„Glück ist...“ – Umfrage an einer Berliner Gesamtschule (2)

„Glück ist...“ – Umfrage an einer Berliner Gesamtschule (2)
In zwei Folgen berichten wir von einer Umfrage an einer Berliner Gesamtschule zum Thema "Glück". In der zweiten Folge geht es um die konkreten Ergebnisse der Umfrage und deren Interpretation.
D. Hentschel - R. Kennis - J. Bordat
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2. Zur Umfrage

2.1 Methodik

Befragt wurden insgesamt 153 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren (aus der 7. Klasse 12, aus der 8. Klasse 13, aus der 9. Klasse 18, aus der 10. Klasse 9 und 11 Personen aus der Jahrgangsstufe 11). Es beteiligten sich 70 Mädchen, 75 Jungen und 8 verrieten uns ihr Geschlecht nicht. Leider konnte der bedeutende Faktor Religion und Religiosität von uns nicht erhoben werden, weil uns dazu die Genehmigung der zuständigen Senatsverwaltung und das Einverständnis der Eltern fehlte. Obwohl die Umfrage also methodische Mängel aufweist[4], liefert sie erste Anhaltspunkte dafür, wie Kinder und Jugendliche den Begriff des Glücks sehr plastisch ausformen, indem sie konkrete Momente und Konzepte benennen, die beschreiben, was „Glück“ in ihren Augen bedeutet. Damit lassen sich zumindest Arbeitshypothesen aufstellen, aus deren Analyse sich wertvolle Ansätze für die Werteerziehung gewinnen lassen.
Wir wollten von den Schülerinnen und Schülern dazu dreierlei wissen:

1. Was ist für Dich „Glück“?:
2. Glaubst Du, die anderen denken auch so? und
3. Warum glaubst Du das?

Damit meinten wir, sowohl einen Einblick in das Glücksverständnis des Einzelnen als auch eine Einschätzung der Verallgemeinerbarkeit der jeweils eigenen Position zu bekommen.
2.2 Auswertungskriterien

Für das Konzept des Glücks (Frage 1) ist eine Unterscheidung der Ebenen fortuna und felicitas maßgebend. Die fortuna-Ebene des Glücks umfasst kurzfristige, schicksalhafte, „ohne eigenes Zutun“ entstehende, situative, konkrete, sinnliche, lustvolle, von „außen“ hereinbrechende Momente. Das Glück auf der fortuna-Ebene ist „erspielbar“, man hat Glück. Auf der felicitas-Ebene des Glücks liegen die Ergebnisse einer bestimmten tugendhaften, effizienten, am „Höheren“ orientierten, holistischen und damit letztlich geglückten Lebensführung, die auf eine langfristige Lebensplanung bezogen ist und als „Werk“ des Menschen begriffen wird (zumindest auch so), in jedem Fall aber von „innen“ entwickelt wird. Das Glück auf der felicitas-Ebene ist „erzielbar“, man ist glücklich. Es ist wichtig, diese Unterscheidung vorzunehmen, so wie man etwa zwischen Spaß und Freude unterscheiden muss.
In anderen Sprachen tritt die Differenz der Ebenen deutlich hervor, weil es zwei Wörter für „Glück“ gibt. Während das Glück, das man hat, als fortune, suerte oder luck gekennzeichnet wird, handelt es sich bei Lebensumständen, die einen Menschen glücklich sein lassen, um felicité, felicidad oder happiness. Im Deutschen könnte zwischen Glück und Glückseligkeit unterschieden werden. Glückseligkeit ist ein nicht mehr gebräuchlicher Begriff, der jedoch vom Mittelalter bis in die Hochaufklärung für diesen Glücksbegriff des „glücklich sein“ verwendet wurde, allerdings – im Gegensatz etwa zu happiness – mit einer soteriologisch-eschatologischen Konnotation: das Heil der Seele als letzter und höchster Sinn des Daseins und damit als das Glück schlechthin ist der zentrale Aspekt der Glückseligkeit, über die allein der Glücksbegriff Eingang in die christliche Ethik fand.
Wir haben des weiteren zwischen materiellen und nicht-materiellen Glücksinhalten unterschieden, so dass wir vier „Klassen“ bilden konnten, die sich durch folgende paradigmatische Aussagen charakterisieren lassen: 1. die Orientierung an einem materiellen fortuna-Konzept des Glücks („Glück ist, einen Sechser im Lotto zu haben.“), 2. die Orientierung an einem nicht-materiellen fortuna-Konzept des Glücks („Glück ist, eine Eins im Diktat zu bekommen, obwohl man nicht geübt hat.“), 3. die Orientierung an einem materiellen felicitas-Konzept des Glücks („Glück ist, einen tollen Job zu haben, in dem man viel Geld verdient.“) und 4. die Orientierung an einem nicht-materiellen felicitas-Konzept des Glücks („Glück ist, gesund zu sein und eine intakte Familie zu haben.“).
Zur Verallgemeinerbarkeit des Konzepts (Fragen 2 und 3) unterschieden wir zwischen der überpersonalen Zuschreibung des eigenen Konzepts („Jeder denkt so.“; „Wer nicht so denkt, ist krank/abartig/verrückt/...“), der wir eine kollektivistische Grundhaltung beimaßen und einer individualistischen Position („Jeder denkt anders.“).
Insgesamt erhielten wir mit den beiden Alternativen innerhalb der drei Kriterien (fortuna/felicitas, materiell/nicht-materiell, kollektivistisch/individualistisch) acht unterschiedliche Glückskonzeptionen, die quantitativ und qualitativ ausgewertet wurden.
2.3 Ergebnisse

Drei Tendenzen konnten wir feststellen: 1. Es gibt eine starke Korrelation von Glückskonzeptionen des Typs fortuna mit materiellen Inhalten sowie des Typs felicitas mit nicht-materiellen Inhalten. 2. Die Mehrheit der Befragten favorisiert eine Glückskonzeption felicitas mit nicht-materiellen Inhalten. 3. Unter diesen überwiegt die individualistische Position deutlich, während bei denen, die einen Glücksbegriff des Typs fortuna mit materiellen Inhalten vertreten, das Verhältnis von kollektivistischen und individualistischen Positionen ausgeglichen ist.
Überdurchschnittlich viele der befragten Jugendlichen vertreten ein felicitas-Konzept des Glücks mit nicht-materiellen Inhalten, das sie mit einer individualistischen Haltung verbinden. Glück ist für sie keine schicksalhafte Augenblickserscheinung, sondern plan- und machbares „gutes Leben“, wobei „gut“ nicht-materielle Dinge wie gute Gesundheit und intakte Familie meint. Berücksichtigt man, dass nur etwa die Hälfte der Befragten überhaupt ein eindeutiges Konzept vertreten, so steigt ihr Anteil auf ein Drittel von allen. Diese Konzeption des Glücks korreliert mit dem Lebensalter und dem Geschlecht der Befragten: 1. Es lässt sich mit steigendem Lebensalter ein deutlicher Anstieg der felicitas-Glückskonzeption mit nicht-materiellen Inhalten verzeichnen; 2. Während Mädchen überwiegend das Glück als felicitas deuten, erscheint es bei Jungen vornehmlich als fortuna.
3. Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis

Die Ergebnisse weisen auf eine grundsätzlich postmaterialistische und liberale Grundhaltung bei den meisten Jugendlichen hin, auch wenn beachtet werden muss, dass viele „ihr“ Konzept von Glück noch nicht gefunden haben. Dennoch ist der etwas überraschende Befund bei der Formulierung ethischer Erziehungskonzepte zu berücksichtigen.
Glück scheint für viele als nicht (nur) materiell wirksamer Langzeitwert und als individuelles Lebenswerk („Gutes Leben“) wahrgenommen zu werden, das nicht nur im schicksalhaft günstigen Augenblick erfahrbar ist. Das ist eine gute Basis, auch religiös-ethische Gedanken in die Entwicklung des Glücksbegriffs einzuführen. Aus christlicher Sicht nicht ganz unproblematisch ist die von den Jugendlichen erkannte fehlende Universalisierbarkeit des Glückskonzepts: Jeder ist seines Glückes Schmied lautet die subjektivistische und damit relativistische Position. Diese Haltung ist einerseits zu erwarten, andererseits muss in der Erziehung deutlich werden, welches Glück wir unter welchen Bedingungen anstreben sollten. Auf das „Anything goes“ in der Lebensorientierung von Jugendlichen muss eine vermittelnde Antwort gefunden werden, will die Kirche mit ihren universalistischen Konzepten nicht aus dem Wertediskurs ausscheiden. Zugleich ist der damit einhergehende Eigenwert freier Lebensgestaltung zu achten und das verbindliche „Glück des Christenmenschen“ als Angebot an Kinder und Jugendliche zu richten.
Der deutliche Unterschied in der Glückskonzeption zwischen Mädchen und Jungen könnte schließlich bedeuten, über einen Ethik-Unterricht speziell für Jungen nachzudenken, in dem über spezifisch maskuline Glückskonzepte, die oft im „Gewinn eines Spiels“ erstarren, reflektiert werden kann und in dem insbesondere christliche Werte jenseits der materiellen fortuna-Ebene zu vermitteln sind.
Der Ort des pädagogischen Wirkens ist – das wurde ja eingangs schon angedeutet – das Selbstbild der Schüler. Der Eingriff in die Vorstellungswelt soll dabei jene Bedingungen schaffen helfen, die notwendig sind, um eine „christliche Glücksorientierung“ im Sinne der Glückseligkeit zu bestärken und damit auch entsprechendes Verhalten zu motivieren: Aufmerksamkeit und Empathie, die zur Anerkennung der Belange des Anderen führt.
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Die Autoren:
Dieter Hentschel, Dipl.-Päd. – Dozent a. D. an der Freien Universität Berlin
Aufgabenbereich: Konzeptionelle Beratung und kritische Reflexion der Ergebnisse
Ralf Kennis, Gesamtschulrektor – Lehrer in Berlin
Aufgabenbereich: Methodik der Studie, Organisation und Durchführung der Datenerhebung
Josef Bordat, Dipl.-Ing. Dr. phil. – Publizist in Berlin
Aufgabenbereich: Theorie; Methodik der Studie, Auswertung und Deutung der Daten

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