißt jedoch nicht, dass der Staat weiter aus Steuermitteln finanzierte Ganztagsbetreuungs-Angebote für entsorgungsfreudige Eltern von Kleinst- und Schulkindern schafft und die für die Erziehung ihrer Kinder selbst sorgenden Eltern sich ganz frei gegen einen staatlichen Zusatz-Geldsegen in Höhe von monatlich 150 - 300 Euro (im Bereich schulischer Ganztagsbetreuung) bzw. 1.100 Euro (dies kostet den Steuerzahler ein Krippenplatz im Monat) pro Kind entscheiden dürfen.
Im Kern geht es um die leicht variierte Gretchenfrage: ‚Staat, wie hast du's mit der Elternverantwortung'? Setzt du auf Befähigung und gute Rahmenbedingungen für eine Erziehung im Elternhaus, oder springst du auf ein öffentliches Versorgungsmodell zwischen Kinderkrippe und Ganztagsschule? Und die Gegenfrage lautet: ‚Eltern, wie habt ihr's denn mit eurer Erziehungsverantwortung? Wurde sie schon kommentarlos dem Staat untergeschoben oder nehmt ihr noch die Erstverantwortung für das Aufwachsen eurer Kinder wahr’? - Die Fakten zeigen, in welche Richtung es geht:
Das Bundesverfassungsgericht wird zum Anwalt von Kindern und fordert eine stärkere Berücksichtigung der elterlichen Erziehungsverantwortung. Immer mehr Väter und Mütter ordnen die Kinder-Bedürfnisse - häufig auch wegen einer wirklich ungenügenden Finanzausstattung von Familie - der Erwerbstätigkeit unter. Die Politik setzt auf immer mehr öffentlich finanzierte ganztägige Betreuungsangebote. So liegen Legislative und Judikative im Clinch und die Eltern scheint die Auseinandersetzung kaum zu interessieren. Armes Kinder-Deutschland. Ein 26jähriger bringt’s auf den Punkt:
- Als Säugling wurde ich mit Zuwendung und Geschenken überschüttet,
- als Kind erfuhr ich, dass ich zum Störfaktor in Beruf und Tagesablauf wurde,
- als Jugendlicher geriet ich per Geld und Konsumgüter in die Abschiebung,
- als Erwachsener warf man mir vor, mein Leben nicht in den Griff zu bekommen.

Täglich wird offensichtlicher: Die Erziehungsbereitschaft und Erziehungsfähigkeit von Eltern nimmt rapide ab. Dies wird u.a. an den ständig steigenden Kosten für Kriseninterventionen im Bereich der Jugendhilfe deutlich, welche sich in den letzten 10 Jahren verdoppelten. Dieser Trend wird z.Z. durch unterschiedlichste politische Kräfte gefördert, indem immer mehr auf eine Ausweitung der öffentlich subventionierten Ganztagsbetreuung gesetzt wird. Dies höhlt die Erziehungsverantwortung der Eltern jedoch weiter aus. „Der Staat soll’s richten“, so das Credo der auf Konsum, Selbstverwirklichung und Spaß ausgerichteten Menschen. Da bleibt wenig Raum für das Wohlergehen des ehemaligen ‚Ein-und-Alles’.
Auch wenn es viele Menschen zu verdrängen scheinen, die Herkunftsfamilie ist immer noch der prägendste Faktor für den Umfang von Erfolg bzw. Misserfolg im späteren Leben. Dies hat auch noch einmal die PISA-Studie bestätigt. Die alte Volksweisheit: ‚Sage mir wo du herkommst, und ich sage dir, wer du bist’ verdeutlicht zeitübergreifend und unmissverständlich: Die ersten 3 - 5 Lebensjahre haben eine Schlüsselfunktion für den weiteren Lebensweg. Daher wird hier konsequent eine Optimierung der elterlichen Erziehungs-Qualifikation gefordert. Denn wenn es Vätern und Müttern an Überblick, Handlungssicherheit und Können in der Erziehung mangelt, sind diese entsprechend zu qualifizieren und zu stützen, z.B. durch Seminare wie: „Starke Eltern, starke Kinder!“ Wenn Eltern die Bereitschaft fehlt, ihrer Erziehungsverantwortung nachzukommen, sind diese - durch flankierende Maßnahmen gestützt - ganz konkret in die Pflicht zu nehmen. Nur so kann dem Trend entgegen gewirkt werden, den Umgang mit Kindern am Ausmaß eigener Lust bzw. an Kriterien: - „Wie hättest du’s denn gerne? - Macht es dir auch noch Spaß? - Ist das nicht zu anstrengend für dich? - Ich mach das schon für dich!“ zu orientieren.
Jede vorschnelle Funktionsübernahme durch den Staat ist kontraproduktiv, weil so Unvermögen oder Verantwortungslosigkeit honoriert wird. Stattdessen sollen Eltern, welche sich einer Qualifizierungs-Offensive stellen, durch einen Kindergeldbonus für ihr Engagement belohnt werden. Das ist auch zur Absicherung der Renten überlebens-notwendig. Denn eine - wodurch auch immer eingeleitete - höhere Geburtenrate kann nur dann das Sozial-Budget entlasten, wenn gleichzeitig der Anteil nur begrenzt oder gar nicht im Wirtschaftsleben einsetzbarer Jugendlicher drastisch reduziert wird. Sonst wird das Finanzierungs-Desaster noch größer.
Aber diese Forderung verhallte bislang. So weitet sich der Flurschaden einer Spaß- und Konsum-Fixiertheit bei der nachwachsenden Generation ständig aus. Albert Schweizers Mahnung wirkt da wie ein letzter Aufruf: - „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst!“
(Schluss)
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