Was ist die Hauptaufgabe des Lehrers?

Was ist die Hauptaufgabe des Lehrers?
Auf der gerade zu Ende gegangenen Didacta in Stuttgart beschäftigten sich mehrere Vorträge mit dem Lernen der Schüler und der Rolle, die dabei der Lehrer spielt. Dabei geraten die Forschungsergebnisse der Hirnforscher und Neurobiologen immer mehr in den Blick. Prof. Dr. Gerhard Roth, einer der renommiertesten Gehirnforscher und bekannter Buchautor, der Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie an der Universität Bremen ist, ging dabei in einem Interview mit bildungsklick mit der derzeitigen Lehrerausbildung hart ins Gericht.
von Horst Hennert
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Mangelhafte Lehrerausbildung

Nicht die Schuld der Lehrer sei es, so Prof. Roth, wenn sie nicht das angemessene Rüstzeug bekämen, um die Schüler zum Lernen zu motivieren. Die eigentlichen Mängel liegen in der Lehrerausbildung, die ihnen weder das genügende Wissen noch die entsprechenden Fortbildungskurse anbieten, die sie benötigen, um die Schülerpersönlichkeit zu verstehen und jedem einzelnen in der ihm angemessenen Weise bei seiner spezifischen Art des Lernens zu helfen.
Untersuchungen haben festgestellt, welche kommunikativen Signale lern- und aufmerksamkeitsfördernd auf Schüler wirken – und das könne man wenigstens bis zu einem gewissen Grad trainieren.
Außerdem werde in der Ausbildung kaum auf die Lernschwierigkeiten und die Lerndefizite der Schüler eingegangen: „Zehn Prozent der Schüler haben im klinischen Sinne Aufmerksamkeits- oder andere Defizite. Manchmal werden auch sensorische Behinderungen - meist beim Hören oder Sehen - nicht erkannt. Hinzu kommen psychische Defizite, die zum Teil schwerwiegend sind wie Depression oder Angststörungen und schließlich die emotional-psychischen Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund.“
Die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit

Weil unseren Lehrern fälschlich, so Prof. Roth, vermittelt wurde, „das Lernen müsse selbstorganisiert und selbstreguliert vonstatten gehen“, seien sie total verunsichert. „Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen, dass ein wesentlicher Teil des Lernerfolgs der Schüler davon abhängt, wie der Lehrer aufgestellt ist, ob er eine Vertrauensperson ist und ob er sich in die Psyche und die intellektuellen Fähigkeiten des Schülers hineinversetzen kann. Kurzum, ob er Fähigkeiten hat, die unabdingbar für den Unterricht und für die Wissensvermittlung sind.“
So tritt der Gehirnforscher mit der Maximalforderung an den Lehrer heran, nicht nur zu wissen, wie Lernbereitschaft und Lernmotivation bei den Schülern erzeugt werden, sondern er müsse auch „imstande sein, die Persönlichkeit jedes einzelnen Schülers hinreichend zu erfassen, die des Lernschwachen wie die des Hochbegabten.
Und wie sieht die Wirklichkeit aus?

Nimmt man diese Anforderungen des Neurobiologen als Maßstab ernst, so muss man zugeben, dass viele Lehrer mit dem besten Willen dahinter zurückbleiben, entweder weil sie dazu nicht in der Lage sind und somit vielleicht ihren Beruf verfehlt haben, oder weil sie mangels entsprechender Ausbildung nicht dazu befähigt wurden, oder weil das Schulsystem mit zu großen Klassen und zu viel Unterricht sie daran hindert.
In den vergangenen Jahren sind ganze Lehrergenerationen mit der Maßgabe ausgebildet worden: ein guter Lehrer nimmt sich völlig zurück, er überlässt den Schülern möglichst viele Aktivitäten im Unterricht selbst, er setzt viel Gruppenarbeit ein, ermuntert die Schüler auch ohne Sachkenntnis ihre Meinung zu äußern und vermeidet vor allem den verpönten Frontalunterricht. Es sollte zu denken geben, dass bei den Ländern, die am besten bei PISA abgeschnitten haben, der Frontalunterricht Standard ist.
Es bleibt nur die Hoffnung, dass die Bildungspolitiker aufhören, das „Bildungsheil“ in den Strukturen zu suchen, ständig neue Organisationsformen auszuprobieren, die Lehrer mit Organisatorischem zu überhäufen und durch neue didaktische Heilslehren zu verunsichern. Sie sollten hingegen ihr Augenmerk auf all das richten, was den Lehrern mehr Freiraum, Zeit und Muße gibt, sich dem Kerngeschäft ihrer Bildungsarbeit zu widmen.
Da jeder Erwachsene einmal die Schule besucht hat, kann er aus eigener Anschauung zumeist auf ein oder zwei Lehrer verweisen, die dem hohen Anspruch, der an Lehrer gestellt wird, genügten und zwar weil sie als glaubwürdige Persönlichkeiten Wirkung erzielt haben, die jenseits des in der Ausbildung Erlernbaren liegt. Hinzu kommt, dass heute von den Lehrern erwartet wird, die Erziehungsdefizite aus den Familien aufzuarbeiten und vieles von dem auszugleichen, was Eltern versäumt haben.
Man kann nur möglichst vielen Schülern wünschen, dass sie solchen Persönlichkeiten in unseren Schulen begegnen, denn sie sind die eigentlichen Erzieher, die ein Fundament für das ganze Leben legen und die weit über die Schulzeit hinaus wirken.
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Das Interview findet sich unter: Die Rolle des Lehrers wird grundlegend verkannt
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