Heidi

von José García
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Johanna Spyris (1827–1901) Romane „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ (1880) und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ (1881) erreichen eine weltweite Gesamtauflage von 50 Millionen Exemplaren in fast 60 Sprachen. Damit gilt „Heidi“ nicht nur als erfolgreichstes fiktionales deutschsprachiges Buch. Diese Romane haben außerdem die internationale Wahrnehmung der Schweiz entscheidend geprägt. Seit einem ersten Stummfilm aus dem Jahre 1920 wurde „Heidi“ mehrfach verfilmt, wobei insbesondere die japanische Zeichentrickserie von Hayao Miyazaki und Isao Takahata (1974) weltweite Popularität erreichte.

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Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Alain Gsponder
Darsteller: Anuk Steffen, Bruno Ganz, Isabelle Ottmann, Quirin Agrippi, Katharina Schüttler, Hannelore Hoger, Peter Lohmeyer
Land, Jahr: Schweiz, Deutschland 2015
Laufzeit: 105 Minuten
Genre: Literaturverfilmung
Publikum: alle
Einschränkungen: --
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Nun startet im regulären Kinoprogramm eine Neuverfilmung des klassischen Romans von Petra Volpe (Drehbuch) und Alain Gsponer (Regie), die „Heidi“ in klassischer Anmutung auf die Kinoleinwand bringt. Denn offensichtlich haben sich die Filmemacher vorgenommen, den ursprünglichen Romanstoff von all den Schichten zu befreien, die unterschiedliche Variationen des Sujets darübergelegt haben, und zu den Ursprüngen zurückzukehren. „Wir nehmen die Zeit ernst und wir nehmen das Buch ernst. Wir sind wirklich zurück zu Johanna Spyris Büchern gegangen, haben die wichtigsten Aspekte dieses universalen Themas herausgearbeitet“, erklärt dazu Regisseur Alain Gsponer.

So erzählen Drehbuchautorin Volpe und Regisseur Gsponer die bekannte Geschichte des neunjährigen Waisenkindes Heidi (Anuk Steffen), das von seiner Tante Dete (Anna Schinz) zum Großvater, dem mürrischen Almöhi (Bruno Ganz), in die Schweizer Berge, gebracht wird. Dort freundet sich Heidi mit dem gleichaltrigen Geißenpeter (Quirin Agrippi) an, mit dem sie Tag für Tag die Ziegen hütet. Sie lebt in den Bergen glücklich, aber irgendwann einmal kommt Tante Dete wieder. Sie nimmt kurzerhand Heidi nach Frankfurt mit, wo sie bei einer Industriellen-Familie wohnen und sich um die einsame, im Rollstuhl sitzende Klara (Isabelle Ottmann) kümmern soll. Die Umstellung fällt Heidi ziemlich schwer: Statt ein freies, unbeschwertes Leben in der Natur wird sie in ein gesellschaftliches Korsett gepresst, vor allem wegen der unerbittlichen Strenge von Fräulein Rottenmeier (Katharina Schüttler), die sie nur noch Adelheid nennt und ihr gute Manieren beibringen möchte. Gut, dass Heidi auf das Verständnis des Butlers Sebastian (Peter Lohmeyer) und der französischen Hausangestellten Tinette (Jella Haase) rechnen kann. Dennoch: Heidi wird im großen Haus in der Großstadt immer unglücklicher. Sie sehnt sich nach ihrem Großvater und den Bergen. Als Klaras Großmutter (Hannelore Hoger) zu Besuch kommt, erkennt sie, dass es für die krank gewordene Heidi nur eine Chance gesund zu werden gibt.

Bei Gsponers Heidi-Neuverfilmung fällt sofort das aufwändige Produktionsdesign ins Auge: Sowohl die Häuser im Dorf und die Einrichtung des herrschaftlichen Hauses in Frankfurt als auch die sonstige Ausstattung, beispielsweise die Stoffe, sind bis ins kleinste Detail ausgesucht. Dazu passen das satte Grün der Alm und die schneebedeckten Berge, die von der Kamera immer wieder ins schönste Licht gerückt werden. Für die aufwändige Produktion sprechen außerdem die außergewöhnlich hohe Zahl von Komparsen, die sowohl im Alpen-Dorf als auch in Frankfurt immer wieder zu sehen sind, und dem Film eine besondere Qualität verleiht, sowie die guten computererzeugten Stadtbilder von Frankfurt. Die Musik von Niki Reiser wird allerdings an mehreren Stellen eine Spur zu sentimental.

Entsprechend der realistischen Optik des Filmes ist sein Ton ebenfalls teilweise ungeschliffen wie die Manieren des Almöhi – wenigstens am Anfang, als er seiner Enkelin im Stall einen Schlafplatz zuweist und keinen Stuhl anzubieten hat. Das Leben in den Alpen wird also keineswegs verklärt. Ebenso realistisch verkörpern auch die Schauspieler ihre Rollen: Bruno Ganz spielt einen kratzbürstigen und grantigen Großvater, der allerdings das Herz auf dem rechten Fleck hat. Hannelore Hoger gestaltet Klaras Großmutter als besonders verständnis- und liebevoll gegenüber Heidi. Brilliert Katharina Schüttler als autoritäre Gouvernante, bringen Peter Lohmeyer und auch Jella Haase eine gewisse Ironie in den Film mit ihren Rollen. Eine ganz große Entdeckung ist aber die 9-jährige Anuk Steffen, die Heidi mit großer Natürlichkeit darstellt. Dass sie aus Graubünden kommt, steigert noch ihre Glaubwürdigkeit.
„Heidi“ stammt aus der Zeit der Industrialisierung – Johanna Spyri veröffentlichte ihre „Heidi“-Bücher Ende des 19. Jahrhunderts. Daher der Gegensatz zwischen dem natürlichen Leben auf dem Land und der klaustrophobischen Atmosphäre in der Stadt, der sich ebenfalls in Gsponers Film bemerkbar macht. Auch hier fühlt sich Heidi in der Stadt eingesperrt, während sie in der Natur, in den Bergen, aufblüht. Die Filmemacher scheuen auch nicht davor zurück, das Thema Heimweh ungeschminkt zur Sprache zu bringen. „Es geht immer um Enge und darum, einen Ort für sich zu finden“, erläutert Alain Gsponer. Darüber hinaus stellt aber „Heidi“ auch das Dilemma dar, mit dem sich die Neunjährige konfrontiert sieht: auf der einen Seite ihre Verantwortung für Klara, auf der anderen aber auch für ihren Großvater und für Peters Großmutter. Insofern spricht „Heidi“ auch allgemein gültige Fragen an, die nicht nur für das 19. Jahrhundert von Bedeutung waren, sondern noch heute ihre Gültigkeit nicht eingebüßt haben.