Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (2)

Marionetten oder Monster? - Welche Kinder braucht unsere Gesellschaft? (2)
Lag bis vor 30 – 40 Jahren für die meisten Menschen in unserem Land der Lebenssinn in einer zufriedenstellenden Existenzabsicherung, meist angereichert durch eine Prise Erfolgs-Hoffnung, so geben nach einer repräsentativen Untersuchung des Hamburger BAT Sozialforschungs-Institutes im Frühjahr 2001 exakt 64% der Bundesbürger Spaß als Sinn des Lebens an.
von Albert Wunsch
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Zu den anderen Teilen der Serie:
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Zu Risiken und Nebenwirkungen des Lebens in einer Spaßgesellschaft!
Schnell und mühelos soll es zugehen, Genuss pur’, ‘trendy sein’ und ‚Auffallen’ wird zur Lebensmaxime. Können oder Sachargumente zählen kaum, Gag’s verdrängen Inhalte, der Spaß wird zum Ziel. Demnach macht Herumhängen, viel Essen und Trinken, reichlich Fernsehen, im Internet surfen, Shopping, Sex und Super-Action einfach riesig Spaß. Giga-Geil muss es sein. Manchen Zeitgenossen macht selbst Mobbing, Diffamierung, Gewalt und Horror Spaß.
So ist es z.B. möglich, einen verdienten Bundespolitiker, welcher durch ein Attentat an den Rollstuhl gefesselt ist, in öffentlich rechtlichen Sendern durch selbsternannte Spaßmacher per unter die Gürtellinie greifende Sprachattacken auch noch in seiner Menschwürde anzugreifen. Auch wenn sich der angezielte Lacher als energisches: ‚So nicht!’ äußern müsste. Die Republik schweigt da lieber und wartet auf die nächste Darbietung.
Und weil derselbe Spaß auf Dauer keinen Spaß mehr macht, muss bald ein Mega-Plus-Programm her. Das Volk will mehr, bis hin zur Unerträglichkeit. Auch wenn so auf Dauer der eigene oder gesellschaftliche Untergang provoziert wird, eine event-süchtige Konsum-Gesellschaft hat halt eine ganz eigene Selbstvernichtungs-Dramaturgie. Da kommt, trotz verkniffener Lacher keine Freude auf. Stattdessen werden die Tücken des Lebens in einer Spaßgesellschaft immer deutlicher. Es erscheint mir angebracht, das Wollen und Streben dieser 2/3 Mehrheit einmal etwas genauer unter der Lupe zu betrachten. Was mögen diese Menschen mit Spaß verbinden? Um welches Lebensverständnis geht es? Was soll gleichzeitig bei einer so exzessiv angestrebten Leichtigkeit des Seins verdrängt werden?
Laut Wörterbuch ist Spaß ein Mix aus Witz, Scherz, Posse, Jux und Narretei, kurz: verdichteter Unsinn, welcher leicht, angenehm und genussvoll konsumierbar ist. In der Definition des Alltags heißt es schlicht: Spaß ist kurzweiliger Zeitvertreib! Auch ist eine Differenzierung zwischen Spaß und Freude erhellend: So geht Spaß in der Regel mit Haben-Wollen einher, andere sollen die Voraussetzungen schaffen, während Freude stärker mit „bereiten“ assoziiert wird. Spaß ist oberflächlicher und löst kurzzeitige Erregtheit aus, Freude wirkt tiefer und ist ein elementarer Schritt auf dem Weg zur Zufriedenheit. Außerdem dient es der Klärung, zwischen erhofften - meist aber ausbleibendem - Spaß auf dem Weg einer Zielereichung und Freude über eine Zielerreichung zu unterscheiden. Gute Noten in der Schule oder Erfolg im Leben wird jeder toll finden, aber von Kindesbeinen an begleitet uns die Erfahrung, dass die Götter in der Regel den Schweiß vor den Erfolg gesetzt haben.
Wenn jedoch der Spaß zum Lebens-Sinn avanciert, heißt das im Umkehrschluss: Null oder geringe Chance für weniger lustvolle oder gar anstrengende Vorhaben und Aufgaben! So erhalten Leistung, Selbstverantwortung, Zukunftstiftendes, soziale Werte sowie eine Investition in die elterliche Erziehung einen Platzverweis.
- Dementsprechend wird beim jüngeren Nachwuchs deutlich: Sprechen-Lernen, Zähneputzen, Regeln einhalten, gesunde Nahrung aufnehmen, Bewegungs-Training, Zimmer-Aufräumen, Mitwirkung im Haushalt - dazu hab ich keine Lust!
- Der Schulalltag offenbart: Hausaufgaben erledigen, eigene Ideen einbringen, konzentriert Lernen, Sozialverhalten zeigen - viel zu anstrengend und gar nicht spaßig.
- Bezogen auf zwei Aspekte aus dem Alltag von Jugendlichen: im Umgang mit weichen bzw. harten Drogen oder in erotisch lustvollen Situationen Verantwortung leben - nein danke, das wäre pur un-cool.
- Die Eltern-Variante im Umgang mit dem Nachwuchs sieht dann so aus: intensive Beziehungszeiten, nervige Auseinandersetzungen meistern, Verlässlichkeit bei Vereinbarungen, Garant für Regelabläufe, Einführung in die großen oder kleinen Geheimnisse des Lebens? - bloß nicht, ist zu anstrengend und zeitintensiv.
- Und zur Ergänzung hier einige Aspekte für das Leben der Erwachsenen: Fitness für Körper und Seele, sich beruflich weiterbilden, Aufgaben gewissenhaft erledigen, Konflikte im persönlichen Umfeld angehen, Zeit und Ideen zur Revitalisierung von Partnerschaft und Ehe einbringen, Engagement im Gemeinwesen - ohne mich, da gibt es unterhaltsamere Alternativen, ‚Leben im Hier und Jetzt’ ist angesagt!
Dies sind die Prioritäten einer Spaß-Konsum-Gesellschaft, häufig einhergehend mit falschen Selbstverwirklichungs-Vorstellungen. So wird Sinnvolles oder gar Notwendiges gezielt verunmöglicht, wertvolle Energie in Belangloses oder Schädigendes investiert. Um diesem Trend entgegen zu wirken, fordert der renommierte Freizeit- und Konsumforscher Horst W. Opaschowski kurz und bündig, die „Spaßgesellschaft abzuschaffen“. „Rastlos, heimatlos, oberflächlich“, so sein Resümee in der Studie zur „Generation @“ aus dem Jahre 1999. Die Lektion ist eindeutig: Wer auf Dauer-Spaß abonniert ist, wird bald keinen mehr haben, ob als Einzelperson oder als gesamte Gesellschaft.
(wird fortgesetzt)
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