Im Paternoster

Im Paternoster
In einem Bürogebäude, in dem ich lange gearbeitet habe, gibt es noch einen dieser schönen altmodischen Endlos-Aufzüge, bei denen eine Anzahl offener Zweierkabinen den ganzen Tag auf und ab fährt, so dass Personen jederzeit zusteigen können, ohne auf den Aufzug warten zu müssen. Seltsamerweise hat sich vor Jahrzehnten für diese Art Beförderungsmittel der Spitzname „Paternoster“ eingebürgert. Über dieses lateinische Wort denkt heute wahrscheinlich kaum mehr jemand nach – das nennt man eben so… Und selbst wenn man die bizarre Namensbildung zu erklären versucht, bleibt es schwierig: „Paternoster“ heißt „Vaterunser“, bezeichnet also das Grundgebet der Christen. Was das mit einem Aufzug zu tun hat…?
von Martin Eberts
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Versuchen wir einige mögliche Erklärungen:
Dauert die Fahrt mit so einer Aufzugskabine bis zum nächsten Stock gerade so lange, wie das Beten eines Vaterunser?
Sind die Dinger so gefährlich, dass man beim Besteigen am besten gleich ein Vaterunser betet?
Erinnert das gleichmäßige Auf und Ab des Endlosaufzugs an klösterliche Meditationspraktiken mit vielfacher Wiederholung des Vaterunser?
Oder heißt diese Erfindung einfach nach ihrem Erfinder, dessen Name vielleicht schwierig war, so dass er im allgemeinen Sprachgebrauch verfremdet und falsch „wiedererkannt“ wurde, eben als „Paternoster“?
Wie dem auch sei – ich kann so einen Aufzug kaum mehr benutzen, ohne darüber nachzudenken, ob es dem Vaterunser-Gebet in unserer Gesellschaft inzwischen auch so geht, wie der alten mechanischen Aufstiegshilfe: Ist es ein Auslaufmodell, ein kaum mehr verstandenes Relikt aus früheren Zeiten, womöglich sogar ein gefährliches Ding, das nur mit Absicherungen und Warnhinweisen weiter benutzt werden darf? Ist es etwas, das man gedankenlos verwendet, bei näherem Nachdenken aber eher belustigend findet? Hält es uns davon ab, uns geistig anzustrengen und aus eigener Kraft aufwärts zu bewegen? Beunruhigende Parallelen…
Einerseits ist das Vaterunser ein so elementares Stück christlichen Lebens, dass es alle christlichen Konfessionen und Gemeinschaften verbindet. Andererseits passt es in seiner „verbindlichen“ und über Jahrtausende unveränderten Form scheinbar so gar nicht in unsere Zeit, in der wir glauben, wir akzeptierten nur noch das, was wir selbst geprüft hätten und in der wir alles hinterfragen und möglichst individuell neu finden wollen.
Bei historisch-kritischer Betrachtung des Vaterunser kann man feststellen, dass es tatsächlich zu den Grundsteinen des christlichen Glaubens zählt, vom ersten Anfang an christliches Leben prägte, also zu den weltweit und durch alle Zeiten hindurch praktisch unbestrittenen „Kronjuwelen“ des Christentums gehört. Und auch in religiös weitgehend illiteraten gesellschaftlichen Kreisen ist der Wiedererkennungswert des Vaterunser erstaunlich, und im Vergleich zu „Kirche“, „Papst“ oder „Bibel“ weckt es bei Gegnern des christlichen Glaubens geringere Beißreflexe.
Der in der Kirche gebräuchliche, ehrfürchtige Name „Gebet des Herrn“ verweist darauf, dass es tatsächlich aus dem Munde Jesu stammt, der seine Jünger damit beten lehrte. Da lohnt es sich doch, einmal wieder einen näheren Blick darauf zu werfen, worum es im Vaterunser eigentlich geht (1), am besten Zeile für Zeile.
„Vater unser im Himmel…“
Obwohl vertraut klingend, kann gleich die erste Zeile bei manchen Zeitgenossen zu Stirnrunzeln führen: Wieso gerade „Vater“, und was heißt „im Himmel“?
Ich erinnere mich noch sehr gut an eine längere, fortgesetzte Diskussion aus meiner Studentenzeit, in der es genau darum ging, ob die Anrede Gottes als „Vater“ eigentlich angemessen sei. Da gab es Kommilitonen, die ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Vater hatten; andere wetterten gegen Paternalismus und Patriarchat und die angeblich mangelnde Berücksichtigung der Frau in der Kirche. Manche lebten auch schon unter dem Eindruck der drängenden Gender-Ideologie und begannen damit, alles und jedes unter „Gender-Aspekten“ zu betrachten. „Genderorientierte“ theologische Ansätze verkennen jedoch , dass Gott nicht Mann oder Frau ist (2). Er hat die Menschen als Mann und Frau geschaffen – was wiederum von Anhängern der Gender-Ideologie gerne verwischt und relativiert wird; ein seltsamer Widerspruch: Ist das Geschlecht nun irrelevant und kann quasi abgeschafft werden, oder ist es alles bestimmend und alles spaltend, so dass wir Gott nicht mehr „Vater“ nennen und mit dem grammatischen Maskulinum bezeichnen dürfen?
Keiner der Jünger oder Jüngerinnen Jesu wäre wohl jemals auf den Gedanken gekommen, mit der „Vater“-Bezeichnung für Gott werde den Frauen etwas vorenthalten, so als sei er nicht Gott sondern eine Art Super-Mann. Genauso wenig hätten sie angenommen, Jesus wolle mit dem Begriff vom guten Hirten die Bäcker, Schmiede oder Zimmerleute zurücksetzen.
Immerhin ist es Jesus selbst, der die Anrede „Vater“ (hebräisch „abba“, das ist so vertraulich wie „Papa“) verwendet und seinen Jüngern und uns nahegelegt hat. Womit selbst für Kinder schlechter und grausamer Väter klar sein dürfte, worauf sie schauen können: Auf den gütigen und bewahrenden, den liebenden und schützenden Gott, den guten Vater wie er sein soll, dem gegenüber wir uns im allerbesten Sinne wie Kinder fühlen dürfen. Also eine Erleichterung und Entlastung, keine Zumutung und Beschwernis. Das ist doch schön: Wir beten zu Gott, ohne erst etwas vorweisen zu müssen, ungeachtet unserer Verdienste und unserer Stellung, weil ein guter Vater seine Kinder auch dann liebt, wenn sie nicht den Applaus der Gesellschaft erhalten.
Aber wenn er „im Himmel“ ist? Ist das nicht wieder viel zu jenseitig? Natürlich suchen wir Gott nicht im „outer space“ oder gar – wie angeblich seinerzeit der erste Raumfahrer Juri Gagarin (3) – in der Erdumlaufbahn; insofern ist der Hinweis auf das „Jenseitige“ am Begriff „Himmel“ durchaus angebracht und wichtig: Gottvater lässt sich nicht in unsere materielle Umwelt einschließen und nicht mit unseren alltäglichen (oder auch wissenschaftlich-technischen) Begriffen und Verfahren festlegen (damit wird außerdem abermals klar, wie die Anrede „Vater“ nicht zu verstehen ist). Der Bezug zum Transzendenten hilft uns zu erkennen, dass wir mit Gott nicht „auf Augenhöhe“ stehen. Immerhin begegnen wir hier dem unendlich großen, über unsere Begriffe und Bezeichnungen weit hinausgehenden Schöpfergott – aber wir reden ihn doch mit unserem vertraulichen „Papa“ an. So wie in Jesus Gott anfassbar geworden ist, wird er in dem von Jesus gestifteten Gebet ansprechbar.
In den vier ersten Worten des Vaterunser ist also schon eine Menge enthalten: Dieser uns eigentlich unbegreifliche Schöpfergott, der seit dem Urknall – und meinetwegen auch schon davor, danach oder in Paralleluniversen daneben –alles geschaffen hat, der das alles im Griff hat, was wir in unserer Welt so vorfinden, der ist zwar nicht unser Kumpel oder Partner, aber er lässt sich wie ein Mensch ansprechen, sogar wie ein vertrauter, naher, liebender. Nicht schlecht für den Anfang, oder?
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zu den anderen Bitten
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Und führe uns nicht in Versuchung
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Unser tägliches Brot gib uns heute
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
Dein Reich komme
Geheiligt werde Dein Name
Vater unser
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Anmerkungen
(1) Es gibt viele wunderbare Auslegungen des Vaterunsers; sie kann ich hier weder ersetzen noch paraphrasieren. Es geht mir vielmehr um einige ganz persönliche Anmerkungen und Anregungen. Besonders empfehle ich das Jesus-Buch von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. , Bd.1
(2) Vgl. hierzu Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus vom Nazareth, Bd. 1
(3) Nach seiner Rückkehr vom ersten bemannten Weltraumflug überhaupt soll ihm in durchsichtiger Absicht die spöttische Frage gestellt worden sein, ob er da oben vielleicht Gott gesehen habe, was er erwartungsgemäß verneinte. Eine Episode, die ein bezeichnendes Licht auf das intellektuelle Niveau der sowjetischen Atheismus-Propaganda warf.
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