Sind Hausaufgaben nur „pädagogisches Ritual“?

Sind Hausaufgaben nur „pädagogisches Ritual“?
Das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Dresden, von der dortigen Pressestelle veröffentlicht, wurde gleich von den Medien aufgegriffen und plakativ verarbeitet: Hausaufgaben machen oder nicht, es hat nach Meinung dieser Wissenschaftler keinen Einfluss auf die Noten. Wir konfrontieren die Aussagen mit dem gesunden Menschenverstand.
von Horst Hennert
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Was wurde denn genau untersucht?

Weder die genauen Untersuchungsmethoden der Studie, noch die nachprüfbaren Ergebnisse wurden mitgeteilt. Nur eine Pressemeldung der Universität Dresden konfrontiert den erstaunten Leser mit folgenden Aussagen:
"Gute Schüler werden durch Hausaufgaben nicht unbedingt noch besser", sagt Professor Hans Gängler von der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der TU Dresden, "und schlechte Schüler begreifen durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden haben."
Die Untersuchung der TU Dresden baut auf einer Studie zu Ganztagsangeboten in Sachsen auf. 70% aller sächsischen Ganztagsschüler nehmen mehrmals in der Woche an Hausaufgabenbetreuungen teil, von denen 1300 Schüler und 500 Lehrer befragt wurden. Ein Drittel der Lehrer gab an, nicht einschätzen zu können, ob Hausaufgaben den Schülern überhaupt irgendwas bringen, da sie bei etwa drei Viertel aller Schüler keinen Erfolg feststellen konnten. Von den Schülern gaben 70% an, durch eine Hausaufgabenbetreuung weniger Fehler zu machen. Ein Drittel der Schüler glaubt, dass ihre Noten sich dadurch verbessern.
Diese Ergebnisse führen Andreas Wiere, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der TU Dresden zu der Aussage: "Wir brauchen deshalb eine andere Kultur der Wissensvermittlung.“ Und Professor Hans Gängler kommt zu dem Schluss, ob man Hausaufgaben direkt nach der Schule, nachts unter der Bettdecke oder gar nicht mache, habe den gleichen Effekt auf die Zeugniszensuren – nämlich keinen. Denn nicht die Hausaufgaben seien für den Erfolg der Schüler entscheidend, sondern die pädagogische Betreuung.
Alle diese Aussagen stehen auf einem wenig soliden Fundament, da bei diesen Untersuchungen offensichtlich nur Meinungen abgefragt wurden: von Lehrern und von Schülern.
Sinn der Hausaufgaben

Hausaufgaben sind kein Selbstzweck. Es werden sicher auch solche gestellt, die für die Schüler keinen Lernzugewinn haben. Auch sei zugestanden, dass 705 Millionen Euro (und nicht fast fünf Milliarden wie in dieser Studie behauptet wird), die in Deutschland offensichtlich jedes Jahr für Nachhilfestunden und Hausaufgabenbetreuung ausgegeben werden, nicht immer gut eingesetzt sind.
Aber jeder Lehrer weiß aus der beruflichen Praxis, dass richtig gestellte Hausaufgaben bei den Schülern positive Wirkungen erzielen:
  • Durch Wiederholen wird das Gelernte gefestigt.
  • Ergänzende Stoffe werden im Eigenstudium dazugelernt.
  • Ein gewisser Bestand an auswendig gelernten Vokabeln, Gedichten, Fakten ist unerlässlich,
  • Die persönliche Beschäftigung mit dem Stoff führt zu einer vertieften Aneignung.
  • Eigenstudium muss man lernen, um an der Uni oder im Beruf sich in einem bestimmten Gebiet sachkundig machen zu können.

Von diesen positiven Wirkungen sind auch die Ganztagsschulen in ganz Europa überzeugt, wenn sie ihren Schülern trotz Ganztagsunterricht auch noch Hausaufgaben aufgeben.
Merkwürdige Argumentation

Es ist schon erstaunlich, wenn Hausaufgaben gegen „Kultur der Wissensvermittlung“ oder „pädagogische Betreuung“ ausgespielt werden, was auch immer darunter praktisch verstanden wird. Ebenso wenig erscheint es sinnvoll darauf abzuheben, dass der in der Schule nicht verstandene Stoff auch zu Hause nicht bewältigt werden kann.
An unmotivierten oder lernunwilligen Schülern Maß zu nehmen und danach seine pädagogischen Maßnahmen auszurichten, hilft weder diesen Schülern in ihrer Berufslaufbahn, noch führt es zu einem gerechten Umgang mit denjenigen, die es für selbstverständlich halten, sich beim Lernen anstrengen zu müssen und die zu Recht von der Schule erwarten, dafür die nötige Unterstützung zu erfahren.
Da jeder Erwachsene einmal eine Schule durchlaufen hat, kann er sich selbst ein Urteil darüber bilden, dass bestimmte zu Hause erledigte Aufgaben einen großen Lerngewinn erbracht haben. Heute ist es zudem viel einfacher an Daten, Fakten, Lernhilfen etc. durch das Internet zu kommen. Man kann nur zum besten der Schüler hoffen, dass sich Lehrer von solchen „wissenschaftlichen“ Untersuchungen, die einem Populismus huldigen, nicht einschüchtern lassen und ihr Heil in einer „Kuschelpädagogik“ suchen.
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Link
>Pressemeldung der Uni Dresden

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