Handschriftliches in den Papierkorb?

von Carolyn Moynihan - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Alle, die sich in der Schule abmühen mussten, mit dem Füllfederhalter Schönschrift zu üben, dabei manche Zurechtweisung ihres Lehrers erfuhren und jetzt nur noch die Tastatur eines PCs malträtieren, können sich als Speerspitze einer Entwicklung sehen, die das Erlernen von Handschrift für überflüssig hält. Es scheint, dass die Bildungswelt dies genauso sieht.

Ab dem kommenden Jahr wird es keinen regulären Handschriftunterricht mehr in Finnlands Schulen geben. Das neue Curriculum der USA wird Handschriftunterricht nach der ersten Jahrgangsstufe aufgeben. Eine australische Akademikerin erwartet schon den Tag, an dem ihr Land sich ebenso dazu entschließt. Die Tastatur ist viel effizienter, so ihr Argument, und es hilft den Lehrern, wenn lesbare Schrift produziert wird.

Dinge schneller und leichter zu erledigen klingt in diesen Tagen, wo wir alle hetzen müssen, immer überzeugend. Doch welche Folgen hat es, die Handschrift aufzugeben und sie als eine idyllisch esoterische Fertigkeit zu betrachten? Und gewinnen wir wirklich so viel mehr, wenn wir uns an eine Tastatur ketten?

Die Antworten sind: ja, es ist wichtig und, nein, vielleicht doch nicht.

Bildungsverlust

Nach einem Beitrag der New York Times, die diesbezügliche Forschungsergebnisse zusammengetragen hat, lernen Kinder schneller lesen, wenn sie zunächst Handschrift lernen. Begriffe nieder zu schreiben, fördert Buchstabieren, Satzbau und Wortbildung in einer Weise, die Geräte mit Auto-Ergänzung und Auto-Korrektur nicht bieten.

Handschrift hilft Kindern auch dabei, Informationen zu erzeugen, sich vorzustellen und ins Gedächtnis zu rufen. Psychologen, wie Stanislaus Dehaene am College de France in Paris, nehmen an, dass dies mit der Aktivierung eines einzigartigen neuronalen Schalters zusammenhängt, der Lernen begünstigt, indem er Schreibbewegungen des Kindes mit Worterkennung verbindet.

Diese Sicht teilt die amerikanische Psychologin Karin James. 2012 untersuchte sie Kinder, die noch nicht lesen gelernt hatten und verglich die, die Buchstabenvorlagen von Hand nachzeichneten, mit denen, die sie auf einer Tastatur aufsuchten und eintippten. Dabei zeigten Kinder, die die Buchstaben freihändig nachzeichneten, erhöhte Gehirnaktivitäten in den drei Arealen, die auch Erwachsene beim Lesen und Schreiben nutzen, während bei der anderen Gruppe diese neuronalen Aktivitäten fehlten.

Die Ergebnisse einer weiteren Studie von Dr. James lassen darauf schließen, dass es nur das aktuelle Bemühen beim Schreiben ist, das die Nervenleitung des Gehirns beschäftigt und den Lernerfolg handschriftlichen Trainings bewirkt.

Unabhängig von Bildung: Gedächtnisleistung, Selbstbeherrschung

Weitere Forschungsergebnisse lassen auch den Schluss zu, dass das Handschrifttraining bei Kindern über Bildungserfolge hinaus ebenso dazu beiträgt, Ideen zu fördern, den Charakter zu bilden und Entwicklungsstörungen zu korrigieren.

Virginia Berninger, ebenso Psychologin, die in diesem Bereich tätig ist, berichtete in Times, dass Kinder, die Texte von Hand schrieben, nicht nur mehr und schneller Wörter produzierten, als über die Tastatur, sondern auch dabei mehr Ideen entwickelten. Hinzu kommt: „Wenn [ältere] Kinder aufgefordert wurden, Ideen zu entwickeln, zeigten diejenigen mit flüssigerer Handschrift verstärkt neuronale Aktivitäten in Hirnbereichen, die mit dem Arbeitsgedächtnis in Bezug stehen, sowie eine höhere allgemeine Aktivität in den Arealen für Lesen und Schreiben.“

„Fließende Handschrift“ ist, ohne Frage, der Goldstandard für Handschrift und bietet Kindern ausgeprägte und besondere Vorteile. Dr. Berninger ist überzeugt, dass sie „die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung in einer Weise bildet, die andere Schreibformen nicht leisten können.“ Einige Forscher sind der Meinung, sie sei ein Weg zur Behandlung von Legasthenie, von Leseschwäche, während andere dasselbe bei Dysgraphie, einem Mangel motorischer Kontrollfähigkeit beim Schreiben annehmen.

Eine rhetorische, aber interessante Frage: Wäre Charles Dickens produktiver gewesen, hätte er auf einer Tastatur geschrieben?

Aber auch Erwachsene können neue Informationen besser verarbeiten, wenn sie diese mit Bleistift, oder Füller notieren. Studenten verinnerlichen jedenfalls besser, wenn sie ihre Notizen handschriftlich festhalten, anstatt sie einzutippen, meinen viele Forscher. Einige erklären dies mit verstärkter Ablenkung durch „Multitasking“ (mal eben neueste Nachrichten auf Facebook abrufen, während man eine Vorlesung auf dem Laptop mitschreibt) doch sind die Psychologen Pam Mueller und Daniel M. Oppenheim überzeugt, dass selbst wenn Laptops nur genutzt werden, um Notizen festzuhalten, dies die Verarbeitung von Information oberflächlicher macht.

In drei Studien stellten wir fest, dass Studenten, die ihre Notizen auf dem Laptop mitschrieben, schlechter bei konzeptionellen Fragen abschnitten, als jene, die handschriftlich notierten. Wir konnten zeigen, dass, wiewohl mehr Informationen zu notieren, vorteilhaft sein kann, die Tendenz von Laptop-Nutzern, Vorlesungen möglichst wortgetreu zu transkribieren, statt die Information zu verarbeiten und mit eigenen Worten festzuhalten, dem Verinnerlichen abträglich ist.

Doch steht noch mehr auf dem Spiel

Es gibt noch mehr Argumente gegen die Entsorgung der Handschrift in die Mülltonne der Geschichte: Nicht alle Menschen haben Zugang zu Computern, Kalligraphie ist eine Kunstform, die viele Menschen in ihren Bann zieht und da ist noch die Wissenschaft der Graphologen.

Der größte Verlust wäre jedoch, die Intimität persönlicher, handgeschriebener Briefe, mit ihrem Ausdruck von Gefühlen, Gedanken und Empathie für den Adressaten des Briefes aufzugeben.

Meine Handschrift mag nicht alle Geheimnisse meiner Psyche offenbaren, wie es die Graphologen behaupten, doch sie ist mein, einzigartig mir zugehörig, und ein Brief, den ich in der schönsten, mir möglichen Schreibschrift verfasse, mit Hilfe eines guten Füllfederhalters auf einem Papier guter Qualität, ist mein persönliches, kleines Geschenk für einen Freund oder Verwandten in der Ferne. Eine ganz persönliche Begegnung, die nicht durch einen maschinen-geschriebenen Brief und schon gar nicht durch ein E-Mail ersetzt werden kann.

Im Vergleich mit der Leichtigkeit und der geringen Mühe einer E-Mail oder eines Anrufs, bedeutet das Schreiben eines Briefes einen Aufwand, der nicht nur Respekt und Liebe für den Adressaten ausdrückt, sondern auch einen moralischen Sieg für mich bedeutet. Jeder dieser Briefe ist ein Triumph über das Abgleiten in Beiläufigkeit und Faulheit, die eine Beziehung nach und nach aushöhlt.

Der maschinen-geschriebene Brief mag zwar den hand-geschriebenen irgendwie ersetzen, doch ist das heute Realität? Es scheint mir eher, dass der Rückgang an handschriftlicher Korrespondenz auch einen absoluten Rückgang an persönlichem Austausch mit sich bringt. (Selbst Geschäftspost ist rückläufig durch elektronische Abrechnung und -Zahlungssysteme, sodass die Neuseeländische Post überlegt, Briefversand drastisch einzuschränken.)

Textnachrichten und Skype sind wunderbare Möglichkeiten, häufigen Kontakt mit Freunden und Verwandten, die weit entfernt leben, zu pflegen, doch welche Familiengeschichte oder Biographie lässt sich aus den kurzlebigen Nachrichtenfetzen elektronischer Kommunikation konstruieren? Digitale Tagebücher scheinen hier auch keine langlebigen Früchte zu produzieren.

Deshalb werden nicht nur Allgemeinbildung, Rechtschreibung und Lernfähigkeit durch den Triumph der Tastatur leiden, auch Familienbeziehungen, Freundschaften und Beziehungen zu unseren Wurzeln geraten in Gefahr, wenn die einfühlsame, wenn auch anfangs beschwerliche Fertigkeit der Handschrift dem Orkus der Geschichte anheim gegeben wird

So werde ich mich jetzt ausloggen und endlich den längst überfälligen Brief an meine japanische Freundin schreiben.

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Carolyn Moynihan ist Mitherausgeberin von MercatorNet.