Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (3)

Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (3)
Als Abraham Lincoln den Satz formulierte: „Man hilft den Menschen nicht, wenn man etwas für sie tut, was sie selbst tun könnten“, dachte dieser große Staatsmann sicher nicht an irgendwelche Defizite im US-amerikanischen Erziehungssystem. Nein, - er nahm eine Grundhaltung in den Blick, welche Menschen mehr oder weniger stabil bzw. instabil sein lässt.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
>Teil1
>Teil2
>Teil4

Satte Bäuche mögen weder Leistung noch Selbstverantwortung!
Und die bundesdeutsche Variante des Vaters der sozialen Marktwirtschaft lautet: „Ich will mich aus eigener Kraft bewähren“, schrieb Ludwig Ehrhard in seinem Buch „Wohlstand für alle“ und „für mein Schicksal selbst verantwortlich sein. Sorge du Staat dafür, dass ich dazu in der Lage bin.“
Wo liegen also die Gründe, dass in unserer Gesellschaft Leistungsbereitschaft und ein förderliches soziales Miteinander eine recht geringe und im Gegenzug ein Konglomerat aus Spaß, Genuss und Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft eine so hohe Bedeutung erhielten? Es ist die zu große Sattheit und Versorgtheit vieler Menschen!
Denn wenn die Existenzabsicherung als Herausforderung entfällt, konzentriert sich die Sinn-Suche allzu leicht auf eine ständige Glück-Maximierung des eigenen Seins. Diese Situation ist die Folge einer kontinuierlichen Fehl-Entwicklung. Denn jede zu leicht gemachte Annehmlichkeit des Heranwachsens führt auf Dauer zu Unfähigkeit und Schlaffheit:
- ein Sitzen im gemachten Nest verhindert die Entstehung von Visionen einer selbst gestalteten Wirklichkeit;
- falsches Helfen und ein verwöhnender Umgang fördern Nichtkönnen bzw. Unvermögen, denn jede familiäre oder kollektive Überversorgung ruiniert Selbstverantwortung;
- anstelle einer Ermutigung gegenüber der Verantwortung für das eigene Leben wächst so Anspruchsverhalten;
- das Schwinden zwischenmenschlicher Werte und Sinnstiftungs-Systeme schafft Leere, denn wenn der Existenzkampf überwunden ist, benötigen wir Ideale als Handlungs-Ziele;
- mehr nehmen als geben führt beim Einzelnen zur Vereinsamung und gesellschaftlich betrachtet zum Zerreißen des sozialen Netzes.
Fehlende Verantwortlichkeit ist somit Ausdruck von Überfluss oder zu leichter Erreichbarkeit von Wichtigem, weil Beides keine pflegliche Sorgfalt erforderlich zu machen scheint. Durch ein solches gesellschaftliches Klima infizierte Eltern bieten so - ob gewollt oder ungewollt - ein Übungsterrain für Ego-Taktiker und produzieren täglich neu genuß-süchtige Kinder und Jugendliche. So geraten perspektivlose Nesthocker unvorbereitet als Berufstätige in einen aggressiven Wettbewerb innerhalb globaler Wirtschaftsstrukturen. Für Menschen mit wenig Können und Wollen bleiben dann nur Randpositionen oder Bauchlandungen. Denn zu Erfolg und Lebensglück gibt es keinen Spaß-Lift: Wer nach oben möchte, muss die Mühe der Treppen auf sich nehmen!
Mit-Gift-Bilanz einer Mängel-Erziehung in Elternhaus und Schule!
Die Warnsirenen in Schule, Hochschule und Ausbildungsbetrieben schrillen seit Jahren unisono: „So kann es nicht weitergehen!“ Leistungsbereite Schüler werden zu Außenseitern; ‚Blaumachen’ und ‚Abhängen’ wird zum Schulsport, - der Nachwuchs lässt sich unmotiviert und lethargisch im Lern-Fluss dahintreiben, sehnsüchtig auf das Wochenende wartend, um endlich im großen Pool der Spaßkultur abtauchen zu können.
Die Alarmmeldungen überschlagen sich. Hier wird das Desaster als Erziehungsnotstand, dort als Erziehungskatastrophe bezeichnet. Dann die nächste Hiobsbotschaft! Die PISA-Studie, eine internationale Vergleichsuntersuchung zur Effizienz und Effektivität schulischen Lernens, verweist das Land der Dichter und Denker auf die hintersten Plätze: Lesen, Rechnen, Arbeitshaltung, Problemlösungsfähigkeit, Denk- und Sprachvermögen mangelhaft.
In Hochschulen und betrieblicher Ausbildung kumulieren Nichtwissen und Desinteresse. Als Folge wirkt allzu oft der ‘Dreisatz’:
- antriebslos
- ausbildungslos
- arbeitslos!
Und was besonders erschreckend ist: Zu viele - zwischen Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit - dahindümpelnde Zeitgenossen bleiben tatenlos.
Übertragen wir das Szenario einmal ins Wirtschaftsleben und stellen uns vor, die Qualitäts-Kontrolle einer Firma setzt das Top-Management davon in Kenntnis, dass ein beträchtlicher Anteil der Produktion seit geraumer Zeit gravierende Mängel in der Bandbreite von begrenzt bis nicht nutzbar aufweist. Würde hier Hinwegsehen und Inkompetenz das Feld beherrschen? Nein, in der Regel triebe ein solches Desaster die Chefetage eines Überleben wollenden Unternehmens zu schnellstmöglichen Reaktionen zwischen Ursachenanalyse und entsprechenden Konsequenzen. Aber im Bereich der Reproduktion des gesellschaftlichen Nachwuchses scheinen zu viele das Problem des ständig wachsenden Anteils mangelhaft einsetzbarer Jugendlicher durch Ignoranz lösen zu wollen. Klar, dass so der Kurs der „Wir-AG“ Bundesrepublik Deutschland ständig weiter fällt.
So leidet einerseits der Wirtschaftsstandort Deutschland unter den vielen kaum leistungsfähigen Jugendlichen und Erwachsenen, während uns gleichzeitig die allgegenwärtige Spaß-Industrie für alle Lebenslagen den leicht gemachten Genuss aufdrückt, um neue Konsumenten zu gewinnen bzw. abhängig zu halten. Dieses Blitzlicht unterstreicht: Mit einer solchen Mitgift können junge Menschen keinesfalls die vielen Herausforderungen des Lebens in Beruf, Partnerschaft und Gesellschaft aufgreifen.
Hier eine Mini-Auswahl der Folgen:
- 15 - 25 % der Jugendlichen brechen - nach Branche differierend - ihre Berufsausbildung ohne Abschluss ab, meistens jedoch nicht wegen einer möglichen beruflichen Fehlentscheidung, sondern aus Gründen mangelhafter Belastbarkeit bzw. Einsetzbarkeit.
- Nach Untersuchungen vom Juli 2002 brechen auch 25% der Studenten ihr Studium ab. War es hier die falsche Wahl, ging es dort um zu geringe Lernbereitschaft und Leistungsfähigkeit.
- Aber Unvermögen und Verantwortungsmangel werden auch im Bereich Freundschaft und Sexualität deutlich: So explodierte die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei den unter 15jährigen zwischen 1996 und 2001 um 90%,
- gleichzeitig stieg in zwei Jahren die Zahl minderjähriger Mütter um 45%! ‚Grenzenloser Spaß, Sex als Konsumartikel’ so titelte eine Zeitung diese Fakten am 13.2.2003.
Das Statement des bekannten Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann ist auf diesem Hintergrund Situationsanalyse und Appell zugleich: „Kinder bekommen zuwenig von dem, was sie brauchen, wenn sie zuviel von dem bekommen, was sie wollen!“
Angesichts solcher Hiobsbotschaften bringen sich auch die Medien ins Erziehungsthema ein und rufen nach deutlicherem Durchgreifen: Nehmt die Kinder an ‘die Kandare’, ‘Strenge’ und ‘Gehorsam’ werden eingefordert! Aber weder eine ‘schnelle Wende rückwärts’ in unrühmliche Zeiten, noch eine Flucht ins ‘nur Andere’ kann weiterführen. Stattdessen ist zu fragen,
- was Erziehung ausmacht,
- weshalb sie stattfindet,
- welche Ziele dabei anzustreben sind und
- durch welche Bedingungen
dieser in die Eigenständigkeit führende Weg gefördert oder behindert wird. Um also nicht in ein Nirwana der Scheinlösungen zu geraten, wird hier eine Neubesinnung zwischen Strenge und Selbstüberlassung favorisiert. Das erfordert Mut und vollzieht sich oft im wahren Wortsinn als Zu-Mutung, weil eine ins Leben führende Erziehung kein Billigprodukt ist.
(wird fortgesetzt)
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