Hüter der Erinnerung

von José García
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In Phillip Noyces Verfilmung des dystopischen Romans von Lois Lowry „Hüter der Erinnerung“ (Originaltitel: „The Giver“) hat sich die Menschheit nach einem nicht näher beschriebenen „Neuanfang“ einen alten Traum erfüllt: In dieser schönen, neuen Welt gibt es keine Gewalt, keine Lüge, keine Armut und keine Ungleichheit mehr. Die Menschen sind betont höfflich zueinander. Sie leben nach bestimmten, von den „Ältesten“ erlassenen Regeln. Dazu gehört es beispielsweise, den Rand ihrer Zivilisation nicht zu überschreiten.

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Filmische Qualität: 4 von 5 Punkten
Regie: Phillip Noyce
Darsteller: Jeff Bridges, Meryl Streep, Brenton Thwaites, Alexander Skarsgård, Katie Holmes, Taylor Swift, Odeya Rush, Cameron Monaghan
Land, Jahr: USA 2014
Laufzeit: 97 Minuten
Genre: Science-Fiction
Publikum: Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: --
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In einer totalen Einstellung wird es deutlich, dass ihre Welt eine Art Insel auf einer Hochebene bildet. Abgeschafft sind nicht nur Rassen und Religionen, sondern auch Farben. Diese nicht ganz so schöne neue Welt ist eine Welt in Schwarzweiß. Regisseur Noyce und sein Kameramann Ross Emery setzen ein ausgeklügeltes Konzept von Schwarzweiß-Bildern ein, in die sich im Laufe der Handlung zunächst einige wenige Primärfarben einschleichen, um dann die gesamte Farbpalette abzubilden.

In einer Welt ohne Tiere, ohne Musik, ohne Autos und ohne Farben werden die Emotionen unterdrückt. Das Injizieren der „Morgenmedizin“ gehört ebenfalls zu den Grundregeln der friedliebenden Gemeinschaft, in der die Kinder von Genetikern „produziert“ werden. Dennoch leben sie in einer Familie, so etwa auch der 16-jährige Jonas (Brendan Thwaites), der in einer Wohneinheit zusammen mit seinen Eltern und der jüngeren Schwester lebt. Sein Vater (Alexander Skarsgård) kümmert sich um die Neugeborenen der Gemeinschaft. Dazu gehört allerdings auch, dass er für die „Freigabe zum Anderswo“, also für das Töten der Kinder, zuständig ist, die vom Ältestenrat als wertlos eingestuft werden. Jonas’ Mutter (Katie Holmes) arbeitet im Justizministerium. Ihre Aufgabe: Die Gesetze der Gemeinschaft durchzusetzen.

So wie die Familien künstliche Familien sind, weil die Erwachsenen nicht die leiblichen Eltern ihrer Kinder sind – diese werden ihnen auf Antrag zugewiesen –, so gleichen sich die Wohneinheiten aufs Haar. Die ganze Gemeinschaft weckt den Eindruck eines Bienenstocks. Ähnlich einem Bienenvolk bekommen die Mitglieder ihre Aufgaben denn auch zugewiesen, wenn sie 16 Jahre alt werden (im Roman geschieht dies mit 12 Jahren). Bei der alljährlichen Feier, in der die 16-Jährigen von der Chefältesten (Meryl Streep) ihre Bestimmung erfahren, wird Jonas eine ganz besondere Aufgabe zugeteilt: Er soll der Nachfolger des Hüters der Erinnerung (Jeff Bridges) werden, der nicht nur das ganze Wissen aus der Vergangenheit hütet, sondern auch Gefühle wie Liebe oder Zorn erlebt, die sonst in der Gemeinschaft unbekannt und unterdrückt werden. Denn nach dem „Neuanfang“ dürften die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden, die offenkundig zum Untergang führten. Je mehr Jonas vom „Hüter“ oder „Giver“ in die Vergangenheit eingeführt wird, desto stärker wird sein Wunsch, Farben, Musik, menschliche Regungen zu spüren. Und er beschließt, zunächst seine Freundin aus Kindertagen Fiona (Odeya Rush) und dann auch alle anderen daran teilhaben zu lassen. Für die Gemeinschaft bedeutet dies jedoch eine Rebellion, die sie in ihren Grundfesten erschüttert, und die sie deshalb nicht zulassen kann.

Produktionsdesigner Ed Verreaux ließ sich für die Erschaffung der künstlichen Welt, in der „Hüter der Erinnerung“ angesiedelt ist, erklärtermaßen von Andrew Niccols „Gattaca“ (1997) inspirieren. Wie in Niccols’ Zukunftsvision einer von genetischen Manipulationen geprägten Welt zeichnet sich das Szenenbild von „Hüter der Erinnerung“ durch eine glatte und kalte Oberfläche aus. Die Abgeschiedenheit und nicht zuletzt der Euphemismus, den Tod als „Freigabe zum Anderswo“ („Release to Elsewhere“) zu bezeichnen, erinnern darüber hinaus etwa an Michael Bays „Die Insel“ (2005). Um die Einförmigkeit einer harmonischen Welt mit Gewaltlosigkeit und Ordnungssinn als obersten Prinzipien darzustellen, sind sich nicht nur die Häuser, sondern darüber hinaus auch Kleidung und Essen gleich. Leichte futuristische Akzente setzt beispielsweise das Fahrrad, das als Fortbewegungsmittel dient. Ob dazu auch gehören muss, dass die Menschen nicht in die Hände klatschen, sondern sich auf den Oberschenkel klopfen, um Beifall zu spenden, sei allerdings dahingestellt. Die insgesamt sehr gelungene Inszenierung, die Spannung, die Regisseur Phillip Noyce über die gesamte Filmlänge zu halten vermag, sowie eine gelungene, die Handlung unterstützende Filmmusik, tragen zum gewinnenden Gesamteindruck bei.

Ähnlich den klassischen dystopischen Visionen von Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ bis Niccols „Gattaca“ und „Seelen“ (siehe Filmarchiv) stellt „Hüter der Erinnerung“ nicht nur einen Überwachungsstaat und damit auch die Frage der Freiheit in den Mittelpunkt. Gerade weil diese Welt eine „perfekte“ Welt sein will, die alle negativen Erscheinungen des Menschen vermeiden will, stellt Noyces Film die Frage danach, was das Menschliche, was einen Menschen ausmacht. Im Streben nach Vollkommenheit ist die Gemeinschaft zu einer Gesellschaft von unfreien Menschen geworden, die nicht einmal den Begriff der Freiheit kennen. Zum wahren Menschsein gehört nicht nur Licht. Auch Schatten und ihre Begleiterscheinungen wie Schmerz, Angst, Zorn und Hass gehören dazu. Denn nur dadurch ist der Mensch wirklich frei, sich für das Gegenteil, für die Liebe zu entscheiden.